Drachensaat des Pantheismus?

Georg Wilhelm Friedrich Hegel und die Religionsphilosophie des deutschen Idealismus
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) in seinen letzten Lebensjahren von einem unbekannten Künstler (Berlin-Dahlem, Staatliche Museen).
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Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) in seinen letzten Lebensjahren von einem unbekannten Künstler (Berlin-Dahlem, Staatliche Museen).

Am 27. August 1770, vor genau 250 Jahren, wurde der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren. Sein Werk ist ein wichtiger Ausgangspunkt und eine stete Reibefläche der modernen Philosophie. Hegel war auch ausgebildeter Pfarrer und beschäftigte sich sehr mit theologischen Fragen. Anlässlich des Jubiläums skizziert der Systematische Theologe Jan Rohls aus München Hegels Erkenntnisse in Sachen christlicher Religion.

Beethoven, Hölderlin, Hegel: Diese Repräsentanten der deutschen Klassik in Musik, Dichtung und Philosophie teilen das Geburtsjahr 1770. Hölderlin und Hegel teilten zudem mit Schelling die akademischen Anfänge als Theologiestudenten im Tübinger Stift, der Kaderschmiede des schwäbischen Luthertums. Beide traten nach dem theologischen Examen in Stuttgart eine Hauslehrerstelle an, damals das Los vieler Akademiker.

Hölderlin verschlug es nach Frankfurt, Hegel nach Bern. Bereits der junge Hegel zeigte weitgespannte Interessen. Vor allem nahm er Anteil an den politischen Umbrüchen der Zeit, nicht zuletzt an der Französischen Revolution und ihren Folgen. Die fragmentarischen Skizzen, die er 1793/94 in Bern zu Papier brachte, sahen auch die Religion unter einem sozialpolitischen Aspekt, nämlich in ihrer Rolle als Volksreligion. Religion nach der Aufklärung müsse nicht nur die Vernunft, sondern, um Volksreligion zu sein, auch die Phantasie und das Herz der Menge befriedigen und alle politischen Aktionen des Staates begleiten können.

Rousseaus Idee einer religion civile klingt hier ebenso nach wie die Begeisterung der Stiftler für die „schöne Religion“ der griechischen Polis. Das Christentum tauge hingegen kaum zur Volksreligion, weil es über die Vernunft hinausgehe, rein geistig sei und den Blick des Menschen nur aufs Jenseits lenke. Unter dem Eindruck der Lektüre der praktischen Philosophie und der Religionsschrift Kants gelangte Hegel zwar zu einer Deutung Jesu als des Stifters einer rein moralischen Religion und schrieb sogar ein Leben Jesu, aus dem er alles Wunderhafte zugunsten des Moralischen verbannte. Doch die weitere Entwicklung von der moralischen Religion Jesu zur positiven christlichen Religion stellte er als Verfallsgeschichte dar. Hegels Auffassung der Religion erhielt allerdings neue Konturen, als er durch Vermittlung Hölderlins eine Hauslehrerstelle in Frankfurt antrat. Er griff die platonisierende Vereinigungsphilosophie seines Freundes auf, und an die Stelle der kantischen Gesetzesmoral traten die Leitbegriffe „Liebe“, „Leben“ und „Sein“, mit denen sich die Aufhebung von Entzweiung, Einheit von Entgegengesetztem verband.

Das Christentum, ebenso übrigens das Judentum, erfuhr aber auch jetzt noch keine positive Deutung, da es die Entzweiung nicht wirklich überwinde. Immerhin gelangte Hegel am Ende seiner Frankfurter Zeit zu einer positiven Deutung der Religion. Sie bewege sich im Unterschied zum analytischen Verstandesdenken, der in Gegensätzen sich bewegenden philosophischen Reflexion, nicht in der Sphäre der endlichen Dinge. Vielmehr sei sie eine Erhebung vom endlichen zum unendlichen Leben.

Das Jahr 1800 bedeutete eine entscheidende Wende in Hegels Biografie. Mit der Übersiedlung nach Jena, damals ein Zentrum des literarisch-philosophischen Lebens, begann in enger Zusammenarbeit mit Schelling seine akademische Karriere. In der Kontroverse Schellings mit Fichte, der als Folge des Atheismusstreits Jena kurz zuvor in Richtung Berlin verlassen hatte, ergriff er für seinen ehemaligen Tübinger Kommilitonen Partei. Im Anschluss an ihn bildete er den traditionell in der Metaphysik und philosophischen Theologie verankerten Gedanken des Absoluten aus, des durch nichts außer sich bedingten, aber alles bedingenden Unbedingten.

Aufhebung der Entzweiung

Das Absolute als das in sich differenzierte Ganze, als „Identität von Identität und Nichtidentität“, lasse sich aber nur als System philosophisch erkennen und darstellen. Was zuvor allein der Religion zugetraut worden war, die Aufhebung der Entzweiung, die Erhebung zum Unendlichen, Absoluten, wurde nun zur Aufgabe der Philosophie.

Diese Neuausrichtung seiner Gedanken verband sich bei Hegel mit einer Abrechnung mit den Häuptern der zeitgenössischen Philosophie. In „Glauben und Wissen“ (1802) warf er Kant, Fichte und Jacobi vor, das Absolute zu einem der Vernunft unzugänglichen, dem endlichen Subjekt entgegengesetzten transzendenten Göttlichen gemacht zu haben, das Gegenstand nicht des Wissens, sondern nur des Glaubens sein könne. Er stellte zudem einen Zusammenhang her zwischen dem in der Aufklärung kulminierenden Prozess der Subjektivierung und Säkularisierung, der Entzauberung der Welt, und dem Protestantismus.

Schleiermachers „Reden über die Religion“ (1799), die Religion als Anschauung und Gefühl des Universums fassen, wurden zwar wegen des Begriffs des Universums gerühmt, weil er wie der Begriff des Absoluten den Gegensatz zwischen Subjekt und Objekt überwinde. Aber zugleich wurden sie als Gipfel des Subjektivismus kritisiert, weil Anschauung und Gefühl des Universums rein subjektiv blieben. Auf diesen Subjektivierungsprozess, der die Welt entgöttert und Gott in ein unerkennbares Jenseits verdrängt, bezieht sich Hegels Wort vom „spekulativen Karfreitag“ oder „Tod Gottes“, auf den allerdings seine Auferstehung im Geist folgen soll.

Frisch habilitiert und bald zum außerordentlichen Professor ernannt, widmete sich Hegel in seinen Jenaer Vorlesungen der Ausarbeitung seines Systems, für das der Begriff des Geistes zentrale Bedeutung gewann. Der Geist trat an die Stelle von Liebe, Leben und Sein. Das Absolute wurde jetzt als Geist gefasst, das heißt aber als wissende Selbstbeziehung, kurzum als Selbstbewusstsein oder Subjekt. Allerdings – und das ist die Pointe –: Diese Selbstbeziehung des Geistes ist vermittelt durch das Andere seiner selbst, die Natur, in der er nur verborgen existiert. Und sie findet ihre Erfüllung dort, wo der Geist sich auf den Geist als solchen richtet und unser Erkennen Selbsterkenntnis des Geistes ist.

Allmählich bildete Hegel auch die Unterscheidung von subjektivem, objektivem und absolutem Geist aus. Der subjektive Geist umfasse das Bewusstsein ebenso wie den Willen und das Gefühl, und er manifestiere sich im objektiven Geist, in den sozialen Institutionen des Rechts und der Sittlichkeit.

Doch zur geistigen Welt gehörten schließlich auch Kunst, Religion und Philosophie als Sphären des absoluten Geistes. Absolut sei der Geist deshalb, weil er sich in ihnen nur noch auf sich selbst beziehe, wobei der Kunst die Anschauung, der Religion die Vorstellung und der Philosophie der Begriff, das begreifende, vernünftige Wissen, zugeordnet sind.

Die reife Frucht der Jenaer Zeit ist Hegels „Phänomenologie des Geistes“, die Darstellung des Weges zum absoluten Wissen. Sie erschien, während Jena unter der französischen Besatzung litt, 1807 in Bamberg, wo Hegel für ein Jahr als Zeitungsredakteur tätig war, bevor er für acht Jahre nach Nürnberg ins Schulamt wechselte. Dem Schlusskapitel „Das absolute Wissen“ über das vollkommene Wissen des Geistes von sich, ist das Kapitel „Die Religion“ vorgeschaltet, das nun endgültig dem Christentum den Vorrang vor der früher verherrlichten griechischen „Kunst-Religion“ einräumt.

Die gesamte Religionsgeschichte wird als Menschwerdung Gottes gefasst und das Christentum als absolute Religion, weil es auf dem Glauben gründe, dass der Geist als ein Selbstbewusstsein, das heißt, als wirklicher Mensch sinnlich gewiss sei. Dessen Tod, der ihn der Sinnlichkeit entziehe, bilde zwar den Übergang vom einzelnen zum allgemeinen Selbstbewusstsein der Gemeinde. Doch gerade darin, dass die nachösterliche Gemeinde die Versöhnung an ein vergangenes Individuum, an eine fremde Genugtuung und an eine zukünftige Erlösung knüpfe, bleibe auch sie der defizitären Form der religiösen Vorstellung verhaftet. Die christliche Religion sei wohl die offenbare und daher absolute Religion, weil Gott oder das Absolute in ihr als das, was es ist, nämlich als selbstbewusster Geist offenbar sei. Aber als Religion habe sie diesen wahren Inhalt in der unangemessenen Form der Vorstellung und klebe somit am Sinnlichen, Bildlichen.

Die Erlösung aus dem Nürnberger Schulamt und die Rückkehr an die Universität, und zwar zunächst 1817 nach Heidelberg, verdankte Hegel unter anderem Carl Daub, der als einer der ersten seine Philosophie für die protestantische Theologie fruchtbar machte. Doch Heidelberg diente nur als Sprungbrett für die 1818 erfolgte Berufung als Nachfolger Fichtes an die neugegründete Berliner Universität.

Bereits in Heidelberg begann Hegel über die einzelnen Sphären des absoluten Geistes, über die Ästhetik und die Geschichte der Philosophie zu lesen. Vorlesungen zur Philosophie der Religion traten erst in Berlin hinzu, während die Religion, und zwar ausschließlich die christliche Religion, zuvor nur im Rahmen der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ (1. Auflage, 1817) als eine der Kunst überlegene Sphäre des absoluten Geistes behandelt worden war.

Walter Jaeschke, dem wir neben dem „Hegel-Handbuch“ die kritische Ausgabe von Hegels Manuskript und die Nachschriften der vier Berliner religionsphilosophischen Kollegs von 1821 bis 1831 verdanken, hat die Hinwendung zur Religion mit der gleichzeitigen Publikation der Unionsdogmatik „Der christliche Glaube“ seines Berliner Kollegen Schleiermacher in Verbindung gebracht. An Schleiermacher kritisierte Hegel vor allem die Bestimmung des Wesens der Religion als Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit. Zwar bestritt er nicht, dass der religiöse Inhalt auch im Gefühl sei, aber seine Rechtfertigung könne der in der Religion vorgestellte Inhalt nur durch das begreifende Denken erlangen. Und das Wesen der christlichen Religion sah Hegel nicht in der Abhängigkeit, sondern in der Freiheit.

Radikale Religionskritik

Für ihn ist die Religion Selbstbewusstsein des absoluten Geistes in der Form der Vorstellung, und sie muss, soll ihr Inhalt gerechtfertigt werden, in die Form des Begriffs überführt werden. Angesichts der radikalen Religionskritik der Aufklärung forderte Hegel die Religion auf, sich in den Begriff, die Philosophie, zu flüchten. Denn nur durch ihre geistphilosophische Fundierung lasse sich zeigen, dass Vernunft in der Religion sei. Weder der Rückgriff auf die Offenbarung, die Schrift und die Tradition noch der auf die Geschichte und das subjektive fromme Gefühl taugten zu ihrer Rechtfertigung.

Hegel geht nach Aufstellung des „Begriffs der Religion“ unter dem Titel „Die bestimmte Religion“ die gesamte Religionsgeschichte von Osten nach Westen durch – schon dies eine imposante, innovative Leistung –, um die positiven Religionen als Gestalten des absoluten Geistes darzustellen. Das Christentum hingegen ist für ihn die „vollendete Religion“, weil es das Absolute als Geist fasst und sich der Begriff der Religion in ihm realisiert. Geist: Das bedeutet Vernunft und bewusster Selbstbezug. Das Spezifikum des Hegelschen Geistbegriffs besteht dabei darin, dass dieser Selbstbezug nicht unmittelbar, sondern durch Anderes vermittelt ist. Das meint Hegel, wenn er sagt, dass es das Wesen des Geistes sei, im Anderen seiner selbst bei sich selbst zu sein. Das Subjekt wird sich, indem es sich auf Anderes, auf ein Objekt bezieht, seiner selbst bewusst.

Im Christentum werde dies vorstellungshaft ausgedrückt im Trinitätsdogma: Gott ist nur Gott, insofern der Vater über das Andere, den Sohn, im Geist bei sich selbst ist. Das äußerliche Setzen des Anderen thematisiere die Lehre von der Erschaffung der Welt und des Menschen, die Entzweiung von Gott und Welt die Lehre von der Sünde und die Aufhebung der Entzweiung von Mensch und Gott die Lehre von der Menschwerdung Gottes. Das macht zugleich deutlich, dass für Hegel das Wesen Gottes nicht in der Trans-zendenz Gottes liegt, sondern in der Versöhnung von Gott und Mensch liegt. Gott ist gerade nicht der ganz Andere.

Hegel gewann somit gerade den nicht nur von der Aufklärung, sondern gleichfalls von Schleiermacher kritisierten zentralen christlichen Dogmen eine geistphilosophische Deutung ab. Anders als Schleiermacher orientierte er sich auch nicht am vermeintlich historischen, sondern an dem vom Geist der Gemeinde als Gottmensch gefassten Jesus, dessen Tod die Aufhebung der Trennung, die Versöhnung von Mensch und Gott und damit der Gewinn der Freiheit sei. Der von ihr an der Geschichte Jesu vorgestellte Prozess der Versöhnung müsse sich jedoch in der Gemeinde an den einzelnen Subjekten selbst vollziehen, so dass sich der Geist in der Gemeinde realisiere und Gott als Gemeinde existiere. Da Hegel in der christlichen Religion den wahren Inhalt – das Absolute als Geist – entdeckte, sah er es als Aufgabe der Philosophie an, ihn aus der unangemessenen Form der Vorstellung in die adäquate Form des begreifenden Denkens zu überführen, statt ihn wie die Orthodoxie, in geistlosem Buchstabendienst festzuhalten, wie die Aufklärung kritisch zu zersetzen oder wie der Pietismus zugunsten des frommen Gefühls preiszugeben.

Der Überführung des Inhalts aus der Form der Vorstellung in die des Begriffs auf theoretischer Ebene entspreche auf praktischer Ebene die Einbildung des Inhalts des Christentums, nämlich der Versöhnung und Freiheit, ins Weltliche. An die Stelle der Weltdistanz des antiken Mönchtums und der Weltherrschaftsansprüche des mittelalterlichen Papsttums trete, eingeleitet durch die Reformation, das Aufgehen der Gemeinde und Kirche in das sittliche und rechtliche Staatsleben.

Hegel wurde während seiner Berliner Zeit schnell zur Zielscheibe frommer Kritik. Der Erweckungstheologe August Tholuck warf ihm Pantheismus vor, gegen den der zum Katholizismus konvertierte Friedrich Schlegel in Wien ebenso wie Schelling in München eine dezidiert christliche Philosophie meinten, in Stellung bringen zu müssen. Der späte Schelling wurde vom preußischen König nach Berlin berufen, um dort die „Drachensaat des Hegelschen Pantheismus“ zu bekämpfen.

Bei Hegel vermissten seine Kritiker unter anderem die Persönlichkeit Gottes und die Unsterblichkeit der Seele. Daran änderte auch die Werkausgabe nichts, die nach Hegels Tod 1832 von einem „Verein von Freunden des Verewigten“ auf den Weg gebracht wurde und die, abgesehen von den bereits von ihm selbst publizierten Werken, darunter die „Wissenschaft der Logik“ (1812 – 1816) und die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ (1821), Kompilationen von Manuskripten und Nachschriften der Vorlesungen Hegels enthielt.

Besonders seine Vorlesungen zur Philosophie der Religion gerieten ins Visier der Kritik, und ihre Deutung war auch innerhalb der Hegelschule strittig. Es bildete sich der Gegensatz zwischen Rechts- und Linkshegelianern aus. Während Rechtshegelianer wie Carl Daub und Philipp Marheineke in Hegels Religions-
philosophie eine spekulative Rechtfertigung des Dogmas erblickten, warfen Linkshegelianer wie David Friedrich Strauß ihnen vor, ihr kritisches Moment zu unterschlagen. Und es war die von Hegel inspirierte Tübinger Schule um Strauß und Ferdinand Christian Baur, der die protestantische Theologie die entscheidenden Impulse in der historisch-kritischen Bibelwissenschaft und Dogmengeschichte verdankte. Doch letztlich obsiegten, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, die restaurativen kirchlichen Kräfte an den theologischen Fakultäten, so dass der Einfluss Hegels hier Episode blieb.

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