Flecken auf dem Schirm

Warum das Mahl des Herrn nicht online geteilt werden kann
Symbolfoto Online-Abendmahl
Foto: epd

Nicht nur auf den gemeinsamen Gesang, sondern auch auf die Feier des Abendmahls müssen Kirchengemeinden weiterhin verzichten, wenn sie Gottesdienste feiern. Können Online-Gottesdienste diese Lücke schließen?  Reinhard Vollmer, Gemeindepfarrer im Kirchenkreis an Lahn und Dill, bezieht Stellung.

Die Schutzvorschriften, die die weitere Ausbreitung des Corona-Virus verhindern sollen, haben dazu geführt, dass wir das Abendmahl nicht mehr in der gewohnten Weise feiern können. Das ist schmerzhaft, da Wort und Sakrament konstitutiv sind für die Gemeinde. Von daher ist es verständlich, dass in manchen Gemeinden der Versuch unternommen wird, das Abendmahl online zu feiern. Wer vor seinem Bildschirm die Abendmahlsfeier mitfeiert, hört die Einsetzungsworte und bezieht das auch auf die Elemente, die er sich vorher bereitgestellt hat. Theologisch wird argumentiert, dass die Wirkung von Wort und Geist nicht durch räumliche Distanz begrenzt werden könne. Der Geist Gottes schafft eine Gemeinschaft, die über die sichtbare und an einem Ort versammelte Gemeinde hinausreicht.

Trotzdem muss gefragt werden, ob es sich bei einem solchen online gehaltenen Abendmahl tatsächlich um das Abendmahl handelt. Wir stoßen im Neuen Testament in 1. Korinther 11, 17-34 auf den Fall, dass eine Gemeinde meint, Abendmahl zu feiern, Paulus aber mit scharfen Worten bestreitet, dass es sich überhaupt um das Mahl des Herrn handelt. Der Missstand in Korinth bestand darin, dass die reichen Gemeindeglieder ihr mitgebrachtes Essen nicht teilten mit den Armen, die vielleicht als Sklaven gar nichts beitragen konnten. Die Reichen aßen sich satt, die Armen blieben hungrig. Sie wurden von den reichen Gemeindegliedern beschämt. Dass diese sich so lieblos verhielten, passte überhaupt nicht zum Inhalt des Abendmahls: sie verleugneten damit, dass Jesus sich für alle in gleicher Weise schenkt und so alle zu Geschwistern macht, die einander annehmen und in gegenseitiger Liebe füreinander da sein sollen.

Die gemeinsame Mahlzeit war offensichtlich in die Abendmahlsfeier eingebettet, wie noch an den Einsetzungsworten „ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Mahl“ zu erkennen ist. Es reicht nach Paulus nicht, dass der Brotritus zu Beginn der Mahlzeit und der Kelchritus an seinem Ende formal richtig sind. Das muss uns aufhorchen lassen. Das „für uns“ der Hingabe Jesu muss in dem „füreinander“ im Verhalten der Gemeindeglieder Ausdruck finden, sonst handelt es sich nicht um das Herrenmahl. Die Gemeinde ist der Leib Christi, weil sie im Abendmahl den Leib Christi empfängt, und weil Christus so in ihr gegenwärtig ist, dass er im leibhaftigen Verhalten der Gemeindeglieder zum Ausdruck kommt. Beide Aspekte gehören für Paulus eng zusammen. Die Feier des Abendmahls ist also gerade das Geschehen, in dem die geglaubte, unsichtbare Kirche sichtbare, leibhaftige Gestalt gewinnt. Empfangene und gelebte Versöhnung kommen hier zusammen. Insofern ist die Abendmahlsfeier das Lebenszentrum der Gemeinde Jesu und der Quellort ihres diakonischen Handelns.

Sammlung des Gottesvolks

Diese Sicht des Paulus entspricht der Einsetzung des Abendmahls durch Jesus. Die Worte „das tut zu meinem Gedächtnis“ sind nicht auf die Rezitation der Einsetzungsworte über den Elementen zu reduzieren, sondern beziehen sich auf die ganze Handlung: so wie Jesus mit den Jüngern versammelt war, soll die Gemeinde zusammenkommen, das Brot nehmen, danken, es brechen, austeilen, empfangen und essen, und ebenso mit dem Kelch des neuen Bundes verfahren. Das verstreute und verlorene Volk Gottes neu zusammenzubringen,  war Jesu Auftrag. Die Speisungen der fünftausend bzw. viertausend waren ein deutliches Zeichen für die Sammlung des Gottesvolkes und den Anbruch der messianischen Zeit. Mit dem Auftrag „das tut zu meinem Gedächtnis“ wollte Jesus auch, dass diese Sammlung des erneuerten Gottesvolkes weitergeht, bis zur Vollendung im Reich Gottes. Denn nicht als Totengedächtnis hat Jesus das Abendmahl eingesetzt. Die Emmausgeschichte (Lukas 24, 13-35) zeigt sehr schön: In der Erinnerung an die bisher erlebte Mahlgemeinschaft mit Jesus bringt der Auferstandene sich selbst in Erinnerung und erscheint als der gegenwärtig Handelnde, zugleich der Gastgeber und der Dienende. Die Sammlung des Volkes Gottes geschieht auf das kommende Reich Gottes hin, das wie ein großes gemeinsames Festmahl sein wird. Jede Abendmahlsfeier ist auch ein sehnlicher Ruf nach dieser Vollendung des Volkes Gottes und zugleich ein kleiner Vorgeschmack davon.

Mit der hier nur kurz angedeuteten Linie soll deutlich werden, dass es zum Wesen des Abendmahls gehört, dass die Gaben Jesu nicht nur empfangen werden, sondern in der Sammlung des Volkes Gottes Gestalt gewinnen. Das ist sicherlich eine Anfrage an die Gestaltung unserer Abendmahlsfeiern überhaupt. Aber auch wenn das Abendmahl bei uns nicht mit einer gemeinsamen Mahlzeit verbunden ist, so ist diese Gemeinschaft als Geschwister im Glauben doch ansatzweise erfahrbar: im Friedensgruß, bei dem man sich anblickt und durch den anderen Zuspruch erfährt; darin, dass man in einen gemeinsamen Kreis eintritt und so ganz leibhaftig spürt, dass man dazu gehört; ganz wesentlich gewiss darin, dass man Brot und Wein unter Zuspruch empfängt; vielleicht im gemeinsamen Händedruck, in dem Verbundenheit zum Ausdruck kommt; im gemeinsamen Danken und Singen, bei dem man sich nicht nur einer unsichtbaren Gemeinschaft zugehörig fühlt, sondern tatsächlich spüren kann, dass man mit hineingenommen ist. Damit Gemeinschaft leibhaftig erfahren wird, muss mir Zuwendung zuteilwerden und ich muss sie tatsächlich schenken.

Blick in die Kamera

Beides ist bei der online-Abendmahlsfeier so nicht möglich. Ich höre zwar die Worte, aber sie sind mir nicht wirklich persönlich zugesprochen. Ich sehe vielleicht sogar in die Augen dessen, der das Abendmahl einsetzt, aber dieser sieht nicht wirklich mich an, sondern die Kamera. Noch nicht einmal bei einer interaktiven Verbindung können sich die Beteiligten so anschauen, dass man in den Augen des anderen sieht, wie er einen anblickt. Die empfundene Gemeinschaft ist eine, die – um es in den Begriffen der phänomenologischen Anthropologie von Thomas Fuchs (Leib, Raum, Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie, Stuttgart 22018) zu sagen – vor allem auf den „intentionalen“ Aspekten der Wahrnehmung beruht. Es braucht einen großen eigenen, aktiven Beitrag, um in den bewegten Farbflecken auf der Bildschirmfläche die Abendmahlsfeier im Kirchenraum wahrzunehmen. Es fehlen wichtige „pathische“, erleidende, mir wirklich widerfahrende Aspekte der Wahrnehmung, durch die ich leiblich am Wahrgenommenen teilhabe, und die für die erfahrene und geschenkte Zuwendung wesentlich sind. Dass bei der medialen Vermittlung generell vieles wegfällt, was nicht durch die aktiven Wahrnehmungsaspekte ersetzt werden kann, mag man sich am Beispiel des Badens im See deutlich machen: Ich kann an den Badefreuden anderer online Anteil nehmen, aber deswegen bade ich nicht selbst.

Die bei dem online-Abendmahl erfahrene Gemeinschaft bleibt bloß ein Verbundenheitsgefühl. Der Glaube an die Gemeinschaft der Heiligen und die Verbindung miteinander im Geiste Gottes kann zwar dadurch gestärkt werden. Insofern mag es ein Beitrag dazu sein, die Gemeinde zusammenzuhalten. Aber ist es das Mahl des Herrn? Im Abendmahl soll die Gemeinschaft Hand und Fuß bekommen, denn das ist der Ort, wo der Leib Christi so empfangen wird, dass er als Gemeinde leibhaftig Gestalt im Miteinander gewinnt.

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Reinhard Vollmer

Dr. Reinhard Vollmer, geboren 1968 in Rahden, Studium der evangelischen Theologie in Bethel, Münster, Tübingen und Bonn. Promotion in Systematischer Theologie in Bonn. Seit 2004 Gemeindepfarrer in drei Dörfern bei Wetzlar im Ev. Kirchenkreis an Lahn und Dill.

 


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