Kann man Handfestes über Gott sagen?

Ein knapper Werkstattbericht
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Die offenbar verwegene Idee des Christentums bestand darin zu sagen: Gott hat eine menschliche Gestalt angenommen. Damit wird er sichtbar, sogar tastbar. Aber war wirklich Jesus eine Personifikation Gottes? Und so etwas Schräges soll man glauben, bitteschön? Zweifel sind mehr als verständlich. Kann man also diese Idee phänomenologisch anfüttern? Kann ein phänomenologisch arbeitender Theologe, der von anschaulichen Sachverhalten ausgeht, Sinnkräftiges zu Gott sagen, der bekanntlich unanschaulich ist und allenfalls an seinen Wirkungen erfahren werden kann?

Das muss klar sein: Phantasieprodukte sind, wie mein Gewährsmann Hermann Schmitz, der Kieler Phänomenologie, sagt, „phänomenologischer Rechtfertigung gar nicht fähig“.  Damit ist die Sache aber nicht vom Tisch, denn es könnte doch sein, dass die „Erdeutung des Göttlichen als göttliche Person Zugang zu einer ihr vorbehaltenen Wahrheit und die Chance, etwas Wirkliches zu treffen, das anders nicht erfasst werden könnte“, bietet. Um welche Wirklichkeit geht es also? Wie sieht sie konkret aus?

Schmitz geht zunächst von der traditionellen, biblisch tradierten Behauptung aus, Gott sei die Liebe. Wie zeigt sie sich oder gewinnt sie sogar persönliche, sprich: konkrete Gestalt?  Schmitz startet die – nicht ganz einfache Erkundung – mit einer Reflexion über Konkretheit am Beispiel einer Farbe und unterscheidet zwischen Gattungen (die rote Farbe als solche), die sich „nicht nackt präsentieren“ lässt, sondern in Nuancierungen auftritt, und niederste Arten, etwa ein „maximal spezialisierter Rotton“, der als „genau dasselbe Rot“ in einem Stoffgeschäft von einer Kundin, die Ausbesserung an ihrem Lieblingskleid machen will, glücklich identifiziert wird: „Dieses einer Rotton ist es, den ich schon so lange verzweifelt suche“. Schmitz definiert: „Konkret ist, was sich anschaulich so abhebt, dass es auch bei mehrmaligem Vorkommen als Selbiges abgehoben sich zu präsentieren vermag, abstrakt dagegen, was in der Anschauung so eingebunden ist, dass es sich, wenn es als Übereinstimmendes mehrerer Fälle vorkommt, nur im Gemisch mit anderen Zügen unabgehoben präsentieren kann. Konkret sind im hier gemeinten Sinn also niederste Arten z.B. von Farben, aber auch mit bezwingender Prägnanz in der Erinnerung wieder aufsteigende Eindrücke wie der Geschmack des schon als Kind genossenen Teegebäcks, wovon Proust, wie er am Anfang seines Romans A la Recherche du Temps Perdu als Mann auf die Suche nach der verlorenen Zeit geschickt wurde, mit allen für den Einzelnen in sie integrierten Assoziationen; ferner die „Lache“ eines Menschen, seine anschaulich unverkennbare Stimmlage.

Schmitz macht einen wichtigen kleinen Schlenker und verdeutlicht den Gedanken zunächst an den Heldinnen und Helden einer Epoche. Eine „Prägnanz des Konkreten“ wird erforderlich, wenn ein „atmosphärisch verbreitetes Gefühl, das schon große Suggestionskraft und Autorität besitzt, aber noch gleichsam unfasslich in der Luft liegt“ nach Anschauung verlangt und plötzlich in Theaterdiven und Filmstars inkarniert wird, beispielhaft bei Greta Garbo, der gerne das Epitheton göttlich beigesellt wurde oder James Dean, Haartolle inklusive. In diesen Personen gewinnt eine qualifizierte Atmosphäre „Konkretion und Strahlkraft“, „so dass diese Atmosphäre als deutlich ausgeprägtes und abgehobenes Lebensgefühl für Viele im nachlebenden Anteil am Leben der Heroen maßgeblich“ wird, sofern für diese Menschen die dort kondensierte Atmosphäre „unbedingten Ernst besitzt.“ In Greta Garbo und James Dean verdichtet sich ein Lebensgefühl, wird konkret, ansichtig und nachlebbar.

Wenn Schmitz die Prüfung verlangt, ob das Lebensgefühl mit letztem Ernst begegnet, dann wird kein blindes Nachfolgen, sondern eine Distanz verlangt, um zu prüfen, ob mir das dort präsentierte Lebensgefühl unbedingt wichtig ist. Das meinte auch Luther, als er die epochale Bestimmung prägte: Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.

In einem nächsten Schritt konkretisiert Schmitz seinen Gedanken an Jesu von Nazareth, gefiltert durch ein Bekenntnis des Liederdichters Gerhard Teerstegen. „In ähnlichem Sinn sagt Tersteegen sehr fein: ‚Ich bete an die Macht der Liebe, die sich in Jesus hat geoffenbart.‘ Jesus ist für ihn, während er so anbetet, ein Gott, weil die Liebe, die sonst aus vielen mehr oder minder verschwimmenden Atmosphären nur als Motiv von deren Ähnlichkeit, als Gattung herausgespürt werden könnte, an ihm ihre spezifisch christliche Gestalt in Tersteegens Augen so konkret annimmt, dass sie von da ab unverkennbar ausstrahlend als diese selbige aus dem Wechsel der Menschen und Situationen herausgespürt werden kann.“

Anders gewendet: Die Liebe hat durch Jesus von Nazareth eine ganz spezielle Tönung bekommen. In unsere Sprache übersetzt: Liebe wird jetzt verstanden als Sensibilität für die Bedürfnisse von Menschen in allen Lebenslagen, die niemanden ausgrenzt. Sie hat eine so große Ausstrahlungsmacht, dass sie auch heute im Alltag in bestimmten Gesten reidentifiziert werden kann. Diese Liebe wirkt strikt integrativ.

Im abschließenden Gedankengang definiert Schmitz: „Ein Gott kann im Licht dieser Betrachtungen definitorisch bestimmt werden als eine (wirkliche oder fiktive) Person, für die es eine göttliche Atmosphäre gibt, die dadurch konkret wird, dass sie mit dieser Person identifiziert wird und in deren Gestalt zum Vorschein kommt.“ Viel mehr kann ein phänomenologisch arbeitender Theologe nicht sagen.

Ist damit die Existenz Gottes bewiesen und der Phantasievorwurf berentet? Das nicht. Aber die Idee Gott hat an Konkretheit gewonnen, denn die sehr allgemeine Rede davon, der christliche Gott sei die Liebe, bekommt eine hoch spezialisierte Konkretion im erzählten Leben Jesu, die, o Wunder, seit zwei Tausend Jahren durch ihre Ausstrahlung die Menschheit, nicht ganz ohne Erfolg, kultiviert.

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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