Voller Wohlwollen

Gregor Bloch zeigt den Einfluss des Calvinismus auf die schottische Aufklärung
Gregor Bloch
Foto: Mario Brink

Zwei biographische Erfahrungen haben mich auf das Thema meiner Doktorarbeit Die calvinistischen Wurzeln der Praktischen Philosophie der schottischen Aufklärung gebracht: Vor zehn Jahren absolvierte ich in Schottland das für Theologiestudenten vorgeschriebene Gemeindepraktikum. Fünf Wochen verbrachte ich in der mit der EKD verbundenen Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde in Edinburgh. Ich war von Land und Leuten angetan. Und ich fand es bemerkenswert, dass der Aufklärer David Hume, der als radikaler Religionskritiker gilt, von seinem Denkmal auf die reformierte Hauptkirche Edinburghs, die St Giles Cathedral, blickt. Mit seiner Erkenntnistheorie beschäftigte ich mich dann für das Philosophicum, das ich im Rahmen des Theologiestudiums ablegen musste. Hume war ja ein wichtiger Aufklärer. Immanuel Kant (1724–1804) bekannte, der Schotte habe ihn aus seinem „dogmatischen Schlummer“ aufgeweckt.

Ich fragte mich, wie ein vom Calvinismus geprägter und geographisch abgelegener Landstrich wie Schottland zu einem Zentrum der Aufklärung werden konnte. Und als reformierter Theologiestudent interessierte mich die Frage, ob es einen Zusammenhang mit der konfessionellen Prägung des Landes gab. Deshalb dachte ich, dass ich dies gerne einmal in einer Doktorarbeit untersuchen würde.

Später hatte ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter im sozialethischen Fachgebiet in Marburg das Glück, dass die Professoren, mit denen ich über mein Vorhaben sprach, sich stark mit dem Theologen Ernst Troeltsch (1865–1923) und dem Soziologen Max Weber (1864–1920) auseinandergesetzt hatten. Die beiden Gelehrten besaßen ja ein Gespür dafür, welche Bedeutung der reformierte Protestantismus für Entwicklung und Gestalt der Moderne gehabt hatte.

Eine Schlüsselfigur des Calvinismus in Schottland am Vorabend der Aufklärung war John Simson (1668–1740). Der liberale Theologe, der an der Universität Glasgow lehrte, ist wenig bekannt. Deshalb musste ich für meine Dissertation digitalisierte Originalquellen auswerten und aus ihnen seine Theologie rekonstruieren. Simson hatte das Westminster-Bekenntnis von 1647, das Basisdokument der „Kirche von Schottland“, freier ausgelegt als seine orthodoxen Widersacher. Für ihn stand nicht Gottes Strenge im Vordergrund, sondern die Liebe Gottes. Und daraus folgt für die Lebensführung der Christen (die Simson so wichtig war, wie allen Calvinisten), dass der Mensch der Liebe Gottes entspricht und seinem Mitmenschen in Liebe begegnet.

Der ethische und praktische Zug des Calvinismus hat die praktische Philosophie der schottischen Aufklärer beeinflusst. Das gilt besonders für die von mir untersuchten Philosophen Francis Hutcheson (1634–1746), David Hume (1711–1776) und Adam Smith (1723–1790).

Hutcheson, der als „Vater der schottischen Aufklärung“ gilt, wurde stark von Simson geprägt, bei dem er Theologie studiert hatte. Ausgehend von dessen Theologie der Liebe entwickelt Hutcheson eine Theologie des Wohlwollens, die dann in eine Philosophie des Wohlwollens mündet: Gott erweist sich als Liebender, der das Wohl und Glück der Schöpfung und des Menschen möchte. Weil die Welt trotz aller Mängel gut ist, soll sich der Mensch in ihr engagieren und dafür sorgen, dass es dem Mitmenschen gut geht.

In meiner Arbeit zeige ich, dass Hume und Smith Hutchesons Begriff des Wohlwollens – bei unterschiedlicher Akzentsetzung – in ihre Philosophien aufgenommen haben. Auch für Hume ist Wohlwollen eine soziale Tugend, die für das menschliche Zusammenleben unabdingbar ist. Dabei verneint er nicht, dass ein gesundes Selbstverhältnis nötig ist, selbst wenn das zerstörerische Potenzial des Egoismus durch die staatliche Rechtsordnung einzuhegen ist.

Wie für Hutcheson spielt für Smith das Gebot „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“ eine zentrale Rolle. Aber er interpretiert es anders. Für ihn bedeutet dies, dass Menschen sowohl eine positive Beziehung zu sich selbst (Eigenliebe) als auch zum Mitmenschen haben sollen (Nächstenliebe). Auf diesem Gedanken fußt seine ganze praktische Philosophie. Im Bereich der Wirtschaft betont er, dass Handeln aus Eigeninteresse indirekt dem Allgemeinwohl und damit dem Nächsten dient. Indem der Einzelne „seine eigenen Interessen“ verfolge, fördere er „oft diejenigen der Gesellschaft auf wirksamere Weise, als wenn er tatsächlich beabsichtigt, sie zu fördern“, schrieb Smith in seinem Werk Der Wohlstand der Nationen. Diese Vorstellung einer „unsichtbaren Hand“ ist in die Lehre von Gottes Erhaltung der Schöpfung eingebettet.

Eine neue Einsicht vermittelte mir auch die Beschäftigung mit Humes Religionsphilosophie. Er gilt ja weithin als radikaler Religionskritiker. Dabei hatte er neben der Kritik an realen Religionsausprägungen auch ein positives Religionsverständnis. Außerdem setzt Hume die Existenz Gottes stets voraus und betrachtet dessen Wesen als wohlwollend (siehe Hutcheson). Und in einer Art Konfessionskunde beschreibt er die unterschiedlichen Spielarten des Christentums und setzt sich mit ihnen auseinander. Dabei würdigt er den Beitrag der Independenten oder Kongregationalisten für die religiöse Toleranz und den Einfluss der Presbyterianer auf die Entwicklung der Demokratie und des Liberalismus.

Meine Arbeit, die in der Summe zeigt, dass dem schottischen Reformiertentum die Bedeutung eines „aufklärenden Calvinismus“ zukommt, hat aufgrund ihres Gegenstandes einen starken historischen Akzent. Aber sie kann meines Erachtens auch für eine Standortbestimmung des reformierten Protestantismus im Deutschland des 21. Jahrhunderts fruchtbar gemacht werden. Dieser ist ja noch stark durch die kulturkritische Theologie Karl Barths geprägt. Die schottischen Aufklärer können Reformierte dagegen zu einer Haltung inspirieren und ermutigen, die der Welt zugewandt und kulturoffen ist. Dazu gehört für mich auch die Einsicht, dass die Ethik nicht ein Anhängsel der Dogmatik ist, sondern eine eigenständige Dimension der Theologie, die bei den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit ansetzt.

Aufgezeichnet von Jürgen Wandel

Literatur:

Gregor Bloch: Calvinismus und Aufklärung. Die calvinistischen Wurzeln der praktischen Philosophie der schottischen Aufklärung nach Francis Hutcheson, David Hume und Adam Smith. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2019, 425 Seiten, Euro 99,–.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Inhalt ist nur für zeitzeichen-Abonnenten zugänglich. Bitte geben Sie Ihre Kundennummer ein *:
Ihre Kundennummer finden Sie entweder auf Ihrer Rechnung (online-Bezug) oder über dem Versandetikett Ihrer Zeitschrift. Bei der Kundennummer handelt es sich um eine 8-stellige Zahl, die mit der Ziffer 1 beginnt.

* Das einmalige Einloggen reicht aus, Sie erhalten damit automatisch Zugang zu allen anderen Artikeln. Beim Verlassen der Webseiten von zeitzeichen werden Sie automatisch ausgeloggt, Sie müssen sich dann bei Ihrem nächsten Besuch erneut anmelden.

Online Abonnement

Die App für Tablets und Smartphones

Print
Abonnement

Wir schicken Ihnen zeitzeichen ins Haus

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Theologie"