Stärke in der Krise

Am Ende der Sintflut steht der neue Bund
Foto: privat

„Hey, Bischof! Ist Corona die neue Sintflut?“ Nach allen Regeln des Abstands drang neulich dieser Ruf im Supermarkt zu mir. Unsicherheit und Angst vor dem unsichtbaren Feind lassen Erinnerungen wach werden auch an die alten Geschichten der Bibel, die vom Werden und Vergehen erzählen, vom Schöpfer und seinen Geschöpfen. Irgendwie muss es doch eine Erklärung geben für das, was da über uns gekommen ist und nichts mehr sein lässt, wie es war?!

Corona ist nicht ein Strafgericht Gottes. Es ist auch nicht der Untergang allen Lebens. Aber viele Bilder wirken wie Endzeit-Bilder: Weltweit Hunderttausende sterben an dem Virus, wir lesen von Massengräbern, erfahren von völlig überforderten Gesundheitssystemen. Und wir wissen: Die Ärmsten der Armen auf dieser Welt leiden mehrfach unter der Pandemie. Ihr Leben ist nicht nur bedroht vom Virus, sondern in seiner Folge von Hungersnöten. Covid-19 wirkt wie ein Beschleuniger der Folgen des Klimawandels, der Armut, der Gewalt und der Verfolgung.

Die Geschichte aus dem ersten Buch Mose zeigt: Es geht um die gesamte Schöpfung. Noah ist der, den Gott beauftragt, aus der Untergangsgeschichte eine Rettungsgeschichte zu machen. Er baut den Schutzraum, entwickelt ein Schutzkonzept. Er lenkt das Schiff durch die Fluten. Auf ihn ist Verlass. Aber auch an Bord der Arche wird es Stimmen gegeben haben, die lamentierten: Wir wollen Freiheit, Lockerung; die Flut gibt es überhaupt nicht. Alles fake!

Ich fühle mich wie die meisten eigentlich gut aufgehoben in dieser Zeit, sicher mit all den Schutzkonzepten, vorsichtigen Lockerungen. Dass Menschen lautstark eine andere Meinung kundtun, ist für mich eine Stärke in der Krise.

Aber ich sehe bei uns viele Noahs, die ihre Tauben aussenden und die meinen, die Wasser hätten sich zurückgezogen. Sie pochen auf ihre Freiheit. Und sie übersehen die anderen: Was ist mit denen, die irgendwo in Libyen in Boote gestiegen sind, weil sie der Sintflut der Gewalt und der Armut, der Verfolgung und der Folter und dem Hunger zu entkommen suchen und die nicht an Corona denken? Aber die oft nicht seetüchtigen Boote sind ihnen rettende Archen. Gerade jetzt, angesichts der Pandemie, die keine Grenzen kennt, dürfen auch Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit keine Grenzen kennen.

Solange Menschen auf den Meeren sterben, weil sie vor Gewalt in ihrer Heimat fliehen müssen; solange wir sie nicht retten und alles tun, damit alle Menschen ohne Unterschied teilhaben können an Freiheit, Recht und Gesundheit; solange Machthaber irgendwo auf dieser Erde lügen und die Augen verschließen vor ansteckenden Viren und deren Infektionskraft nutzen für die eigene Macht; solange der Graben zwischen Arm und Reich, Schwarz und Weiß immer garstiger wird – solange ist die Schöpfung nicht gerettet und nicht frei.

Aber wer Noahs Geschichte erzählt, muss auch ihr Ende erzählen. Gott schließt einen neuen Bund mit seiner Schöpfung, setzt den Regenbogen an den Himmel und verspricht: „Solange die Erde steht, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Dieser Zuspruch ist Grund unserer Freiheit – und unserer Verantwortung.

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Gerhard Ulrich

Gerhard Ulrich war bis vor kurzem Landesbischof der evangelischen Nordkirche und ist Herausgeber von zeitzeichen.


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