Leib und Leben

Welche Auswirkungen hat Corona auf unser Körpergedächtnis?
Foto: Harald Oppitz

Mein Friseur meint, dass ihm die Abstandsregeln schon in „Fleisch und Blut“ übergegangen seien. Er fühlt sich jetzt unwohl, wenn ihm Leute zu nahe „auf den Pelz“ rücken. Ich liebe die deutsche Sprache dafür, dass sie so wunderbar bildhaft und einleuchtend beschreibt, wofür Neurowissenschaften und Phänomenologen in der Regel sehr viel kompliziertere wissenschaftliche Formulierungen benötigen. Menschen verfügen über ein Gedächtnis, das sich in ihrem Leib abspeichert. Noch vor ein paar Monaten war mein Friseur in den Clubs der Republik unterwegs und feierte in Ibizas Hotspots die Nächte durch. Jetzt zuckt er zurück, wenn auf dem Wochenmarkt die Leute die Abstandsregeln missachten. Interessanterweise geschieht das „unwillkürlich“, es ist wie ein Instinkt geworden.

Ich frage mich, ob Corona nicht nur in mein Fleisch und Blut übergegangen ist, sondern sogar epigenetische Auswirkungen hat, die sich womöglich auch auf Kinder übertragen, die erst nach der Coronakrise geboren werden. Es gibt ja Untersuchungen, die die Auswirkungen von Katastrophen auf die nächste Generation erforscht haben. Die Erfahrungen von Stress, Krankheiten oder Mangelernährung können epigenetisch gespeichert werden. Wenn Großeltern im Krieg hungern mussten, haben auffällig viele Enkelkinder ein erhöhtes Diabetesrisiko. Ich selbst kenne Ähnliches aus eigener Erfahrung. Als Kind bin ich immer in den Keller gerannt und habe mich unter dem Waschtisch versteckt, wenn die Düsenjäger über unserer Stadt Krieg geübt haben. Später hat mir meine Großmutter von der Zeit der Bombenangriffe auf meine Heimatstadt erzählt. Das hat mir dann geholfen, nicht bei jeder amerikanischen Luftübung automatisch in den Keller zu fliehen. Der Krieg war schließlich vorbei. Den Affekt zur Flucht in den Keller beim Lärm von Düsenjägern spüre ich aber bis heute!

Die Nachwirkung von Corona könnten schwieriger sein. Denn hier kommen sich zwei sehr gegensätzliche Impulse in die Quere. Wir Menschen sind ja sehr soziale Geschöpfe, die auf Gemeinschaft gepolt sind. In der Regel fühlen wir uns in einer fröhlichen Gemeinschaft mit anderen Menschen besonders wohl. Bei Gefahr suchen wir naturgemäß enge Nähe, beruhigenden Hautkontakt und eben nicht Distanz. Gerade das verlangt jedoch die Abstandsregel, die nicht nur mein Friseur verinnerlicht hat. Corona treibt uns gewissermaßen in eine schizophrene Lebenshaltung. Wir suchen Nähe und fürchten uns davor. Selbst wenn die Auflagen vollständig gelockert werden – kann mein Friseur seine Clubabende zukünftig noch unbeschwert erleben?

Mir bereitet der Ausblick auf den Ökumenischen Kirchentag in Frankfurt 2021 Sorgen. Werden wir dieses spezielle Kirchentagsgefühl beim Eröffnungsgottesdienst noch genießen können? Was ich aber ganz gruselig fände wäre, wenn meine Enkelkinder später im Sicherheitsabstand von 1,50 m vor mir abstoppen, statt mir ganz spontan in die Arme zu fliegen. Hilft es dann, wenn ich ihnen von der Zeit der Pandemie erzähle, so wie meine Großmutter vom Krieg? Oder wirkt die Schizophrenie der inneren Botschaften zu Nähe und Distanz so grundsätzlich, dass wir uns als Menschen in einer nicht voraussehbaren Art und Weise verändern werden? Ich gebe zu, dass mir diese Vorstellung den Atem verschlägt.

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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