Die Stunde der Paradiesvögel

Wie die Krise die Machtverhältnisse in der Kirche neu sortiert
Strelizien
Foto: Erich Keppler/pixelio.de
Strelizien, auch Paradiesvogelblumen genanntt.

In den vergangenen Wochen war das Experiment das vitale Grundmoment kirchlichen Handelns. Doch nun steigen die Traditionsbewussten wie Phönix aus der Asche und drängen die Paradiesvögel  wieder in die zweite Reihe. Werden sie das mit sich machen lassen? Nicht mehr so ganz, meint die Pfarrerin Katharina Scholl.

Alle Macht den Paradiesvögeln! So fühlte es sich in der Kirche an während des Lockdowns. Da hatte plötzlich jedes „Es war doch immer so“ seine Kraft verloren. Stattdessen wurden Wäscheleinen zum Medium gottesdienstlicher Praxis, Straßenkreide zur pastoralen Grundausstattung und Autokinos zu quasi-sakralen Orten. Experimentieren war plötzlich kein Luxus mehr, den man sich neben institutionalisierten Formen von Kirchlichkeit dann und wann leistet, wenn es keinem weh tut. Das Experiment war vielmehr für einige Wochen das vitale Grundmoment kirchlichen Handelns.

All das ist ja nicht neu. Kreative Formen religiöser Kommunikation hat es immer gegeben und auch Paradiesvögel, die Grenzgänger, die sich immer schon ganz andere Formen religiöser Praxis neben den etablierten vorstellen konnten. Die Grenzgänger hatten es sich eigentlich gut eingerichtet in den Übergangszonen der Institution. Mit einem Fuß in Kontakt zu den herkömmlichen Ordnungen haben sie mit dem anderen diese Ordnungen spielerisch überschritten und irritiert. Man begegnete ihnen mit freundlichem Interesse, wenige belächelten sie und noch weniger meinten, dass das, was sie tun, ja wohl nicht Kirche sein könne. Im Grunde war Paradiesvogel zu sein völlig ok, wichtig war nur, dass ihr Tun nicht allzu viel Geld kostet.

Und plötzlich hat die Krise dieses Setting eine Zeit lang verändert. Mehr Pfarrerinnen und Pfarrer, als ich es erwartet hätte, haben experimentelle religiöse Erlebnisformen gestaltet, die von Menschen mit ganz unterschiedlicher Nähe und Distanz zur Kirche individuell angeeignet wurden. So in etwa stelle ich mir Luthers Priestertum aller Gläubigen in der individualisierten Gesellschaft der Gegenwart vor. Viele Haupt- und Ehrenamtliche haben dabei mitgezogen. Wahrscheinlich auch Einige, die sich vor der Krise nicht hätten vorstellen können eines Tages auf diese Weise Kirche zu gestalten. Ich kann nicht verhehlen, dass ich mir die Zukunft des Pfarrberufes in etwa in dieser Weise vorstelle, dass ich selbst einer der Paradiesvögel sein möchte, die mit spielerischem Ernst die religiöse Praxis in Bewegung halten.

Phönix aus der Asche

Aber es gab in den letzten Wochen auch die Anderen, die abgetaucht sind. Ich meine dezidiert nicht (!) diejenigen, die in dieser Zeit als engagierte Seelsorgende in ihren Amtszimmern telefoniert und unterstützt haben. Es mögen zahlenmäßig gar nicht viele gewesen sein, die wirklich ausgestiegen sind. Auch die Gründe für das Abtauchen sind vielfältig: Ohnmacht, fehlendes Vorstellungsvermögen, wie Kirche ohne ihre etablierten Formen der Vergemeinschaftung lebendig sein könnte, Erschöpfung ... Wahrscheinlich hätte man ihr Abtauchen kaum bemerkt, wären sie nicht, als es um die Wiederaufnahme der Gottesdienste ging, wie die Phönixe aus der Asche aufgetaucht, um zum business as usual zurückzukehren.

Als gemeiner Paradiesvogel konnte man da das Gefühl bekommen, nun wieder in die zweite Reihe zu gehören, weil jetzt wieder “richtig Kirche“ sei. Manche, die meine entschiedene Thematisierung des Schweigens als Auftrag der Kirche zu Beginn der Krise zur Kenntnis genommen haben, mag diese Problematisierung nun überraschen. Aber es war eben keineswegs ein untätiges Schweigen, was mir vorschwebte, sondern ein qualifiziertes, im Sinne eines aufmerksamen Wahrnehmens der Situation in der jetzt Kirche zu gestalten ist.

Ein solcher nahtloser Anschluss an den kirchlichen „Normalbetrieb“ vor der Krise, wie sich ihn der ein oder andere wohl wünscht, erscheint unmöglich. Zum Einen ist die Krise nicht vorbei. Zum Anderen ist offenbar und unmissverständlich sichtbar geworden, was auch schon vor der Krise wirksam war. Plötzlich wurde deutlich, mit wie vielen unterschiedlichen  Kirchenbildern Pfarrerinnen und Pfarrer, Ehrenamtliche und Kirchenleitende parallel agieren und gestalten. Für die Paradiesvögel gehörte es immer schon zum Tagesgeschäft mit dieser Pluralität und den damit einhergehenden (produktiven und weniger produktiven) Spannungen umzugehen. Für Einige scheint diese Pluralität eine neue Erkenntnis zu sein, aber eben eine hinter die wir nicht zurückkommen, sondern die in Zukunft produktiv bearbeitet werden muss.

Divergierende Kirchenbilder

Diese divergierenden Kirchenbilder haben sich insbesondere bei der Frage nach der Wiederaufnahme von Gottesdiensten gezeigt. Allerdings scheint mir die Wahrheit keineswegs so einfach zu sein, dass die Innovativen ihn weiter aussetzen wollten, während die Traditionalisten unter den gegebenen Bedingungen wieder feiern wollten. Dennoch ist die Gottesdienstfrage zum Austragungsort eines Spannungsgefüges zwischen eben diesen Tendenzen geworden. Dabei lässt sich gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation gottesdienstlicher Liturgie deutlich spüren, dass die beiden Pole „Tradition“ und „Innovation“ produktiv aufeinander bezogen werden müssen statt sie in Grabenkämpfen gegeneinander auszuspielen. 

Nach den ersten Feiern in Kirchenräumen transformierten sich die unterschiedlichen Positionen zur Frage, ob schon wieder gefeiert werden soll, zu konträren Wahrnehmungen dieser liturgischen Gehversuche. Während eine Vielzahl der Paradiesvögel die Hände über dem Kopf zusammenschlug und meinte so könne man nicht feiern, waren andere glücklich, endlich wieder Gottesdienst in realer Gemeinschaft feiern zu können. Es fällt offenbar allen schwer, einander nicht am laufenden Band weiter zu erzählen, was sie schon vom Beginn der Krise an meinten längst gewusst zu haben.

Wie so oft liegt die Wahrheit wohl irgendwo dazwischen. Kirchliches Leben braucht auf lange Sicht die gottesdienstliche Sonntagsfeier. Nicht weil diese die Zentralveranstaltung wäre, die alle Menschen erreicht und ohne die nicht eine Zeit lang vitales kirchliches Leben möglich wäre. Wohl aber bleibt sie ein wichtiger Referenzpunkt, auf den sich viele andere Formen kirchlicher Arbeit beziehen. Ein digitaler Zoom-Gottesdienst kommt nicht aus ohne eine implizite Referenz auf gottesdienstliche Gemeinschaft in Kirchen. In diesem Sinne ist klar, dass Kirche sich nicht einfach von ihrem traditionellen Ritus verabschieden kann. Gleichwohl scheinen mir diejenigen, die in der Wiederaufnahme der Gottesdienste in Kirchenräumen die Rettung des Sonntagsgottesdienstes zu sehen meinen, etwas Wesentliches aus dem Blick zu verlieren. Die Wiederaufnahme der Sonntagsgottesdienste ist keineswegs das Ende der Arbeit an der gottesdienstlichen Liturgie, sondern vielmehr ihr Neustart.

Pfarrerinnenzentrierte Performance

Die Hygienemaßnahmen verändern grundlegende Elemente der Liturgie. Am deutlichsten lässt sich das am fehlenden Gemeindegesang plausibilisieren. Es ist ja nicht bloß weniger feierlich und weniger schön, wenn wir in unseren Gottesdiensten nicht singen. Es fehlt dadurch das wesentliche Element der gemeindlichen Partizipation. Als personalisierte Aktualisierung des Gottesdienstgeschehens und individuelle sowie leiblich codierte liturgische Darstellungspraxis ist das Singen konstitutiv für jede evangelische Gottesdienstfeier. Was momentan in den corona-verträglich verschlankten, aber dennoch annähernd agendarischen Gottesdiensten wahrzunehmen ist, ist eine hinter Mundschutz gesperrte und auch noch liturgisch stumm gestellte Gemeinde, die diesem Namen fast nicht gerecht werden kann. Vielmehr sind es vereinzelt in Bankreihen Sitzende, die einer pfarrerinnenzentrierten Performance beiwohnen. Bei viel Glück ist noch auf ein wenig Daseinsweitung durch qualitätvolle Kirchenmusik zu hoffen. Aber auch dann gilt meist, dass die pastoralen Worte nur schweigen, wenn die Orgel spricht.

Das Problem der gemeindlichen Partizipation ist deshalb überhaupt nicht marginal, weil diese zunehmend auch vor der Krise eine sensible Schwachstelle des Sonntagsgottesdienstes gewesen ist. Die gottesdienstliche Agende und die Gesellschaft der Singularitäten sind schon längere Zeit nur unter Spannungen miteinander in Beziehung zu setzen. Wenn jetzt in unseren Kirchen auf lange Sicht in dieser Weise „gefeiert“ wird, ist damit zu rechnen, dass das für unsere gottesdienstliche Kultur nicht ohne Schaden bleibt. Zu meinen, man würde etwas bewahren, nur weil man es trotz aller Widrigkeiten fortsetzt, ist ein Trugschluss.

Aber die gottesdienstliche Liturgie ist nicht bloß ein fragiles Pflänzchen in diesen Tagen. Sie hat auch eine große Stärke. Liturgie lebt ja von je her nicht allein von Ordnungen, sondern auch von Spiel und produktiver Irritation dieser Ordnung. Es muss jetzt darum gehen nach Gestaltungsformen des Gottesdienstes zu suchen, in denen Feiernde beteiligt sind, statt schlicht zum Publikum zu werden. Gerade am vergangenen Sonntag habe ich eine berührende kleine Sequenz im Gottesdienst erlebt, als die Liturgin uns beim Schlusssegen einlud einander anzublicken.Vielleicht sind es solche ganz subtilen Interventionen, die es braucht, um nicht allein den Mangel zu inszenieren.

Die Aufgabe über solche Gestaltungsfragen in der aktuellen Lage miteinander nachzudenken scheint mir eine wichtige Möglichkeit zu sein, das, was im Moment als Grabenkämpfe zwischen Traditionalisten und Innovationsgierigen in der Kirche wahrzunehmen ist, zumindest teilweise zu verwandeln in eine gemeinsame Arbeit an dem, was allen am Herzen liegt. Denn für diese Aufgabe, in der aktuellen Situation angemessene Möglichkeiten des gemeinsamen Feierns zu finden, braucht es alle: die, denen das Alt-Bewährte am Herzen liegt, und diejenigen, die eher im Variieren und Erneuern zu Hause sind. Diese aktuelle Aufgabe rund um die Liturgie wäre auch eine gute Gelegenheit um zu spüren, dass die Traditionalisten bewahren um immer wieder neu zu erleben und die Innovationsfreudigen variieren, weil es ihre Art ist zu bewahren.

Bei allen Spannungen, die das immer wieder erzeugt, sind Tradition und Innovation die notwendigen Pole kirchlichen Lebens. Die plötzliche Sichtbarkeit divergierender Kirchenbilder ist ja letztlich auch nur ein Erweis dieses Zusammenhangs. Dennoch scheint mir, dass in der Vergangenheit der Tradition verpflichtete Kirchenbilder kirchliches Leben dominiert haben. Die deutliche Überakzentuierung des Sonntagsgottesdienstes im Hinblick auf den pfarramtlichen Dienst bei geringen Arbeitsressourcen zur Gestaltung von kirchlicher Arbeit im öffentlichen Raum mag als eines unter vielen Beispielen dafür gelten.

Krise gemeinsam aufarbeiten

Aber die Paradiesvögel wollen sich fortan auch nicht am Steuer festkrallen. An den unbestimmten Rändern fühlen sie sich sowieso oft wohler. Dennoch ist es ja eine Tatsache, dass derjenige, der mal plötzlich für den Moment eine gewisse Gestaltungsmacht erlangt hat, sie nicht so einfach in vollem Umfang wieder aufgibt. So werden sich auch die Paradiesvögel nicht wieder vollständig an ihre alten Plätze vor der Krise weisen lassen. Was die Krise unmissverständlich zutage gefördert hat, muss in der Kirche gemeinsam aufgearbeitet werden. Dabei wird es um mehr gehen als um Befriedung und Supervision. Es wird darum gehen, Gestaltungsräume zu öffnen, es wird um Macht- und Strukturfragen gehen. Offen bleiben für mich die Fragen, wer diese Prozesse eigentlich auf welche Weise und in welchen Räumen moderieren kann, damit nicht alles schon von vornherein klar ist. Letztlich sind ja in den aktuellen institutionellen Strukturen und ihre eingeübten und routinierten Mechanismen diejenigen Kirchenbilder tief eingesenkt, die lange als ausschließlich Existierende wahrgenommen wurden. Andererseits sind das eben die organisationalen Strukturen, die uns zur Verfügung stehen. Das wird eine große Herausforderung sein in den bestehenden Strukturen zu agieren und gleichzeitig zu den damit verbundenen Mechanismen in kritische Distanz zu treten.

Gut beraten sind die Kirchen, wenn sie bei dieser Aufgabe aus der Organisationstheorie lernen. Jedes große Unternehmen steht ja vor der Frage, wie sich Stabilität durch Bewahrung des Etablierten und Innovationsfähigkeit miteinander vereinbaren und aufeinander beziehen lassen. Ein Theorem, welches auf diese Frage eine Antwort versucht, ist das der ambidextren Organsation, eine Organisation, in der es Grundaufgabe von Leitung ist, Innovatives und Bewährtes beidhändig zu managen und produktiv aufeinander zu beziehen. Wenn eine solche Beidhändigkeit zunehmend gelingt, wird es zwar nach der Krise nicht mehr für alle Zeit heißen „Alle Macht den Paradiesvögeln!“, aber vielleicht wird ihr Dasein und ihr Tun ein Stückweit konstitutiver zum kirchlichen Leben gehören. Das wäre den Paradiesvögeln zu wünschen und der Kirche.

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Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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