Nach der Krise ist vor der Krise

Was wird bleiben vom Schub der digitalen Kirche durch Corona?
Foto: privat

„Mit der aktuellen Situation verändert sich die Kommunikation mit den Kunden. Es kommen weniger reale Besucher, also nimmt die Reichweite ab. hybr.id_space löst das Problem und bringt durch die digitale Integration wieder deutlich mehr Reichweite.“

Spricht so die #digitaleKirche? Werden die schlimmsten Befürchtungen der Digitalisierungs-Skeptiker*innen wahr: Statt Gemeindeglied, Kund*innen; statt Teilnehmer*innen, Besucher*innen; statt Relevanz, Reichweite?

Auch wenn das Statement ganz auf der Linie der begeisterten Voten zur digitalen Verkündigung während der Corona-Krise liegt: Es stammt nicht aus dem Munde eines Kirchenmenschen, sondern aus der Ankündigung des „hybr.id_space“ des Messebauers Holtmann und der Medientechnikunternehmen ICT und Deutschewerbewelt. Erik Wolff, Vorstand von ICT, beschreibt damit eine Veränderung der Kommunikation auf Messen, in Showrooms und Filialen, die sich schon lange ankündigt. Treibende Kräfte waren bisher Digitalisierung und Nachhaltigkeit, die Corona-Krise hat der Entwicklung von „hybriden Räumen“, in denen „phygitale Begegnungen“ stattfinden können, jedoch noch einmal Auftrieb gegeben.

Doch zurück zur real-existierenden Kirche! Aller digitaler Träume zum Trotz sind die Kirchen nicht das Eden der Netzverrückten. Wenn mich nicht alles täuscht, steht der #digitaleKirche-Szene ganz im Gegenteil eine Vertreibung aus dem Paradies bevor. Ich schreibe das nicht, damit hier ganz im Kolumnen-Stil ein paar catchy Aufregersätze stehen, die für Klicks sorgen. Auch nicht, weil Kritik ja immer irgendwie woke ist und man mit ein paar aufmüpfig formulierten Sätzen prima virtue signaling betreiben kann. Und erst recht nicht, weil ich denjenigen, die wegen Corona zum ersten Mal digitale Arbeits- und Kommunikationsformen erproben, den Spaß verderben will. Im Gegenteil: Herzlich Willkommen allen Ausprobier*innen! Es gibt keinen Grund, sich des Lernens zu schämen.

Weiter Überzeugungsarbeit leisten

Hauptargument der Digital-Begeisterten ist, dass die Corona-Krise gezeigt habe, wie wertvoll digitale Arbeits- und Verkündigungsformen für die Kirche sind. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob man einmal gewonnene Vorteile wieder aufgeben sollte, nur weil die Rückkehr zu alten Gewohnheiten wieder möglich scheint. Im Umkehrschluss ist damit jedoch auch die Einsicht verbunden, dass die Krise der #digitaleKirche-Szene eine Aufgabe abgenommen hat, an der sie zuvor allzu häufig gescheitert ist: Nämlich Überzeugungsarbeit zu leisten für die Notwendigkeit digitaler Arbeitsinstrumente.

Und das heißt wiederum: Nach der Krise ist vor der Krise. Weiterhin müssen digitale Arbeitsformen nachweisen, warum sie auch ohne den Ernstfall von social distancing wertvoll sind. Umso mehr, da sich die zu erwartende Ressourcenknappheit durch die Folgen der Corona-Krise noch einmal verschärfen wird. Ich meine damit noch nicht einmal den herben Rückgang an Kirchensteuereinnahmen, der für verschärfte Verteilungskämpfe sorgen wird. Die knappste Ressource der Kirche ist Zeit - hier vor allem das Zeitkontingent der engagierten Ehren- und Hauptamtlichen.

Ressourcenschonendes Arbeiten sollte eigentlich im Zentrum der Vision einer Kirche in der digitalisierten Welt stehen. Denn was für Messen und den Einzelhandel gilt, ist auch in der Kirche spürbar: Die Corona-Krise mag manche Entwicklung beschleunigen, die Trends zu Digitalisierung und Nachhaltigkeit sind jedoch älter, größer und wichtiger.

Glück und Elend der digitalen Kirche

Es braucht also verschärfte Überzeugungsarbeit, damit man diejenigen, die während der Corona-Krise reingeschnuppert haben, nicht wieder verliert. Das wird besonders auf zwei Digitalisierungs-Feldern deutlich, deren erfolgreiche Bewirtschaftung für die Zukunft der Kirche in der digitalisierten Welt wichtiger sind als die Klärung der Frage, ob Gottesdienste ausschließlich oder zusätzlich zum Präsenzbetrieb im Internet gefeiert werden.

Nämlich erstens ein digitales Arbeitsumfeld für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen. Das Corona-Standardbeispiel dafür ist die Videokonferenz, an der man Glück und Elend der digitalen Kirche ablesen kann. Viele Kirchenmitarbeiter*innen haben in den vergangenen Wochen den Arbeitszeitgewinn genossen, der sich durch wegfallende Fahrtzeiten, eingedampfte Sitzungsformalitäten und den Wegfall von Gequassel und Getratsche ergeben hat.

Natürlich ist gleichfalls die Sehnsucht nach physischen Formaten gewachsen, die wieder mehr Raum für das Klönen bei einer Tasse Kirchenkaffee bieten, das den Arbeitsalltag vieler Hauptamtlicher in normalen Zeiten so ungemein bereichert. Es geht am Ende auch nicht darum, dass der Pfarr-, Kirchenkreis oder Propsteikonvent per Videokonferenz durchgeführt werden muss. Die Befürworter*innen physischer Arbeitstreffen sollten aber in Zukunft gegen die entdeckten Vorteile des digitalen Ersatzes argumentieren müssen. Warum nicht digital bleiben, wenn damit lange Fahrtzeiten, CO2 und Nerven geschont werden?

Häufig noch völlig unbeachtet ist aber, wie man die neu erprobten digitalen Kooperationsmöglichkeiten für die Arbeit mit Ehrenamtlichen fruchtbar machen kann. Wie können haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter*innen im Gemeindekontext gemeinsam digital arbeiten - einen gemeinsamen Kalender führen, Dokumente bearbeiten und digitale sowie analoge Ausgabekanäle für Verkündigung bespielen? Die Corona-Krise mag den Blick für die Notwendigkeit digitaler Arbeitsinstrumente geschärft haben, aber flächendeckend sind die Gemeinden in den Landeskirchen und Bistümern in Deutschland weit davon entfernt, sie als normalen Arbeitsstandard zu nutzen.

Und zweitens ist da die ohnehin immer wieder als Leerstelle beklagte #digitaleDiakonie. Während der Zeit, in der die persönliche Seelsorge in Pflegeheimen und Krankenhäusern eingeschränkt war, wurden an wenigen Stellen auch kreative digitale Hilfsmittel in Anschlag gebracht. Mit nur ein wenig Phantasie wird klar, dass die Möglichkeiten einer digitalisierten Praxis für Seelsorge und diakonisches Handeln längst nicht ausgeschöpft sind. Wenn ich von Zuhause aus per Video eine Messe besuchen, per Mausklick einzelne Messestände ansteuern und ein Gespräch mit eine*r Mitarbeiter*in vor Ort beginnen kann, dann liegt auch der digital vermittelte Seelsorge-Besuch am Krankenbett im Bereich des Möglichen.

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