Pflichtlektüre

Über sexualisierte Gewalt

Dieses Buch tut weh, natürlich. Es ist eher wie Arbeit oder Pflicht, Nina Apins Buch Der ganz normale Missbrauch zu lesen. Aber es ist notwendig. Und dass es der taz-Journalistin Apin gelingt, die Pflichtlektüre fast leicht erscheinen zu lassen, ist ein großes Verdienst der Autorin. Chapeau!

Apins Buch ist gut geschrieben, ihre Sprache ist klar und sachlich, ihre Argumentation logisch und nüchtern. Ein Anmerkungsapparat, viele Hinweise zu Büchern und Links zum Nachlesen oder zur Hilfe für Betroffene sowie ein Personenregister sind nützlich. Das Sachbuch ist sehr ordentlich recherchiert, es ist unideologisch und unverkrampft – keine kleine Leistung. Denn die sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige berührt auch immer wieder die Grenzen der Sprache, diese Gewalt klar und deutlich zu schildern, kostet Überwindung. Schließlich sind Situationen voller Brutalität, Schmerzen und Scham zu beschreiben. Die Stärke des Buches macht es aus, dass es die – man kann es nicht anders sagen – Normalität des Missbrauchs in unserer Gesellschaft eindrucksvoll schildert. Es ist davon auszugehen, dass etwa jeder achte Erwachsene in seiner Kindheit und Jugend sexuelle Gewalterfahrungen gemacht hat. Die Fachleute rechnen mit einer Million Mädchen und Jungen, die in Deutschland sexuelle Gewalt erlebt haben oder zur Zeit erleben. Dazu kommen noch Millionen Erwachsene, die Ähnliches erleben mussten. Jedes vierte bis fünfte Mädchen wurde schon einmal sexuell missbraucht, jeder neunte bis zwölfte Junge.

Apin macht schlüssig deutlich, dass der Missbrauch dabei eher selten von klar pädophil veranlagten Männern (sehr selten: Frauen) verübt wird, sondern von ganz „normalen“ Männern, für die diese Art der Gewalt schlicht ein Verbrechen ist, das unter bestimmten Bedingungen in den Bereich des Möglichen rückt. Es passiert in allen Schichten, von Tätern aller Bildungsniveaus. Von einer „stillen Epidemie“ schreibt Apin, denn das Internet erhöht die Zahl der Taten deutlich.

Ein eigenes Kapitel in Apins Buch, das ist in diesem Magazin wichtig, analysiert den Missbrauch im kirchlichen Raum – und das meiste davon ist ebenso geglückt wie der Rest des Buches. Allerdings ist es nicht ganz fair, wenn die Autorin apodiktisch schreibt, die beiden Volkskirchen in Deutschland versagten „noch immer darin, dem verbreiteten Kindesmissbrauch in ihren eigenen Reihen entschlossen entgegenzutreten“. Seit zehn Jahren, seit dem Beginn des Megaskandals, haben beide Volkskirchen sich immer wieder neue und strengere Regeln und Strategien gegen den Missbrauch verordnet – und so gut wie keine neuen Fälle sind seitdem bei den Kirchen zu verzeichnen. Angesichts des massenweisen Missbrauchs in der gesamten Gesellschaft ist das zumindest besser als ein schlichtes Versagen. Auch dass eine wegen statistischer Schwächen eher zweifelhafte Studie der Universität Ulm, die von jeweils mehr als 100 000 Opfern auf katholischer wie evangelischer Seite ausgeht, ohne jegliche Vorsicht zitiert wird, schwächt das Buch ein wenig.

Das sind aber – alles in allem – Petitessen. Insgesamt ist Nina Apins Buch rundheraus zu empfehlen. Wer auf der Höhe der Zeit sein will in der Diskussion um die sexualisierte Gewalt in der deutschen Gesellschaft und sich nicht durch Unmengen kaum leserlicher wissenschaftlicher Literatur kauen will, sollte es lesen.

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