Es wird sein

Beethovens Klaviertrios

Das Beethoven-Jubiläumsjahr schreitet voran, und es leidet unter den bekannten Einschränkungen des Konzertlebens, die wahrscheinlich auch noch in der zweiten Jahreshälfte quälen werden. So müssen wir uns mehr als früher wieder gewiss werden, dass man Musik hören kann. Ja, hören. Natürlich, es wäre es toll, wir könnten den luziden Pianisten Alexander Melnikov, den wunderbaren Cellisten Jean-Guihen Queyras und die unvergleichliche Geigerin Isabelle Faust aus wenigen Metern Entfernung hören und sehen – zum Beispiel in meinem most hippest Berliner Konzertraum, den Uferhallen in Wedding. Das ist jene große Klavierwerkstatt, in der sich bis März dichtgedrängt auf Stühlen, Sesseln und Sofas, das Glas Wein oder das Fläschchen Bier unterm Stuhl verstaut, zuweilen 200, 250 Menschen als coole Konzertgemeinde versammelten. Nimm Abschied, Herz, und gesunde, wer weiß, für wie lange Zeit?

Aber bloß nicht weinerlich werden, denn hören können wir sie ja zumindest, Beethovens wunderbare Klaviertrios Opus 70,2 und 97 („Erzherzogtrio“), weil die genannten Ausnahmekünstler sie gottlob eingespielt haben. Und selten hat man das Glück, so sensible Klangent-wicklungen verfolgen zu dürfen, wie sie den Dreien im einleitenden Allegro moderato des „Erzherzogtrios“ Opus 97 gelingen! „Erzherzogtrio“ heißt es übrigens, weil es Beethoven seinem Schüler, Freund und Förderer Erzherzog Rudolph von Österreich widmete. Es ist auch das letzte Werk, mit dem Beethoven am 11. April 1814 als Pianist öffentlich auftrat, bevor ihn seine Ertaubung zwang, solches Tun aufzugeben. Vielleicht hätte er sich diesen Auftritt sparen sollen, denn ein Konzertbesucher, kein Geringerer als Louis Spohr, merkte an: Ein Genuß war’s nicht, denn erstlich stimmte das Pianoforte sehr schlecht, was Beethoven wenig bekümmerte, da er ohnehin nichts davon hörte, und zweitens war von der früher bewunderten Virtuosität des Künstlers infolge seiner Taubheit fast gar nichts übrig geblieben.

O weh, armer Ludwig! Aber solche Kritik hat natürlich rein gar nichts bei der herausragenden Interpretation von Melnikov, Queyras und Faust zu suchen. Für dieses Trio zahlt sich aus, dass es mit Instrumenten musiziert, die wohl annähernd klingen wie zur Zeit Beethovens – also mit gereiften Streichinstrumenten mit Darmsaiten und einem Fortepiano von 1828. Die Proportionen sind stimmiger als bei modernen Stahlsaiten- und Steinwayflügel-Produktionen. Was für ein edler Klang, der immer und immer wieder beglücken kann, besonders im unvergleichlichen dritten Variationssatz des Erzherzogtrios! Dessen Atmosphäre edel-melancholischer Idylle lässt zwar wehmütig an die derzeit geschlossenen Konzertstätten (in aller Welt) denken, aber mit einem hoffnungsvollen „Es wird sein …“ gleichzeitig an ihre Auferstehung glauben. Danke, Ihr Genien!

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