Ein Zerrbild gezeichnet

Benjamin Ziemanns Niemöller-Biografie wird ihrem Gegenstand nicht gerecht
Martin Niemöller
Foto: epd/Dietmar Treber
Demonstration gegen Neutronenbomben 1978 in Wiesbaden mit Martin Niemöller (Dritter von links).

Das Bild von Martin Niemöller, das noch immer unter Protestanten gepflegt werde, sei verklärt und schenke den problematischen Seiten des kirchlichen Widerstandskämpfers zu wenig Beachtung. Diese These vertritt der Historiker Benjamin Ziemann in seinem Buch über Martin Niemöller und in seinem Artikel in der Maiausgabe von zeitzeichen. Der Theologe Michael Heymel, der 2017 ebenfalls eine Niemöller-Biografie veröffentlichte, widerspricht Ziemann nun deutlich.

Martin Niemöller sei die „verklärte Leitfigur des angeblich widerständigen Protestantismus“, behauptet der Historiker Benjamin Ziemann. Er verweist auf Niemöllers Lebensweg, seine Nähe zu Freikorpsleuten und seine Mitgliedschaft beim Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund in der Weimarer Zeit, um von ihm das Bild eines rechtsextremen Nationalisten, Antibolschewisten und Antisemiten zu zeichnen, der seine Vergangenheit beschönigt und sich gegen jede Kritik an seinen Positionen immunisiert habe. Es sei daher problematisch, ihn zum Kronzeugen „für die progressive politische Identität der Protestanten in der Bundesrepublik zu machen“.

Wäre Niemöller tatsächlich derart idealisiert worden, wie Ziemann unterstellt, müsste in der evangelischen Kirche über sein Bild als „Ikone des Widerstands“ kritisch diskutiert werden. In der Geschichte des deutschen Protestantismus seit 1945 ist Niemöller aber nicht verklärt, sondern lange Zeit heftig angefeindet worden, weil er in der um Restauration bemühten evangelischen Kirche wie auch in seinen Stellungnahmen zu Grundfragen der deutschen Politik stets eine Minderheitsposition vertrat, die sich über Machtfragen und politisch-ideologische Interessen im Ost-West-Konflikt hinwegsetzte. Weder die EKD noch die hessen-nassauische Kirche (EKHN), deren erster Kirchenpräsident er war, haben jemals das Bild einer „Ikone Niemöller“ gepflegt. Im Gegenteil, er war und ist dem kirchlichen Establishment bis heute unbequem, weil er nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes eine grundlegende Erneuerung der Kirche forderte und davon überzeugt war, dass der Glaube an Jesus Christus die Kirche und ihre Glieder verpflichte, zu politischen Entscheidungsfragen ihrer Zeit Position zu beziehen. Im Sinne des vom Bruderrat der EKD verfassten Darmstädter Wortes von 1947, an dem er mitgewirkt hatte, sah Niemöller seine Aufgabe darin, gegenüber Ost und West für ein Deutschland einzutreten, das versucht, Verantwortung „für den Aufbau eines besseren deutschen Staatswesens“ zu tragen, „das dem Recht, der Wohlfahrt und dem inneren und äußeren Frieden und der Versöhnung der Völker dient“. Eine kleine Minderheit vertrat diese Auffassung, die EKD hat das Darmstädter Wort nie offiziell übernommen.

Auch nach 1945 stand Niemöller für das Erbe des radikalen Dahlemer Flügels der Bekennenden Kirche. Die linksliberale EKHN tut sich bis heute mit diesem Erbe schwer. Obwohl sie sich gelegentlich gern als „Niemöller-Kirche“ bezeichnet, ist ihr Verhältnis zu Niemöller ambivalent. Als ihr Kirchenpräsident war er dort sehr umstritten, in seiner Amtszeit wurden seine politischen Äußerungen in der Kirchensynode höchst kontrovers diskutiert. Der politische Pastor Niemöller, der gegen Atomwaffen protestierte und sich für den Frieden und die Ökumene einsetzte, fand bei Teilen der Pfarrerschaft Zustimmung. Ziemann hat Recht, wenn er bei ihnen und den Anhängern der Friedensbewegung ein idealisiertes Bild von Niemöller erkennt.

Für eine Stilisierung Niemöllers zur „protestantischen Ikone“ finden sich ansonsten jedoch kaum reale Anhaltspunkte. Deshalb hat Ziemann die hagiografische Einstellung der bisherigen, von ihm nur selektiv wahrgenommenen Biografen als Grund für ein verklärtes Niemöller-Bild ausgemacht. Wer ihre Darstellungen wirklich kennt, wird schwerlich den Eindruck gewinnen, dass sie einen Helden ohne Fehl und Tadel zeigen. Zum Symbol des kirchlichen Widerstands gegen die Nazis wurde Niemöller durch internationale Presseberichte über seine Dahlemer Gottesdienste, seine Verhaftung und seine KZ-Haft als „Hitlers persönlicher Gefangener“. Das besonders in den USA verbreitete Bild von ihm als öffentlichem Gegner Hitlers, das der amerikanische Historiker Matthew Hockenos (2018) zurechtgerückt hat, ist ein Medienprodukt. Fest steht jedoch, dass Niemöller durch sein mutiges Eintreten für die Freiheit der Kirche gegenüber dem NS-Staat in die politische Illegalität geriet.

In seiner Niemöller-Biografie entwirft Ziemann das Bild eines nach politischer Macht strebenden Pastors. Dadurch entsteht ein Zerrbild von Niemöller, der sich primär als evangelischer Pfarrer verstand und betonte, er sei kein Politiker. Man kann Niemöllers Einmischung in die Politik und seine Friedensarbeit nach 1945 nur verstehen, wenn man ihm eine echte Wandlung zubilligt und ihn als Bekenner und Prediger des Evangeliums sieht. Wer nicht die Leidenschaft begreift, die ihn als Evangelist dazu trieb, Grenzen zu überschreiten, wird ihn missverstehen.

Der Historiker greift nach Niemöller, aber er begreift ihn nicht. Was er aus den Archiven zu Tage fördert, war früheren Biografen zum Großteil bekannt. Soweit er neue Fakten präsentiert, tragen seine Deutungen wenig zum Verständnis der Persönlichkeit Niemöllers bei. Dass dieser vom Militarismus des Kaiserreichs geprägt war, dass er in der Weimarer Zeit wie die meisten evangelischen Pfarrer deutsch-national dachte und antijüdisch eingestellt war, konnte man seit Jahrzehnten wissen. Denn Niemöller hat das, im Gegensatz zu vielen Deutschen seiner Generation, selbst freimütig zugegeben. Insofern gibt es hier nichts zu enthüllen. In einem Dokumentarfilm Anfang der 1980er-Jahre bekannte er offen, er habe sich bis zum Tod Wilhelms II. an seinen Eid gebunden gefühlt, und kam zu dem denkwürdigen Schluss: „Man kann den Menschen nur verstehen, wenn man die Zeit versteht und mit Augen sieht, wie die Zeit damals gewesen ist.“

Benjamin Ziemann dagegen urteilt über Niemöller aus einer voreingenommenen Sicht von heute. So beanstandet er dessen „anhaltende Reserve gegenüber der pluralistischen Parteiendemokratie“, ohne auf seine Affinität zu Formen der Basisdemokratie einzugehen. Nicht die zitierten Quellen, sondern ihre Deutung und Wertung sind problematisch. Dafür drei Beispiele. Erstens: Woher weiß Ziemann, dass Niemöllers Eingeständnis persönlicher Schuld „mehr eine rhetorische Geste als eine tatsächliche Auseinandersetzung mit seiner eigenen Unterstützung des NS-Regimes“ war? In seiner Biografie behauptet er, Niemöller sei es im kirchlichen Schulddiskurs allein darauf angekommen, die „moralische Lufthoheit“ zu gewinnen. So habe er die Bruderräte dazu berechtigt, bei der Erneuerung der Kirche die Führung zu übernehmen. Der Verfasser kann sich nicht vorstellen, dass Niemöller aus echter Erschütterung von persönlicher Schuld sprach, um seinen Hörern einen Weg zu Schulderkenntnis und verantwortlichem Handeln zu eröffnen. Er beansprucht, es aus den Akten besser zu wissen.

Kein Antisemit

Zweitens: Niemöller stellte seinen eins-tigen Crew-Gefährten Heinz Kraschutzki, mit dem er seit den 1950er-Jahren in der Friedensbewegung verbunden war, gern mit den Worten vor: „Das ist mein alter Marinekamerad Kraschutzki. Ihm hat schon der Erste Weltkrieg die Augen geöffnet über das Wesen des Militarismus. Bei mir war leider noch ein Zweiter nötig.“ Bei Ziemann wird daraus eine rhetorische Geste, mit der Niemöller seine Wandlung zum Pazifisten andeutet. Die Pointe der Aussage, dass Niemöller seinen Freund als den Hellsichtigeren herausstellt, entgeht ihm.

Drittens: Folgt man Ziemann, so vertrat Niemöller bis 1932 einen völkisch-rassistischen Antisemitismus. Weit über 1945 hinaus zeige sich bei ihm ein gesellschaftlich-kultureller Antisemitismus. Hier missachtet der Historiker nicht nur jene Quellen, die bezeugen, dass Niemöller wiederholt die Deutschen auf ihre Schuld an den Verbrechen gegen die Juden ansprach. Er lässt auch den Heidelberger Vortrag von 1957 außer Acht, in dem Niemöller den Antisemitismus als Kehrseite des Nationalismus bezeichnet. Die Kirche, so Niemöller, habe sich in den Sog nationalistischer Hoffnungen hineinziehen lassen und sei dadurch für den Judenhass anfällig geworden. Ihre Aufgabe sei es aber, den Juden zu bezeugen, dass Gott sie als jüdische Menschen liebt. So redet kein Antisemit. So redet jemand, der daran arbeitet, seine antijüdische Denkweise zu überwinden.

Christen jüdischer Herkunft gehörten in Dahlem zum Freundeskreis Niemöllers und seiner Familie. Nach 1945 pflegte er freundschaftliche Kontakte zu vielen Juden und wurde von ihnen hoch geachtet. Dazu zählten etwa der israelische Friedensaktivist Joseph W. Abileah und der schillernde Nahostexperte Horst J. Andel, der Niemöller als überzeugten Christen und gradlinigen Menschen schätzte. Laut seiner Autobiografie, die 1989 unter dem Pseudonym Aharon Moshel erschien, soll der hessen-nassauische Kirchenpräsident ihm offenherzig erklärt haben, „die Nie-möllers seien eigentlich immer Antisemiten gewesen“. Er habe aber „inzwischen viel hinzulernen müssen, und wenn er mir irgendwann einmal behilflich sein könne, sei er jederzeit für mich da, für mich und meine Leute“.

Niemöller hielt sein Versprechen, auch, nachdem Andel alias Moshel ihn aufgeklärt hatte, dass er für den israelischen Geheimdienst Mossad arbeitete. Nach seinem Autounfall im August 1961, bei dem seine erste Ehefrau Else getötet wurde, lag er schwerverletzt in einem dänischen Krankenhaus. Der hessische Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer, Sohn jüdischer Eltern, schrieb ihm: „Ich teile den Schmerz, den Sie über den Verlust Ihrer Frau empfinden. Ich erinnere mich der Stunden, die ich mit ihr verbringen durfte; ich werde sie nicht vergessen. Ihnen selber wünsche ich herzlichst baldige Genesung. Wir brauchen Sie.“

Ob Ziemann diese Quellen kennt, weiß ich nicht. Sie widersprechen jedenfalls seiner Tendenz, Niemöller als unbelehrbaren Antisemiten darzustellen. Um eine Gestalt von Niemöllers Format angemessen zu würdigen, brauchen wir weitere Forschung. Sie sollte allerdings interdisziplinär und international erfolgen und mit den eigenen Wert- und Lebensvorstellungen selbstkritisch umgehen.

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