Scham, Schuld und Vergebung

Dieser literarische Tempel sei zum Besuch empfohlen.
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Wenn heute der lockdown in Berlin deutlich gelockert wird und die ersten, frisch polierten Stühle draußen wiederbesetzt sind, wenn wir wieder vom Frühlingswind umworben und von Latte begleitet, nach ausufernden Gesprächen zum Buch greifen, stellt sich die Frage: Was ist Lektüre, die bleibt? Corona-Tagebücher sind bereits jetzt fleckig geworden. Deshalb meine kleine Werbung für einen Jahrhundertroman, der um Freiheit, Scham, Schuld und Vergebung kreist. Und über Selbstbilder, über die wir (mutmaßlich) viel nachgedacht haben.

Portalfiguren der weltweiten Coetzee-Lesergemeinde sind David Lury, der Literaturprofessor in mittleren Jahren, und seine Tochter Lucy, die fernab von Kapstadt eine kleine Farm mit Hundepension, Gemüseanbau und Blumenzucht betreibt. Sie sind die Hauptfiguren in Schande. Coetzee strengt sich an, David Lurie als eine Person zu schildern, dem die Leserinnensympathie definitiv nicht zufliegt. Mit kaltschweißiger Überheblichkeit reagiert der auf die Vorladung einer Untersuchungskommission, die eine Affäre mit einer seiner Studentinnen, die er mit seiner institutionellen Macht zum Beischlaf genötigt hat, aufarbeitet. In die Affäre ist er eher schlurig hineingeraten, letzte Mißerfolge mit einer Sekretärin („Sie bäumt sich auf und kratzt und arbeitet sich in schäumende Erregung, die ihn am Ende abstößt. Er borgt ihr einen Kamm und fährt sie zum Campus zurück.“) hatten ihn zu einer selbstgefälligen Bildungsreflexion veranlasst: „Er sollte aufgeben, vom Feld gehen. Wie alt war Origenes, fragt er sich, als er sich kastrierte? Das ist nicht die eleganteste Lösung, aber das Altern ist keine elegante Angelegenheit.“  Zwar spürt er, wie die anlaufende Affäre mit Melanie Isaacs Grenzen überschreitet, aber er kann sich nicht beherrschen, sein Stolz verbietet es ihm. Und offenbar die Bildung: „(W)ir können unser alltägliches Leben nicht in einem Reich der reinen Ideen führen, abgeschottet von Sinneserfahrungen.“ Lurie scheitert also an der platonischen Ideenlehre, so der ironische Subtext.

Nicht gelingt es der Kommission, Luries Schamimunität aufzuheben, in einer gemütlichen Verrohung seiner Überzeugungen bekennt er sich zwar für schuldig, ist aber nicht bereit, auf Kompromisse einzugehen, verzichtet künftig stur auf die Komfortzone Universität. Das Kompromissangebot lautet: Er solle sich nicht nur schuldig bekennen, sondern Reue zeigen. Pro forma geht Lurie darauf ein: „»Gut. Ich habe meine Stellung gegenüber Frau Isaacs ausgenutzt. Das war verkehrt, und ich bereue es. Genügt Ihnen das?« »Die Frage ist nicht, ob es mir genügt, Professor Lurie, die Frage ist, ob es Ihnen genügt. Drückt es ihre wahren Gefühle aus?« Er schüttelt den Kopf. »Ich habe die Worte für Sie gesagt, jetzt wollen Sie mehr, Sie wollen, dass ich Ihre Wahrhaftigkeit beweise. Das ist grotesk.«“ Bekenntnisse will er nicht liefern, das empfindet er als Erniedrigung. „»Vor diesem säkularen Tribunal habe ich mich schuldig bekannt, ein säkulares Geständnis abgelegt. Dieses Geständnis muss ausreichen. Reue ist weder Fisch noch Fleisch. Reue gehört zu einer anderen Gedankenwelt, zu einem anderen Universum.«“

Diese Auskunft ist deshalb so aufregend, weil sie ein grelles Schlaglicht auf die in Südafrika zu jenem Zeitpunkt stattfindenden Anhörungen der von Erzbischof Desmond Tutu initiierten Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) werfen. Der Deal war: Täter, die in einer öffentlichen Anhörung sichtbar Reue über ihre Verbrechen während der Apartheid zeigen, können mit Straffreiheit rechnen. Selbstredend: Wie will man sicher sein, ob die Reue echt und nicht gespielt ist. Und auch der Autor selbst, Coetzee, trägt in seinem literarischen Kosmos immer wieder Bedenken, ob Bekenntnisse wahrhaftig sind – auch in seinen autobiographischen Szenenfolgen. Lurie setzt dagegen auf Austritt. Luries Verteidigung: „»Das erinnert mich zu sehr an Maos China, Widerruf, Selbstkritik, öffentliche Entschuldigung. Ich bin altmodisch, ich würde es vorziehen, an eine Wand gestellt und erschossen zu werden« (106), ist deutlich unter seinem Niveau. Er, Professor für Kommunikationswissenschaft, verweigert das Gespräch, zwingt die anderen, ihn davonzujagen. Wie einen Orden trägt er seinen Makel an der Brust.

An dieser Stelle, wo meine Kolumne zu Ende ist, muss man Lurie immer noch nicht lieben. Aber Sie sollten unbedingt sofort in die Buchhandlung rennen, den Roman kaufen (muss man besitzen, yes) und weiterlesen. Bitte. Und über das Selbstbild nachdenken.

Liebe Leserin, lieber Leser,

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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