Viva la Plattformrevolution!

Foto: privat

Der Medienjournalist Christian Bartels hat in der Medienkorrespondenz anlässlich der Nominierung von „Wende_Rewind“ für den Grimme Online Award dankenswerter Weise die alte Frage nach der digitalen Souveränität wieder in Erinnerung gerufen. „Wende_Rewind“ ist ein Angebot des RBB, das ausschließlich auf Instagram ausgespielt wird. Weil die Plattform ihre Inhalte so richtig nur angemeldeten Nutzer*innen anzeigt, stehen die allermeisten Beitragszahler*innen vor verschlossener Tür – obwohl sie mit ihren Rundfunkbeiträgen das Angebot erst ermöglichen.

In diesen Corona-Zeiten dürfen wir Zeug*innen werden, wie Kirchen und Gemeinden das Netz erobern. Weil öffentliche Gottesdienste in den Kirchen nicht möglich waren (und eine Rückkehr zur alten Gewohnheit auf längere Zeit hin unmöglich erscheint), blühen die digitalen Angebote. Jetzt senden auch diejenigen, die sich bislang zurückgehalten hatten oder durch andere Aufgaben eingebunden waren. Über die große Menge von Gottesdienst-Streams wurde und wird aufgeregt diskutiert.

Die allermeisten dieser Angebote nutzen jene Infrastrukturen, die globale Technologiekonzerne wie Alphabet (Google, YouTube), Facebook (inkl. Instagram und WhatsApp) und Microsoft zur Verfügung stellen. Über dem Wildwuchs der Plattformnutzungen sowohl im binnenkirchlichen Betrieb – man denke an die vielen, sicher absolut notwendigen Videokonferenzen! – als auch in der öffentlichen Kommunikation schlagen kirchliche Datenschützer*innen die Hände über dem Kopf zusammen! Manche*r verzweifelte Datenschützer*in erinnerte Gemeinden noch schnell daran, dass Facebook-Seiten doch abgeschaltet gehören.

Vergebens. Und unsinnig, denn in der Krise wird deutlich, was der kirchliche Datenschutz seit jeher versäumt hat: Die Orientierung an den praktischen Bedürfnissen der Gemeinden. Die Ratio geht ungefähr so: Wer mit Menschen außerhalb oder am Rande der Kirchen und Gemeinden kommunizieren will, der muss dahin, wo diese Menschen schon sind. D.h. in die „sozialen Netzwerke“ mit großen Nutzer*innenzahlen. Dabei macht man sich immer ein bisschen mitschuldig an der Aufgabe der Datensouveränität, denn gezahlt wird trotz Gratiszugang natürlich doch – nämlich mit den begehrten Daten der Nutzer*innen.

Nicht allein im Kreis der Eingeweihten!

Bartels stellt nun die berechtigte Frage, ob es notwendig und richtig ist, dass öffentlich-rechtliche Anbieter ihr Publikum auf Instagram & Co. ziehen, nur damit sie dort die von ihnen bezahlten Angebote auch nutzen können. Dagegen wird man immer einwenden können, dass dort eben Leute erreicht werden können – und damit „ihre“ Produkte überhaupt erst zu Gesicht bekommen -, die auf den anderen Ausspielkanälen öffentlich-rechtlicher Sender wie Radio, linearem Fernsehen und eigenen Websites nicht erreicht werden. Vor allem, weil sie dort nicht aktiv nach den Inhalten suchen.

 

Auf Kirchen gewendet: Auch die Medienangebote der Kirchen, vor allem die aus den kirchlichen Zentralen geführten Kanäle, verdanken ihre Existenz dem Anspruch, eine möglichst große Zielgruppe („alle“) mit qualitativ hochwertigen („seriösen“) und relevanten („Kommunikation des Evangeliums“) Inhalten zu erreichen. Finanziert werden die Angebote durch die Kirchensteuer oder andere kirchliche Geldquellen wie den kompensatorischen Staatsleistungen, Erlösen aus Kircheneigentum und anderen Geldanlagen sowie – nicht gerade selten – Kooperationsmodellen mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und direkt oder mittelbar durch Förderung aus Bundes- und Landesmitteln.

Daraus ergibt sich auch für kirchliche Medienangebote die Notwendigkeit, möglichst plattformunabhängig zu agieren und jedenfalls die von einer großen Gruppe von Menschen finanzierten Angebote nicht in eng umschlossenen Räumen zu verstecken. Das gilt sowohl für die Ausspielung auf Plattformen, die ein gespaltenes Verhältnis zur Datensouveränität haben, als auch für kirchliche Eigenentwicklungen, die entweder sowieso nur für einen inner circle der Eingeweihten konzipiert wurden oder aufgrund erblicher Rohrkrepiereritis kaum Nutzer*innen anziehen.

Exkurs: Gottesdienst-Streams auf YouTube

Für Gottesdienst-Streams zum Beispiel wird sehr gerne YouTube genutzt. Die Google-Videoplattform ermöglicht die Nutzung der Livestream-Funktion – aus guten Gründen – erst Kanalinhaber*innen mit 1000 Abonnent*innen. Da liegen geschätzt 95 % der kirchlichen Kanäle drunter, weshalb zu Beginn der Corona-Krise in Deutschland Abos „organisiert“ wurden. Die Abonnent*innezahlen sind also künstlich durch Solidaritäts-Aktionen zustande gekommen und fallen für eine ordentliche Datenerhebung zum Nutzer*innenverhalten aus.

YouTube wird deshalb gerne genutzt, weil es für Anbieter*innen einfach zu bedienen ist. Und weil sich auf YouTube niemand anmelden muss, um zuzuschauen. Nutzer*innen und Kanalbetreiber*innen profitieren. Gezahlt wird mit Nutzungsdaten, von denen am Ende auch die Anbieter*innen etwas hätten, wenn sie ehrlich ausgewertet würden. Wie geil wäre es, wenn man diese Daten aus öffentlicher und demokratisch kontrollierter Hand erhielte, statt als Bittsteller bei Monopolkapitalisten vorstellig zu werden?

Statt nur auf die Anzahl der Klicks zu schauen, empfiehlt sich ein ergänzender Blick auf die durchschnittliche Verweildauer im Video und gegebenenfalls eine Analyse, wann und warum sich Zuschauer*innen zwischendrin verabschiedeten. Im „normalen“ Sonntagsgottesdienst steht man ja sonst nicht während der Predigt auf und geht raus, weil es langweilig ist. Es sei denn, man hat zur Ausrede ein Kind dabei … Jedenfalls würde es wohl als unhöflich empfunden, wenn man physisch sichtbar „abschaltete“. Die Online-Gottesdienste sind also ziemlich protestantisch, weil es viel einfacher ist, Prediger*innen das Wort zu entziehen.

Es ist ein wenig putzig, dass selbst #digitaleKirche-Profis behaupten, andere „Erfolgsmarker“ als die ohnehin öffentlich zugänglichen Klickzahlen stünden nicht zur Verfügung. Nein, die Daten sind da! Sie müssen nur gesammelt und ausgewertet werden, was ja irgendwie immer ein mühsames Geschäft ist – und ein Teil der Antworten, die sich aus einer solchen Analyse auf die Fragen aus analoger und digitaler Kirche ergeben, würden die Kirchenbevölkerung wohl auch verunsichern.

Kirche als Playerin auf dem Markt der Möglichkeiten

Zurück zum Thema Plattformsouveränität: Die Lösung des Problems besteht sicher nicht in einer kircheneigenen Content-Plattform – womöglich auch noch von hauseigenen Programmierer*innen und Designer*innen gestaltet. Gott bewahre! Das Dilemma, sich auch mit zwielichtigen Unternehmen abzugeben, wird sich nicht auflösen lassen, kann aber aus den Ressourcen der christlichen Ethik bewältigt werden. Und schlussendlich könnten sich die Kirchen mit ihrer Markt- und Medienmacht auch für eine deutsche oder noch besser europäische öffentlich-rechtliche Medien-Plattform stark machen, wie sie immer wieder vorgeschlagen wird.

Nicht Kirchen-Funk, sondern ein Netflix der europäischen Zivilgesellschaft: Ein Ort, an dem Schulklassen und Konfirmandengruppen experimentieren können, ohne ihre Daten in die Hände des Plattformkapitalismus zu legen. Ein Ort, an dem die Vielfalt und Qualität der öffentlich-rechtlichen Sender Europas erreichbar und erlebbar wird. Ein Ort, an dem NGOs, Kirchen und andere Akteur*innen ein Umfeld vorfinden, das ihren Wertekorridoren entspricht. Ein Ort mit deutlich weniger Propaganda-Bullshit und eine Insel im Ozean der Profitgier. Viva la Plattformrevolution!

Doch so revolutionär ist das Vorhaben gar nicht: Die Corona-Krise führt eindrücklich vor Augen, dass wir als Gesellschaft ungemein von relativ gut funktionierenden „öffentlich-rechtlichen“ Systemen profitieren, die ihre Finanzierung der Allgemeinheit verdanken. Was für das Gesundheitssystem gilt, soll für unsere Medienversorgung nicht gelten? Die Medienkonsument*innen haben nichts zu verlieren als die Ketten der Datenknechtschaft!

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