#nichtsistvollbracht

Kurzes Nachsinnen über das, was im Kalender steht und angestanden hätte
Nichts ist voll bracht - Aktion von Folkert Uhde 2020
Foto: Folkert Uhde / Reinhard Mawick
Aktion zur Erinnerung an die ausgefallenen Konzerte am Karfreitag 2020 von Folkert Uhde.

Was für ein Typ sind Sie? Haben Sie, als klar wurde, dass lange Zeit wegen der Corona-Pandemie fast alles ausfällt, den Terminkalender bereinigt? Oder steht alles alte noch drin? Zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick hätte an diesem Wochenende ein ziemlich volles Programm gehabt. Aber viel schlimmer ist etwas anderes …

Eigentlich wollte ich Pfarrer werden. In diesem Glauben absolvierte ich ab 1987 mein Theologiestudium mit Freuden, bis mich dann meine Heimatkirche Mitte der 1990er-Jahre nicht in den Pfarrdienst übernahm. Das war nichts Persönliches, es traf alle anderen meiner Mitvikarinnen und -vikare genauso. Sie hatten halt damals in der Evangelisch-lutherischen Kirche in Oldenburg zu viele. Pech gehabt. Über Stilfragen der damaligen Zeit breiten wir den gnädigen Mantel des Schweigens …

Ich wurde also doch Journalist, was ich schon immer nebenbei erwogen und betrieben hatte, und das lief ziemlich gut, denn ich konnte ein Volontariat absolvieren und bekam bald eine Festanstellung als Redakteur. Ich wurde dann sogar in meiner langjährigen Wahlheimat Hamburg ordentlich lutherisch ordiniert und schließlich sogar für ein paar Jahre als – LOL! – Oberkirchenrat – Pressesprecher der EKD. Danach aber gottlob und bekanntermaßen wieder Journalist …

Stopp, Mawick, warum erzählen Sie das alles? – Ich erzähle das, weil ich aufgrund dieser Vorgeschichte, Prägung und Neigung immer wieder als Liturg und Prediger zu Gottesdiensten eingeladen werde. Im Schnitt so 8 bis 10 Mal im Jahr, und das freut mich immer sehr! Nicht nur, weil ich gerne bete, singe und predige, sondern auch, weil mich diese Aufgaben immer wieder dazu bringen, aus anderen Perspektiven zu denken und vorzubereiten, ist doch eine Predigt kein Artikel, ein Fürbittengebet kein Kommentar und eine Liedfolge keine Blattmischung – auch wenn es immer wieder Verwandtschaften zwischen beiden Genres beziehungsweise Sphären gibt.

Nun bin ich beim Punkt: Der 18./19. April, das Quasimodogeniti-Wochenende 2020, wäre für mich ziemlich dicht geworden und zwar nur, weil ich nicht Nein sagen konnte oder wollte. Anfang des Jahres sprach mich Jörg Reddin, der Kirchenmusiker der Bachkirche zu Arnstadt, nach einem gemeinsamen Hamburger Konzert an, er hätte gehört, ich würde öfter mal in Gottesdiensten zu Bachkantaten predigen und ob ich nicht Lust hätte, dieses Jahr am Sonntag nach Ostern in der Bachkirche zu Arnstadt die Predigt zu halten. Auf dem Programm stünde die Bachkantate BWV 6 „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“.

BWV 6? Mein Herz begann zu hüpfen. Was für ein tolles Stück, aber hören Sie selbst! Hatte ich was vor am Sonntag Quasimodogeniti? Blick ins Smartphone … nö. Prima, Zusage und große (Vor-)Freude! Ein paar Tage später schrieb mir meine liebe (Pastorinnen-)Freundin Kathrin Oxen, und fragte mich, ob ich nicht in der Bachkantaten-Reihe in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche die Predigt halten könne und zwar am Sonnabend vor Quasimodogeniti. Es ginge um die Bachkantate BWV 31 „Der Himmel lacht, die Erde jubiliert“.

BWV 31? Wow, toll. Mit Trompeten und allem Drum und Dran, eine richtige große, etwas längere, aber hören Sie selbst! Hatte ich was vor am Sonnabend vor Quasimodogeniti? Blick ins Smartphone … nö. Prima, Zusage und große (Vor-)Fr… . Ach, halt! Das ist ja ein Tag vor der Kantate in Arnstadt, puuh … naja, macht nix, ist ja eigentlich toll, haha, Bachdoppelpack, cool. Das machst Du schon! Dann hast Du über Ostern, also das lange Wochenende vorher, halt ein bisschen zu tun, die Familie soll sich mal nicht so haben.

Ergo: Alles freudig zugesagt, und ich ließ es auf mich zukommen.

Fünf, sechs Wochen vorher, Anfang März, dann erstes Nachdenken: Wie soll das eigentlich gehen am 18./19. April? Berlin war um 18 Uhr, Arnstadt am nächsten Tag um 10 Uhr. Rein reisetechnisch eine Herausforderung! Umgekehrt wäre es praktischer gewesen, denn es ist nicht ganz einfach, in diesem Zeitrahmen von A nach B, oder in diesem Falle, eben von B nach A zu kommen. Man will ja nach dem Gottesdienst, der bestimmt eine gute Stunde dauert, wenn nicht eineinhalb, noch nett mit den Leuten reden, vielleicht sogar mit der geliebten Pastorin Loci noch ein Bier trinken gehen. Also 21:15 Uhr „ab Zoologischer Garten“ hieße „an Arnstadt“ 00:23 Uhr! Oops … ginge irgendwie. Aber ob man so richtig taufrisch auf der Kanzel in der Bachkirche stünde, wo man doch die erste Nacht im fremden Bett ab 50 zunehmend bescheiden schläft? Die innere Stimme warnte vor Euphorie.

Insofern: Erst Sonntagsmorgen gen Arnstadt! Also von der Kirche in Zoonähe und fröhlichem Bier mit der Pastorin Loci samstags mit Glück kurz vor Mitternacht zur Berliner Schlafstätte im Prenzlauer Berg gelangt und morgens dann gegen 6:00 Uhr zum Gesundbrunnen gelaufen – dann wäre man zumindest wach. Und von dort führe dann der Nürnberger ICE, mit dessen Hilfe ich um 8:50 Uhr in Arnstadt gelandet wäre. Top, das hört sich gut an. Aber halt! Für den Umstieg in Erfurt wären 9 Minuten vorgesehen. In Worten: neun! Könnte Sonntagmorgen klappen. Wenn nicht, müsste ich die Straßenbahn nehmen und  wäre 9:18 Uhr da. Etwa zehn Minuten Fußweg zur Kirche, das erinnerte ich noch vom letzten Konzert dort im März 2019. Also gut, das ginge. Oder …?

Schon damals, Anfang März, als ich noch nicht ernsthaft mit einer Corona-Absage rechnete, fühlte ich mich unwohl, denn schlagartig wurde mir klar, dass die ganze Berlin-Arnstadt-BWV 31 / BWV 6-Aktion vielleicht was für mein inneres Guinnessbuch der Rekorde wäre, aber eigentlich objektiv unwürdig geplant. Zumal mir immer bewusster wurde, dass die beiden völlig unterschiedlichen Kantaten eigentlich für einen Prediger innerhalb von 14 Stunden auch eine komische Dichotomie darstellen. Es hört schließlich jeder, dass die knallig-durige Ostersonntagsmusik von „Der Himmel jauchzt“ (BWV 31) mit voller Trompetteria und die eher introvertierte, mollige Ostermontagsmusik mit Violoncello piccolo von „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“ (BWV 6) nun an zwei völlig entgegengesetzten Oster-Erfahrungsenden angesiedelt sind. Und außerdem waren die beiden „falsch“ gruppiert, denn natürlich hätte zumindest in dieser Kombination BWV 6 viel besser in den Berliner Abend gepasst und BWV 31 in den  Arnstädter Morgen. Zudem gestand ich mir ein, dass ich eigentlich gern bereits am Vortage mal Arnstadt richtig anschauen würde, bei den Proben zugehört, vorher mit allen Beteiligten ausführlicher gesprochen, hätte gerne länger einfach mal so in der Kirche gesessen und, und, und – kurz: Mir wurde immer mulmiger und letztlich „erlöste“ mich von all dem erst der Shutdown. Deswegen hier und heute der Schwur: Auf so etwas lasse ich mich nie wieder ein!

So, das mag man nun alles als skurril abtun. Ist es ja auch. Nun will ich aber endlich auf das Wesentliche kommen, auf das, was dem Beitrag den Titel gibt:

Mein lieber alter Freund Folkert Uhde, ein bedeutender Kulturmanager (u.a. Gesellschafter Radialsystem V Berlin, Intendant Bachfesttage Köthen), rief vor neun Tagen den Hashtag #Nichtsistvollbracht ins Leben, am Karfreitag kurz nach Mitternacht. Es war der Tag, an dem die vielbewunderte Johannespassion á trois zur Sterbestunde Jesu um 15 Uhr um den Erdball ging und von Hunderttausenden geschaut wurde (wer’s verpasst hat, unbedingt hier nachschauen!auch ich schrieb mal sehr ausführlich schon vor einem Jahr darüber). An diesem Tag gedachte Folli an all die, die an diesem Karfreitag eigene Passionen und Passionskonzerte verpassten und schrieb auf Facebook:

„Anlässlich des wunderbaren, Gemeinschaft stiftenden Passionsprojekts (…) heute ab 15 Uhr live aus der Thomaskirche (…), stellt sich die Frage, was am heutigen Karfreitag eigentlich alles NICHT passiert. Hunderte Passionskonzerte hätten heute Zehntausende Besucher*innen angelockt. Aber statt Musik zu machen, sitzen Tausende freiberufliche Musiker*innen zu Hause, ohne Einkommen. Und von der Politik alleine gelassen sind sie auch, denn die meisten Soforthilfen greifen bisher nicht. Deshalb möchten wir von Euch wissen: Wo hättet ihr heute Musik gemacht? Bitte leitet diesen Post weiter. An Musiker*innen, Chöre, Kirchengemeinden, Ensembles, Orchester, Freund*innen, Bekannte. Wir wollen den musikalisch ausgefallenen Karfreitag in Deutschland 2020 kartografieren.“

Eine tolle Idee, und ein wenig, wenn auch natürlich ganz anders, subsumiere ich darunter mein heutiges Wochenende, das gottlob für mich nicht so stattgefunden hat wie leichtfertigerweise von mir geplant. Aber während es für mich in keiner Weise existenzgefährdend war, dass meine Predigten und die damit verbundenen Exkursionen (gottlob!) ausfielen, herrscht für viele Solo-Selbständige im Moment Endzeitstimmung. Viele sind wirklich am Ende, weil sie leider keine Rücklagen haben, um auch nur ein halbes Jahr irgendwie zu überstehen (genauso wie viele Angestellte/Beamte auch, bei denen fällt es aber nicht auf, weil sie ihr Gehalt in großen Teilen einfach – trotz Pandemie – weiter bekommen, ich persönlich gehöre auch dazu).

Und die Politik? Die spielt gerade Milliarden-Bingo bei der Unterstützung vieler Unternehmen in vielen Branchen – gut so! Aber unsere Politik kapiert einfach nicht, was in Sachen Kunst und Kultur auf dem Spiel steht. Es gibt Zehntausende in unserem Lande, die fallen durch alle Raster. Die brauchen keine Betriebskosten, da ihr Mangel darin liegt, dass sie Geld nicht bekommen, weil sie plötzlich über Nacht durch den Ausfall aller öffentlichen Konzerte quasi Beschäftigungsverbot erhalten haben. Die Leistung müsste in einer wie auch immer en detail gearteten Kompensation für nicht erhaltene Honorare bestehen. Punkt. Darum geht es. Da hilft auch keine Grundsicherung, wenn dann im Zuge einer Vermögensprüfung die 40.000 Euro teure Violine verkauft werden muss.

Sicher, einige Bundesländer (NRW, Berlin) sind deutlich besser in Bezug auf Soforthilfen als andere (zum Beispiel Niedersachsen: Alles,  was da passiert, ist leider bisher hochnotpeinlich und ein Zeugnis von Trägheit, Boshaftigkeit und völliger Inkompetenz). Aber der Fisch stinkt vom Kopfe her: Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, ist direkt im Bundeskanzleramt angesiedelt. Anscheinend versteht sie einfach nicht, wie die besagten Soloselbständigen existieren. Das ist schlimm, ja, das ist sogar eine Schande.

Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum, ein wirklich feiner Herr, der noch zu gepflegten Zornesausbrüchen fähig ist, der hat es kapiert, wie er vor einigen Tagen im Tagesspiegel deutlich machte. Da veröffentlichte der 87-Jährige (!) einen Appell unter der Überschrift „Freischaffende Künstler sind systemrelevant“, in dem er unter anderen forderte: „Warum setzt sich die zuständige Kulturstaatsministerin nicht an die Spitze der Bewegung?“

Gerhart Baum hat Recht. Es ist höchste Zeit. Und deshalb wünsche ich dringend, dass endlich etwas passiert!

Übrigens: Auch die Kirchen sind gefragt. Aber auch ihnen, so ist zu hören, stehen ihre starren behördenmäßigen Haushaltsvorschriften im Wege, um den vielen Künstlerinnen und Künstlern zu helfen, die durch die abgesagten Passionen einen erklecklichen Teil Ihres Jahresumsatzes verpasst haben. Einzelne hoffnungsvolle Beispiele, die man zum Beispiel aus der Nordkirche hört, sind zumindest ein kleines Hoffnungszeichen.

Aber es hilft nichts. Im Zeitalter der Bazooka (Olaf Scholz) ist in erster Linie der Staat gefordert, und es ist sehr zu hoffen, dass das im Bundeskanzleramt angesiedelte Staatsministerium für Kultur und Medien, also insbesondere Frau Staatsministerin Monika Grütters, jetzt endlich mal handelt. Heute wurde ein offener Brief bekannt, den Promis wie Anne Sophie Mutter, Thomas Hengelbrock und Christian Thielemann unterzeichneten und in dem sie die Kulturstaatsministerin herzlich bitten, sie möge handeln. Ob es was nützt?

Das steht zu hoffen. Sonst bleibt uns wirklich nur noch, all das zu beweinen, was alles nicht stattfinden konnte in diesen Wochen. Gerhart Baum zitiert in seinem Appell den ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der 1991 sagte:

„Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können,
sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“

Man würde sich aktive Politiker dieses Formats jetzt in der Verantwortung wünschen, denn es ist noch nichts vollbracht auf diesem Feld der Kulturbewahrung. Der Karfreitag der Kunst ist auch Quasimodogeniti noch übermächtig. Traurig aber wahr.

 

 

 
 

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