Solidarisch auf Gottesdienste verzichten!

Warum der Kampf um ein bisschen Kirchgang zurzeit nicht dran ist
München, Liebfrauendom
epd / Norbert Neetz
Frau im leeren Liebfrauendom, München 2018

Ja, es scheint Licht am Horizont. Gestern waren Vertreter der Religionsgemeinschaften beim Bundesministerium des Innern. Ja, wahrscheinlich könnten Gottesdienste ab 4. Mai irgendwie wieder „vor Ort“ stattfinden. Aber sollten wir das wollen und anstreben? Nein, lieber noch nicht, meint Katharina Scholl, Pfarrerin aus Marburg, und nennt ihre Gründe.

Eine kleine Dorfkirche in Nordhessen. Die Glocken läuten zum Gottesdienst. Vor dem Kirchportal warten schon die Menschen auf den Einlass. Eine saubere Schlange haben sie gebildet. Die Zwei Meter Abstand könnte man mit dem Zollstock abmessen! Das Corona-gemäße stehen in der Schlange haben ja alle beim Einkaufen jetzt schon ordentlich trainiert. Wo doch mal einer etwas in Gedanken der Vorderfrau zu nah kommt, ist sofort ein Konfirmand zur Stelle und weist den Träumer in seine Schranken.

Schlangenkontrolle gehört für jeden Konfi jetzt zum Kirchendienst. Für diejenigen, die ihren Mundschutz vergessen haben, hat der nähfreudige Frauenkreis vorgesorgt. Wie jeden Sonntag gibt es auch heute wieder Mund-Nasen-Hauben in der aktuellen liturgischen Farbe zu kaufen. Wer endlich in den Kirchenraum hinein will, muss am Küster vorbei. Fast hätte man ihn nicht erkannt mit der Rocker-Leder-Weste, der Sonnenbrille und den Klebe-Tattoos, die ihm die Pfarrerin wie jeden Sonntag eine Viertelstunde vorher in der Sakristei auf den Unterarmen angebracht hat. Er soll ein bisschen wie ein echter Türsteher aussehen.

Gleich sind nämlich die letzten Plätze besetzt, die belegt werden dürfen, ohne die Abstandsregeln zu verletzen. Das ist nicht ganz einfach, denn jeweils zwei Reihen müssen zwischen den Gemeindegliedern sein, statt neun Menschen, die Heiligabend in einer Reihe dichtgedrängt sitzen, dürfen höchstens drei sitzen oder meinetwegen ein Pärchen und zwei weitere Einzelpersonen, und zu der vierköpfigen Familie darf nur noch einer an den äußersten Rand. Und natürlich irgendwie versetzt zur besetzten Reihe davor und dahinter,  denn beim Singen werden die Aerosole weit geschleudert. So an die sechzig Leute  kriegt man unter – na gut, ein paar dürfen auf die Empore gehen. Alle, die dann noch anstehen, muss der Türsteher-Küster nach Hause schicken. Traurig, aber nicht zu ändern …

Kurz vor Gottesdienstbeginn ist es mucksmäuschenstill im Kirchenraum. Mit wem sollte man sich auch unterhalten, wenn man da so einsam in der Bank sitzt? Immerhin hat sich das Durchschnittsalter der feiernden Gemeinde deutlich gesenkt. Die meisten Alten bleiben zu Hause. Wer zur Risikogruppe gehört, kann eben dieser Tage nicht so richtig zur Gemeinde gehören. Aber das verstehen die Alten. Sie mussten sich ja mit so Manchem arrangieren in der letzten Zeit. Der Gottesdienst beginnt. Bald wirft der Beamer das erste Lied an die Kirchenwand und die Gemeinde beginnt die Töne nach Herzenslust durch die Mund-Nasen-Hauben zu pressen. EG 329: „Bis hierher hat mich Gott gebracht durch seine große Güte“.

Vielleicht ist das beschriebene Szenario überzeichnet. Und dennoch: Wer in diesen Tagen lauthals fordert, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um Menschen sonntags in Kirchen zu versammeln, der vergisst, dass Gottesdienst nicht ausschließlich ein geistiges Geschehen, sondern wesentlich auch ästhetische Inszenierung ist. Die Gemeinde Jesu Christi als kleckerweise Vereinzelte? Kann ein solches Bild die Sehnsucht danach einlösen, wieder in Gemeinschaft zu singen und zu beten?

Die Frage nach dem Für und Wider einer möglichen Rückkehr zum gottesdienstlichen Betrieb scheint im Augenblick zur Bekenntnisfrage zu mutieren. Es entsteht der Eindruck, als werde der Gottesdienst von Einigen zum widerständigen Zeichen einer durch den Staat narzisstisch gekränkten Kirche stilisiert. Den Anderen, die den freiwilligen Verzicht unter den gegebenen Bedingungen propagieren, wird schnell der unangenehme Ruf von Anbiederung, Gehorsam und fehlendem kirchlichen Selbstbewusstsein angehängt.

Dass gerade der Gottesdienst in dieser Weise zum Gegenstand der Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche wird, ist nicht zufällig. Wie so oft in dieser Krise sind die entstehenden Konflikte älter als die Krise selbst. So ist es auch die bereits seit längerer Zeit geführte Debatte über die Relevanz des Sonntagsgottesdienstes im Gesamtbild kirchlichen Handelns, die sich hier einspielt. Wie viele unserer Gottesdienste sind eigentlich verzichtbar? Mit welcher Begründung lässt sich von einer Zentralstellung des Sonntagsgottesdienstes reden, wenn man die prozentuale Beteiligung der Kirchenmitglieder bedenkt?

Eben solche Fragen und auch die damit verbundenen Ängste verweben sich mit den aktuellen Fragen. Während Einige die Sorge umtreibt, dass bei freiwilligem Verzicht der Sonntagsgottesdienst als wesentliches Element kirchlichen Lebens unwiederbringlich verlorengehen könnte, befürchten Andere, dass die öffentliche Dimension des Gottesdienstes durch mögliche Zahlenbeschränkungen der Teilnehmenden irreparabel beschädigt wird. Wie auch immer man sich zu diesen und anderen Fragen rund um den Gottesdienst in diesen Tagen positionieren mag, es handelt sich in jedem Fall um eine innerkirchliche Debatte. Es sind Fragen einer Kirche, die im Moment der Krise in vieler Hinsicht mit sich selbst beschäftigt ist.

Sicher, der Schmerz, der bei den hochverbundenen Kirchenmitgliedern und einer Reihe von Pfarrerinnen und Pfarrern durch das Fehlen der Gottesdienste entsteht, ist existent. Aber er ist eben zunächst mal in ähnlicher Weise existent wie der Schmerz Vieler, die die Gemeinschaft mit Anderen in Cafés vermissen. Selbstverständlich ist es in diesen Tagen ein wesentliches Element kirchlicher Arbeit, Formen zu finden, mit denen sich diejenigen spirituell erreichen lassen, die sich danach sehnen. Die kreative Vielfalt, die dabei in den vergangenen Wochen generiert wurde, ist enorm. Telefongottesdienste, Videos, Andachten zum Abpflücken an Wäscheleinen, seelsorgliche Telefonate und vieles mehr ermöglichen religiöses Leben in der Krise und erreichen darüber hinaus auch Menschen, die sonst durch gottesdienstliche Feiern nicht erreicht werden.

Selbstverständlich bleiben diese Formen dennoch fragil und können nicht all das ersetzen, was jetzt fehlt. Aber sie sind eben genauso fragil wie alle Versuche in verschiedensten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, Kontinuitäten aufrecht zu erhalten und in Verbindung zu bleiben.

Wir brauchen im Moment dringender denn je eine Kirche, der es gelingt, sich aus ihrer Beschäftigung mit sich selbst zu lösen und zu lernen, dass die ihr auferlegten Beschränkungen keine Kränkungen sind, sondern sie eben darin Teil der Gesellschaft ist, die umfassend unter diesen Einschnitten leidet.

Es stellt sich doch im Moment nicht allein die Frage, wie wir Kirche sein können für diejenigen, die jeden Sonntag in den Gottesdienst kommen. Es stellt sich mit der gleichen Dringlichkeit die Frage, wie wir Kirche sein können für den Großteil unserer Mitglieder, die den Gottesdienst nicht regelmäßig besuchen, sondern vielleicht den Sonntagvormittag momentan damit verbringen zu überlegen, wie sie ihr Geschäft mir Mühe und Not noch eine weitere Woche über die Runden bringen können. Und es steht mit derselben Dringlichkeit die Frage daneben, wie wir Kirche sein können auch für diejenigen, die keine Kirchensteuern zahlen. Meiner Meinung nach ist es ein Akt gesellschaftlicher Solidarität, auf das Feiern von Gottesdiensten in Kirchenräumen unter den aktuellen Bedingungen zu verzichten.

Die behutsamen Lockerungen, welche Bund und Länder vorgenommen haben, dienen vor allem dazu, ein wenig von den wirtschaftlichen Folgen der Krise und den damit einhergehenden Existenzbedrohungen abzufedern. Vor diesem Hintergrund scheint jede Forderung, dass kirchliche Versammlungen wieder möglich sein sollen, wenn ansonsten nur einzelne Geschäfte wieder öffnen, zumindest problematisch. Auch die Kirche werden die gesamtwirtschaftlichen Verluste im Hinblick auf ihre finanziellen Ressourcen empfindlich treffen. Aber die Rückkehr zum gottesdienstlichen Leben unter Schutzmaßnahmen wird daran nichts ändern. Letztlich ist sie auch im Hinblick auf diese wirtschaftlichen Folgen Leidensgenossin.

Kirche ist doch auch systemrelevant, so höre ich es oft dieser Tage. Sie ist es nicht. Das scheint für viele Aktive in der Kirche gerade eine schmerzliche Erkenntnis und eine echte Kränkung zu sein. Der Soziologe Hans Joas hat gezeigt, dass Religion unter den Bedingungen der Moderne eine Option unter Anderen ist. Der heilige Kosmos des Mittelalters, in dem die Kirche Deutungshoheit über alles und jeden für sich beanspruchen konnte, ist vergangen. Wer sich heute religiös versteht, lebt damit, dass andere ihre Erfahrungen von Daseinsweitung vielleicht im Museum, im Kino oder im Fußballstadium machen und dass auch nicht religiöse Menschen moralisch und sinnerfüllt leben können. Diese Spannung und Vielstimmigkeit gilt es auszuhalten und vielleicht ist die Ansage, dass Kirche nicht systemrelevant sei, für viele das erste Mal, dass ihnen diese Grundsituation religiösen Lebens zum Bewusstsein kommt.

Dass sie nicht systemrelevant ist, heißt nun allerdings keineswegs, dass Kirche nicht relevant ist. Dass Bund und Länder es nicht bei dem Verbot kirchlicher Veranstaltung lassen, sondern betonen, man wolle das Gespräch mit den Religionsgemeinschaften suchen, zeigt einen sorgsamen Umgang mit dem hohen Gut des Rechts auf freie Religionsausübung, so sorgsam, wie er unter den gegebenen Bedingungen eben nur sein kann.

Die Relevanz von Kirche erweist sich nun aber gerade nicht im Beharren auf dem größtmöglichen Ausschöpfen rechtlicher Möglichkeiten. Im Moment erweist die Kirche ihre Relevanz gerade darin, zu verzichten und solidarisch die gesamtgesellschaftlichen Einschränkungen mitzutragen. Die Kirche ist Teil der Gesellschaft und ihr Leben nicht eine religiöse Sonderwelt. Kirche ist öffentliche Institution. In der Öffentlichkeit aber könnte es ihr schaden, wenn sie – vorbei an den kollektiven Einschränkungen – in der jetzigen Situation Sonderrechte für Versammlungen in Anspruch nimmt.

Kirche ist zwar in der Welt, aber nicht von dieser Welt. Dieser Satz wird mir in diesen Tagen entgegengehalten von denen, die völlig anderer Auffassung sind. Und er beschreibt ja in der Tat eine Spannung, die auch da ist und in der die Kirche existiert. Bloß löst sich diese theologische Beschreibung im Moment nicht dadurch ein, dass Gottesdienste gefeiert werden. Vielmehr sollte sich die Kirche als gleichberechtigte Gesprächspartnerin neben anderen gesellschaftlichen Akteuren an den Debatten rund um die Abwägung von ethischen Gütern beteiligen und dabei eine am Evangelium orientierte Perspektive einbringen. 

Am Ende bleibt die Frage, was ein solcher Verzicht auf gottesdienstliche Versammlungen für die Möglichkeiten einer Rückkehr zur Normalität kirchlichen Lebens nach der Krise bedeuten kann. Wie die kirchliche Wirklichkeit in Zukunft aussehen kann, dass vermag noch niemand zu sagen. Auch diese Unsicherheit ist kein kirchliches Spezialproblem, sondern ein gesamtgesellschaftlich geteiltes. Es ist eine Krise mit offenem Ausgang.


 

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Foto: Christian Lademann

Katharina Scholl

Pfarrerin Katharina Scholl ist Repetentin der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Neben ihrem Dienst promoviert sie zurzeit im Fach Praktische Theologie.


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