Heilvolle Dimension

Die Manifestationen von Gottes Geist in der Bibel sind plural und machtvoll
„Die Ausgießung des Heiligen Geistes“ – Gemälde von Carl Begas d. Ä. in der Tauf- und Traukapelle im Berliner Dom aus dem Jahr 1820.
Foto: epd/Ralf Maro
„Die Ausgießung des Heiligen Geistes“ – Gemälde von Carl Begas d. Ä. in der Tauf- und Traukapelle im Berliner Dom aus dem Jahr 1820.

In der biblischen Überlieferung ist Gottes Geist eine Kraft, die sehr vielschichtig und dynamisch erscheint. Der Basler Alttestamentler Konrad Schmid schildert besonders pointierte Beispiele von rúach und pneuma im Alten und Neuen Testament. Und er zeigt, dass der Heilige Geist eine Macht ist, die den Unterschied zwischen Tod und Leben transzendieren kann.

Welchen Gewinn verspricht die Konsultation der Bibel, wenn man im 21. Jahrhundert nach dem Geist Gottes fragt? Seit dem Aufkommen des historisch-kritischen Bewusstseins vor 250 Jahren kann die Theologie Aussagen aus der Bibel jedenfalls nicht einfach unverändert als normative Statements reproduzieren, sondern sie hat diese kritisch zu interpretieren. Was immer die Bibel zum Geist zu sagen hat, wir werden es nicht sogleich in unsere Liturgien und Dogmatiken und in die theologische Urteilsbildung aufnehmen können, wollen oder müssen – und zwar ganz zu Recht. Die Bibel ist 2000 Jahre alt, und von der Antike bis in die Moderne haben ihre Aussagen eine Auslegungsgeschichte durchlaufen, die die auf ihr fußenden Religionen und Konfessionen entscheidend geprägt hat.

Das historische Bewusstsein hat allerdings nicht nur unseren Umgang mit der Bibel erfasst, sondern auch die kirchliche Traditionsbildung. So ist heute anerkannt, dass etwa die Trinitätslehre, in der die Vorstellung vom Heiligen Geist ihren prominentesten Ort hat, ihre geschichtlichen Prägungen hat und keine überzeitliche Wahrheit bezeichnet, sondern ebenso der kritischen Interpretation bedarf.

Dieses geschichtliche Bewusstsein wird in Theologie und Kirche nicht selten als Bedrohung wahrgenommen: Damit relativiere sich doch alles. Nun, das ist zwar nicht falsch, aber erstens sind geschichtliche Wahrheiten billiger nicht zu haben. Zweitens, und das ist der wichtigere Punkt, hilft die geschichtliche Perspektive, den Erfahrungsbezug theologischer Aussagen aufzuschlüsseln.

Niemand hat den altkirchlichen Theologen vorgeschrieben, den Geist zur dritten Person der Trinität zu erklären. Sie haben diese Option nicht gewählt, weil sie besonders erfindungsreich waren, sondern sie haben sie gewählt, weil es sich für sie offenbar so am einleuchtendsten ergeben hat. Die historische Nachfrage zurück in die Bibel kann also eine hermeneutische Erschließungsfunktion haben. Man versteht, weshalb der Geist ist, was er ist, aufgrund dessen, wie er dazu geworden ist. Drittens schließlich lässt der kritische Blick in die Bibel auch Potenziale der Rede vom Geist aufscheinen, die sich gegenläufig zur Tradition verhalten und in der Rezeptionsgeschichte vielleicht vergessen wurden, aber gleichwohl wirklichkeitserschließende Funktion haben.

Unter neuzeitlichen Bedingungen muss man sich jedenfalls klar darüber sein, dass „Geist“ oder „Geist Gottes“ in der Bibel nicht die dritte Person der Trinität meint, denn diese Vorstellung ist hier noch nicht bekannt. Das schließt natürlich auf der anderen Seite nicht aus, dass sich diese „Geist“-Stellen in der Bibel dann, zumindest teilweise, als kompatibel mit späteren Vorstellungen erweisen konnten.

Von Anfang an

Im Folgenden stehen zwei prominente Beispiele aus dem Alten Testament im Vordergrund, die nicht in den Mainstream dessen fallen, was üblicherweise mit dem Geist Gottes verbunden wird. Damit sind keine bilderstürmerischen Ambitionen verbunden, sondern es soll darum gehen, das pluralistische und auch kritische Potenzial des biblischen Zeugnisses zum Thema „Geist“ nachzuzeichnen. Das erste Beispiel stammt vom Anfang der Bibel, aus Genesis 1,1–3:

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und öde, und Finsternis lag auf der Urflut, und der Geist Gottes bewegte sich über dem Wasser. Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es wurde Licht.

Von Gottes Geist ist schon ganz am Anfang der Bibel, im zweiten Vers, die Rede. Das hebräische Wort für Geist, rúach, kann von „Atem“ über „Hauch“ bis hin zu „Wind“ so ziemlich alles lufthaft Bewegte bezeichnen. In Gen 1,2 ist rúach feminin konstruiert. Ist der Geist Gottes in der Bibel eigentlich die Geistkraft Gottes? Nicht unbedingt, denn der Begriff rúach ist in der Bibel zwar häufig feminin, manchmal aber auch maskulin konstruiert: Hebräisch ist eine Sprache, die – anders als Englisch, aber ähnlich wie Deutsch – grammatikalisches und natürliches Geschlecht (englisch: gender und sex) nicht deutlich voneinander unterscheidet.

Im Englischen werden alle männlichen Wesen maskulin und alle weiblichen Wesen feminin konstruiert und alle sächlichen werden im Neutrum verwendet: „he“ bezieht sich immer auf Männer, „she“ immer auf Frauen und „it“ immer auf Sachen. Im Deutschen ist „der Tisch“ grammatikalisch maskulin und „der Hengst“ biologisch männlich, „die Gabel“ ist grammatikalisch feminin und „die Katze“ biologisch weiblich, und Sachen wie „das Geschirr“ oder „das Tafelsalz“ werden grammatikalisch als Neutrum konstruiert.

Im Hebräischen ist es ähnlich wie im Deutschen, nur mit dem Unterschied, dass es kein sächliches Genus gibt. Doch gender und sex stehen nicht notwendigerweise in einem Zusammenhang: Bei „der Mensch“, „die Person“ und „das Tier“ muss das grammatikalische Geschlecht des mit diesen Begriffen Bezeichneten nicht seinem biologischen entsprechen, ebenso wenig etwa bei „Gast“ und „Flüchtling“, „Waise“ und „Geisel“ oder „Kind“. Ob also die grammatikalisch feminine rúach in Gen 1,2 tatsächlich feminine Qualitäten hat, bleibt sprachlich unklar.

Wie funktioniert der Begriff rúach in Genesis 1,2 in seinem narrativen Kontext? Das ist eine entscheidende Frage, denn Begriffe beziehen ihre Bedeutung nicht aus sich selbst, sondern vor allem über ihren Gebrauch im sprachlichen Kontext.

Genesis 1,1 ist, wie allgemein anerkannt, Überschrift über dem ersten Schöpfungsbericht, nicht aber bereits Darstellung der Erschaffung von Himmel und Erde, denn der Himmel wird erst in Genesis 1,7 erschaffen, und die Erde kommt erst in Genesis 1,9 zum Vorschein. Genesis 1,2 dagegen bietet einen Blick in das Vorher der Schöpfung an: Was hier beschrieben wird, ist die Welt vor der Schöpfung. Mit Genesis 1,3 setzt dann die Schöpfung ein. Erst von hier an finden sich im hebräischen Text auch narrative Verbformen.

Was aber macht der Geist Gottes in Genesis 1,2 im Rahmen der Beschreibung der Welt vor der Schöpfung? Die Frage stellt sich umso drängender, als er nachher im ganzen Kapitel gar nicht mehr vorkommt. Weshalb wird er hier eingeführt? Man hat sich oft einen mythischen Urwind oder Gotteswind vorgestellt, der hier aufgenommen worden sei. Doch diese Auslegung muss hier ausscheiden, da in Genesis 1 nichts überflüssig ist und mythisches Material von den biblischen Autoren nicht einfach um seiner selbst willen berücksichtigt worden ist.

Richtig ist wohl die Interpretation, dass Genesis 1,2 den zum Sprechen bereiten Geist Gottes bezeichnen will, und tatsächlich ist dann das Sprechen die einzige Aktivität Gottes nach Genesis 1,3. Doch weshalb wird der zum Sprechen bereite Gott in Genesis 1,2 über seinen „Geist“ konzeptualisiert?

Nun, wenn es zutrifft, dass in Genesis 1 der zum Sprechen bereite Geist Gottes im Zustand vor der Erschaffung der Welt dem sprechenden Gott während des Schöpfungsprozesses entspricht, so kommt man nicht umhin, in der Terminologie „Geist Gottes“ ein kritisches Element zu erkennen: Gott entwickelt sich gemäß Genesis 1 von seiner Gestalt vor der Schöpfung als „Geist“ zum klar sprechenden und durch sein Wort schaffenden Gott während der Schöpfung. Gleichzeitig werden so alle aktuellen Geistvorstellungen in der Umwelt negiert beziehungsweise dem Zustand Gottes vor der Weltschöpfung zugeschrieben.

Der Schöpfungsbericht in Genesis 1 hat vielleicht durchaus auch die ihr vorliegenden Geisttraditionen der Bibel im Blick, wie sie etwa in den Richter- oder Samuelüberlieferungen bezeugt sind. Gegen diese Vorstellungen hält Genesis 1 fest: Gott wirkt in seiner Welt nicht über gelegentlich erfolgende Geistemanationen, sondern er hat der Welt durch sein Schöpferwort eine uranfängliche Ordnung eingestiftet, die allein den Schöpferwillen bezeugt.

Vertrocknen und verwelken

Das zweite Beispiel ist kaum weniger prominent als Genesis 1. Es stammt aus dem Prolog der sogenannten Deuterojesajaschrift (Jesaja 40–66). Dort steht zu lesen (Jesaja 40,6–8):

Horch, einer spricht: Rufe! Und er sagt: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist Gras, und alles, was gut ist daran, ist wie die Blume auf dem Feld. Das Gras vertrocknet, die Blume verwelkt, wenn der Geist Jhwhs darüber weht.Wahrlich, das Volk ist Gras! Das Gras vertrocknet, die Blume verwelkt, das Wort unseres Gottes aber besteht für immer.

Was hier gesagt wird, ist vor allem im Blick auf den Geist Gottes höchst erstaunlich: Wenn der Geist Gottes über das Gras und die Blume weht, dann leben diese nicht auf, sondern das Gras vertrocknet, und die Blume verwelkt. Was haben sich die Theologen, die Jesaja 40 geschrieben haben, gedacht, als sie das Wirken des Geistes Gottes nicht mit dem Wachsen und Blühen des Grases in Verbindung gebracht haben, sondern mit dem Vertrocknen und Verwelken?

Negative Seiten

Nun, man kann bei der ausgeprägten und stark durchreflektierten Schöpfungstheologie im Deuterojesajabuch insgesamt getrost davon ausgehen, dass hier sicher auch angenommen wird, dass Gott für das Wachsen und Blühen der Pflanzen zuständig ist, so etwa explizit Jesaja 41,19:

In die Wüste gebe ich Zedern, Akazien, Myrten und Ölbäume, in der Steppe setze ich Wacholder, Ulmen und Zypressen dazu.

Doch ganz offenkundig greift Jesaja 40,6–8 zu einem rhetorisch sehr starken Mittel, um Gottes Einzigartigkeit jenseits jeglichen Zweifels zu begründen: Ja, auch wenn Lebewesen dahinschwinden, dann steht der Geist Gottes dahinter. Gerade auch im Vergehen des Lebens zeigt sich die Schöpfermacht Gottes – diese Vorstellungen dürfen von ihm nicht ferngehalten werden.

Dieses theologische Argument der Betonung der umfassenden Schöpfermacht, die auch die negativen Seiten nicht nur nicht ausklammert, sondern betont mit Gott selber in Verbindung bringt, ist in der Deuterojesajaüberlieferung auch anderwärts belegbar, so besonders in der berühmten Passage Jesaja 45,6–7:

Ich bin Jhwh und keiner sonst, der das Licht bildet und die Finsternis schafft, der Heil vollbringt und Unheil schafft, ich, Jhwh, bin es, der all dies vollbringt.

In Jesaja 45 lässt sich ganz analog zu Jesaja 40 beobachten, wie die theologische Dimension eines Textes vor allem dann expliziert wird, wenn mögliche Missverständnisse aufkommen könnten: Sollte Gott mit Erfahrung der Zerstörung und des Bösen nichts zu tun haben? Dagegen bietet die Deuterojesaja-Überlieferung die theologische Explikation und betont ebenso kühn wie gewagt: Gott steht hinter allem. Ja, es ist sogar sein Geist, also seine je und je erfahrbare Wirkkraft, der dies tut.

Das ist zugegebenermaßen ein schwieriger Gedanke, aber noch viel schwieriger ist der Gedanke, Gott und seinem Geist das Absterben der Kreatur nicht zuzuschreiben. Denn dann wäre Gott nicht Gott, sondern allenfalls ein gut informierter Zuschauer seiner Schöpfung. Gottes Geist in Jesaja 40 macht also mehr und anderes, als wir von ihm erwarten.

Liest man von diesen zwei Beispielen her die prominentesten Stellen im Neuen Testament, die das Wirken des Geistes betreffen, bei Paulus, so ergeben sich einige auffällige Konvergenzen. Die kritische Position von Genesis 1 gegenüber dem Geist etwa scheint nicht allzu weit entfernt von Paulus’ Argument über das Zungenreden aus dem Geist in 1. Korinther 14,1–5 zu sein:

Strebt nach den Geistesgaben, vor allem aber danach, prophetisch zu reden. Wer in Zungen redet, spricht nicht zu Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht ihn: Er redet im Geist von Geheimnissen. Wer dagegen prophetisch redet, spricht zu Menschen: Er erbaut, ermutigt, tröstet. Wer in Zungen redet, baut sich selbst auf; wer aber prophetisch redet, baut die Gemeinde auf. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen redet, vor allem aber möchte ich, dass ihr prophetisch redet. Wer prophetisch redet, ist größer, als wer in Zungen redet, es sei denn, er übersetze es, damit der Gemeinde Erbauung zuteil werde.

Zungenrede und Prophetie sind beides Geistesgaben, doch die Zungenrede nützt nur dem, der sie ausübt, während die klare und deutliche Rede der Prophetie allen zugute kommt. Es ist also nicht alles von gleichem Wert, was aus dem Geist Gottes stammt. Geistbegabtheit allein ist noch keine Errungenschaft. Vielmehr kommt es darauf an, was sich mit ihr bewirken lässt.

Auch das in Jesaja 40 beobachtete ambivalente Wirken des Geistes Gottes wirft ein interessantes Licht auf Paulus’ Verständnis des Christseins, das sich vom Geist her bestimmen lassen soll. Wer in Christus lebt, in dem lebt und wirkt der Geist Gottes: Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und dass Gottes Geist in euch wohnt? (1. Korinther 3,16)

Geist, der tötet?

Was heißt das? Der Geist Gottes scheint zunächst eine unscheinbare Größe zu sein, denn sonst müssten die Christen nicht daran erinnert werden, dass er in ihnen wohnt. Darüber hinaus ist er aber auch keine Garantie für ein heiliges Leben, sondern eher eine Bedingung oder ein Anreiz dafür.

Ihr aber lasst euch nicht vom Fleisch bestimmen, sondern vom Geist, wenn wirklich der Geist Gottes in euch wohnt. Wer aber den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm. Wenn aber Christus in euch ist, dann ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn aber der Geist dessen in euch wohnt, der Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch euren sterblichen Leib lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt. (Römer 8,9–11)

Der Geist ist derjenige, der den sterblichen Leib der Christinnen und Christen lebendig macht. Wie macht er dies? Indem er, wie Paulus erstaunlicherweise formuliert, „tötet“: Wenn ihr nämlich nach dem Fleisch lebt, müsst ihr sterben; wenn ihr aber durch den Geist tötet, was der Leib aus sich heraus tut, werdet ihr leben. (Römer 8,13)

Man ist bei dieser Aussage an Jesaja 40,6–8 erinnert: Der Geist „tötet“, während das Wort Gottes für immer bleibt. Der Geist transzendiert also die menschliche Unterscheidung von Leben und Tod. Er kann, nach menschlicher Maßgabe, „töten“, doch dies geschieht, um das wahre Leben zu ermöglichen, das sich an anderen Dimensionen orientiert als an der von beständigem Entstehen und Vergehen geprägten kreatürlichen Welt.

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Konrad Schmid

Konrad Schmid ist Porfessor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der Universität Zürich.


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