Leidenschaft

Christiane Florin über ihre Kirche

Es gab Giuseppe Berardelli. Der 72-jährige Priester aus Norditalien war an Corona erkrankt, gab aber seriösen Medien zufolge im März einem jungen, ihm unbekannten Erkrankten sein Beatmungsgerät – um dann an der Seuche zu sterben. So gibt es Märtyrer und Heilige alle Tage, und für Prophetinnen und Propheten gilt das auch. Wer dem zustimmt, sollte erwägen, Christiane Florin als eine Prophetin unserer Zeit zu betrachten. Denn diese Betrachtungsweise kann einen Schlüssel darstellen, ihr Reden, Schreiben und Handeln zu verstehen.

Wer ist Christiane Florin? Die promovierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin, geboren 1968, gehört zu den profiliertesten katholischen Publizistinnen der Bundesrepublik, derzeit ist sie Redakteurin des Deutschlandfunk für den Bereich „Religion und Gesellschaft“. Durch die Sendung „Tag für Tag“, viele TV-Auftritte und mehrere Bücher hat sie einiges an Prominenz angehäuft – ihr neuestes Buch spielt damit, es heißt Trotzdem! Wie ich versuche, katholisch zu bleiben, ein apartes Bild von ihr schmückt den Titel.

Das kann man als ein wenig egozentrisch bemängeln, aber in der linksliberalen katholischen Szene ist Florin schon so etwas wie ein Star. Die Frage ist nur: Lohnt sich die Lektüre ihres Werkes auch für die, die sie nicht oder kaum kennen und sich auch nicht als Fans von ihr verstehen?

Ja. Und das aus mehreren Gründen. Denn Florin seziert in recht knapper Form mit analytischer Schärfe die Krise der katholischen Kirche, in Deutschland vor allem, aber durchaus auch mit Ausflügen in die Weltkirche. Vor allem der Missbrauchsskandal, aber auch die fehlende Mitbestimmung der Laien und die ausdrücklich so genannte Diskriminierung der Frauen in ihrer Kirche treibt sie um. Sie verknüpft diese kenntnisreiche Analyse mit der Schilderung ihrer eigenen, gut katholischen Sozialisation im Rheinland – von der Taufe bis zur katholischen Jugendarbeit und Kirchenmusik. Meistens gelingt dieses Zusammenspiel von Autobiografie und Kirchenanalyse.

Das glückt ihr auch, weil Florin außergewöhnlich gut mit der Sprache umgehen kann und über einen gehörigen Wortwitz verfügt. Fast auf jeder Seite findet man ein witziges und kluges Bonmot aus ihrer Feder – gelegentlich sind es so viele, dass man etwas Sehnsucht nach einem nüchterneren Stil bekommt. Denn manchmal hat man den Eindruck, dass ihre Freude an der geistreichen Pointe sie eine Ecke zu weit geführt hat, da leidet die ihr wichtige Aussage an dem nächsten Sprachspiel, das sie dann doch noch unterbringen will.

Bisweilen etwas anstrengend ist zudem, wie Florin ihre eigenen journalistischen Leistungen in den Vordergrund rückt – etwa ihre Hartnäckigkeit, mit der sie einfordert, dass nun endlich auch katholische Oberhirten ob der über Jahrzehnte ziemlich üblichen Vertuschung des Missbrauchsskandals in ihren Bistümern zurücktreten sollten. Das klingt passagenweise leider so, als ob fast nur sie sich in den vergangenen zehn Jahren ernsthaft und konsequent mit diesem Skandal journalistisch beschäftigt habe. Sagen wir so: An Selbstbewusstsein gebricht es der sehr klugen, oft brillanten Autorin nicht.

Womit wir wieder am Anfang wären: Prophetinnen und Propheten waren im Alten Testament immer Getriebene, die sich ihrer Mission mit Leib und Seele verschrieben haben, ja verschreiben mussten. Florin ist so eine Getriebene, ihre Mission ist die Reform der katholischen Macht- und Männerkirche gegen alle Widerstände, gegen alle Hoffnung – hin zu mehr Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Partizipation und echter Gleichberechtigung der Frauen in ihr. Die Leidenschaft Florins in diesem Kampf speist sich aus einer großen Liebe zu ihrer Kirche, an der sie so leidet, gerade weil sie sie liebt.

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