Überzeugend

Zur Glaubensambivalenz

Das neue Buch von Michael Klessmann war überfällig; es ist eines der wichtigsten theologischen Bücher der vergangenen Jahre und die Umsetzung seiner überzeugenden und mit Genuss lesbaren Ausführungen in die nicht nur praktisch-theologische Arbeit wäre ein großer Gewinn für die Kommunikation des Evangeliums und vor allem für die Menschen in der Postmoderne, nämlich der Zeit nach dem „Ende der Eindeutigkeit“ (Zygmunt Bauman).

Michael Klessmann, emeritierter Professor für Praktische Theologie in Wuppertal, hat auch in früheren Publikationen schon ausgeführt, dass die nicht mehr vorhandene Eindeutigkeit alle Lebensbereiche betrifft und folglich auch Religion und Glaube. Aus anthropologischer, entwicklungspsychologischer, rezeptionsästhetischer und hermeneutischer Sicht legt er nun dar, wie radikal menschliches Leben und seine Deutung von Zwiespältigkeit geprägt sind.

Auf die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der heutigen Lebenswelt und die in ihr möglichen Lebensdeutungen sei Glaubensambivalenz nicht nur eine unvermeidliche, sondern angemessene und vor allem kreative Prozesse ermöglichende Reaktion. Denn nicht nur der Vollzug des Glaubens changiert zwischen verschiedenen Gefühls- und Handlungsoptionen, sondern auch die Inhalte des Glaubens sind von der Bibel durch die Auslegungsgeschichte hindurch bis zu den kirchlichen Handlungsfeldern der Gegenwart vielfältig und oft auch widersprüchlich: „Eines hat Gott gesprochen, ein Zweifaches habe ich gehört.“ (Psalm 62)

Ambivalenz wird dabei auf der affektiven, der kognitiven und evaluierenden Ebene beschrieben als „gleichzeitiges“ Vorhandensein widersprüchlicher Gefühle, Reaktionsweisen und Einschätzungen. Die scheinbare Gleichzeitigkeit wird präzisiert als Oszillieren, also schnelles Wechseln zwischen den gegensätzlichen Polen. Dieses Pendeln gilt es wertzuschätzen als Form von Flexibilität und Lebendigkeit.

Der Begriff der Ambivalenz hält die Vielfalt menschlicher Lebenserfahrungen offen, verweigert eine Festlegung auf „entweder – oder“ und setzt gerade dadurch sein kreatives Potenzial frei. Im Vergleich mit den jüdischen Auslegungstraditionen der Rabbiner und ihrer Bewahrung der Minderheitenauffassungen im Talmud benennt Klessmann Beispiele und Ursachen für die gesellschaftliche Abwehr von Ambivalenz bis in die heutige Zeit und – leider auch gerade – in die christlichen Konfessionen hinein.

Der sicher auch für viele theologisch interessierte Laien spannendste und fruchtbarste Abschnitt des Buches ist Kapitel acht, „Woran/was glaube ich eigentlich? Ambiguitäten und Ambivalenzen der Glaubensinhalte (fides quae creditur)“: vom menschlichen Glauben an Gott und Gottes prinzipieller Nichterkennbarkeit über die Vielzahl der Gottesbilder, vom zornigen und liebenden Gott, vom historischen Jesus und dem geglaubten Christus, vom Geist, der weht, wo er will, und der Dreieinigkeit Gottes, von den sichtbaren und unsichtbaren Kirchen, vom Menschen als Sünder und zugleich Gerechtfertigtem und vom Eschaton und der Hoffnung auf Erlösung von allen Ambivalenzen.

In diesem systematisch-theologischen Kapitel werden die wesentlichen Zwielichtigkeiten der christlichen Glaubensinhalte durchdekliniert und in ein Verhältnis gesetzt, das die Ambivalenz nicht überwinden will, sondern überzeugend den Boden bereitet für Dialog und Diskurs.

Kapitel neun beschäftigt sich mit der Glaubensambivalenz in der Praxis der Kirche und ist zu kurz geraten. Hier wären mehr Beispiele für Gestaltungsmöglichkeiten und auch einige Passagen aus erkennbar ambivalenzbewussten Predigten wünschenswert gewesen. Aber das scheint genau die tägliche Arbeit zu sein, die Klessmann seinen Leserinnen und Lesern selbst zumuten möchte.

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