Lebendiges Herz

Neues von Gerhard Schöne

Gerhard Schöne lädt wieder zur Fermate. Der herzwache Liedermacher, der es wie kein anderer versteht, die Wurzeln aller Ethik im Alltag zu finden, zu Phrasen verkommene Klugheiten klingend wieder lebendig werden zu lassen und bereits seit seinem Scheinbar-Uralt-aber-Immerjung-Album „Die sieben Gaben“ in den Gral der großen mythischen Welterzähler aufgenommen ist, hat sich mit seiner neuesten CD den Psalmen zugewandt.

Nein, er hat sie nicht nachgebetet. Nein, er hat sie nicht neu übersetzt. Und nein, es ist kein frommes Album. Oder doch? Gemeinsam mit zwei Größen ihrer Zunft – dem Saxofonisten Ralf Benschu, der mit „Lisa“ der Rockband Keimzeit zu einem unsterblichen Klassiker verholfen hat, der sich einreiht in legendäre Sax-Songs wie Gerry Raffertys „Baker Street“ oder Supertramps „Logical Song“, und Jens Goldhardt, dem Gothaer Organisten, hat er auf der nun dritten gemeinsamen CD die luzide Schutzmantelmacht einzelner Psalmverse genutzt, um in 14 Geschichten ihre Wahrhaftigkeit zu spiegeln.

Im stetig wechselnden Gewand – genährt aus der eigenen und der väterlichen Biographie, geschlüpft in Angela Merkel, Edward Snowden und anderen – klopft Schöne wieder an ans Herz. Er zupft am gut geschlossenen Mantel, winkt der verkrusteten Vernunft, lächelt dem selbstverständlichen Besserwissen und dem achselzuckenden Alles-nicht-so-einfach zu mit der Schlichtheit des Liedes und der musikalischen Verführung des Taktes: Doch, so einfach ist es. So klar. So unmittelbar. Besser als jeder Prediger weiß Gerhard Schöne Urvertrauen und Empathie in die Herzen zu singen, weil er selbst mit der Klugheit des Kinderherzen singt: ohne Besserwisserei, ohne akademischen Dünkel, ohne Angst vor der Angst, ohne innere Enge – sich selbst, seiner Sprache und seinem Glauben an das Leben treu und nicht müde geworden über die Jahre. Sicher: mancher Reim geht nur sächsisch im Nuschel-Vertuschel eingeweichter Konsonanten, manches hergenommene Bild ist mehrfach schon bemüht. Und doch blitzt hinter allem und spätestens in der letzten Strophe ein Wesentliches auf, etwas, dass ins Mark geht und vor jenem „lebendig tot“ zu bewahren sucht, von dem er andernorts singt: „Manchmal stirbt man, wenn man / arglos eine Fliege quält. / Manchmal stirbt man, wenn man / grinsend einen Judenwitz erzählt. /Manchmal stirbt man, weil / die Watte einem aus den Ohren quillt. / Manchmal stirbt man daran, /dass man immer seine Pflicht erfüllt.“ Manchmal wünscht man, die vornehme Zurückhaltung der exzellenten Instrumentalisti würde auch mal in einer Ekstase münden, aber dazu ist vielleicht live Platz – dort, wo summen/singen/schreien wohl am allerbesten hingehört.

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