Event und Argument

Klartext
Foto: privat

Nahrhaftes Brot

Sonntag Rogate, 17. Mai

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. (Matthäus 6,13)

Kein anderer Satz des Vaterunsers sorgte in jüngster Zeit für solche Debatten wie die sechste Bitte des Gebets. Am Ende mischte sich sogar der Papst ein: Das sei nicht richtig, Gott führe nicht in Versuchung, sondern
bestenfalls durch sie hindurch. Der Satz, so wie er weltweit gebetet wird, müsse also geändert werden.

Ich bin froh, dass die Dignität den wirklich großen Text der Christenheit vor sicher vielfältigen Veränderungswünschen schützt. Ich sehe schon Kirchenkommissionen aller Couleur vor mir, die dem Auftrag nachkommen wollen, das Vaterunser unserer Zeit und ihrer Gestimmtheit anzupassen. Und an Ansatzpunkten besteht ja auch kein Mangel, angefangen mit der maskulinen Anrede „Vater“. Dabei wäre es unmöglich, selbst wenn man es wollte, zu einem Konsens zu kommen. Und wie kurz wäre die Verfallszeit einer Neuformulierung, wenn wir denn eine fänden.

Ein Glaubensbekenntnis ist eine angemessene Form, das in Worte zu fassen, was möglichst viele gemeinsam sprechen können. Das persönliche Gebet lässt mich dagegen ganz individuell, vor theologischer Korrektheit geschützt, mit Gott in Kommunikation treten. Das Vaterunser ist freilich weder das eine noch das andere. Es gehört zum Nahrhaftesten, das die christliche Glaubenstradition zu bieten hat. Es ist sozusagen ein Kraft spendender Bissen Glaubensbrot, der satt macht, ohne eine raffiniert zubereitete Delikatesse sein zu müssen.

Dass „Versuchung“ Teil meines Alltags ist, erlebe ich von früh bis spät. Die Versuchung von Macht und Gier. Die Versuchung, andere in den Schatten zu stellen, damit mein Licht umso heller strahlt. Die Versuchung der Überfülle an Wahlmöglichkeiten, die mein Staunen und den Dank unnötig machen.

Dass hinter diesen Versuchungen Gott steckt, glauben höchstens theologische Verschwörungstheoretiker, Leute, die selbst in der Corona-Krise ein heimliches himmlisches Versuchungsprogramm ausgemacht haben.

Der Versucher, der Jesus entgegentritt, ist derjenige, der Gott seinen Platz in der Welt streitig machen will. Die Bitte des Vaterunsers, die unmittelbar der sechsten folgt, bewahrt diese davor, fehlgedeutet zu werden. Niemand soll die Macht haben, mir zu schaden und mich auf Wege des Verderbens zu führen. Weil die, die das können oder zumindest versuchen, Gottes Geschöpfe sind wie ich, mag die sechste Bitte in ihrer sprachlichen Konzentration Gott scheinbar in die Verantwortung nehmen. Dennoch will ich in meinem Beten – fröhlich oder manchmal durchaus mit zusammengebissenen Zähnen – bei der herkömmlichen Formulierung bleiben. Vor allem möchte ich an den Text nicht die Hand anlegen. Denn das könnte womöglich eine Spielart der Versuchung sein.

 

Gebildetes Herz

Sonntag Exaudi, 24. Mai

Und es wird keiner den anderen, noch ein Bruder den anderen, lehren und sagen: „Erkenne den Herrn“, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr. (Jeremia 31,34)

In unserer protestantischen Kirche steht die Bildung hoch im Kurs. Seit Philipp Melanchthon (1497–1560), dem Reformator und engen Freund Martin Luthers, gehören Schulen zu den unveränderlichen Kennzeichen unseres Kircheseins. Evangelische Schulen sind heute auch bei Eltern nachgefragt, die sich nicht als kirchlich verstehen. Schulen, in denen Kinder Mündigkeit erlernen und gestärkt werden, sich ihrer je eigenen Würde bewusst zu sein, bieten eben weit mehr als konfessionell geprägte Glaubensinhalte.

Dass das so ist, macht mich als Protestanten stolz. Und es ist umso mehr eine Verpflichtung, weil andere Menschenbilder und ihre Verbreitungsstrategen unterwegs sind. Umso wichtiger ist die Einsicht, dass Lernen ein lebenslanges Projekt ist. Kein Wunder also, dass wir als Kirche mit Bildungsangeboten für Menschen jeden Alters auf dem Markt sind.

Aber wenn Jeremia sein Bild der Zukunft Gottes entwirft, ist für Bildungspläne kein Platz vorgesehen. Denn Menschen werden aufhören, sich gegenseitig zu lehren. So verstanden, wäre die Notwendigkeit, sich und andere zu bilden, also ein Zeichen der „gefallenen“, der vom Wirken des Bösen gezeichneten Welt. Trotzdem Menschen zu unterrichten und zu lehren, hieße dann, sie mit den Grundlagen eines Lebens vertraut zu machen, das so aussieht, wie Gott es gemeint hat. Ich finde wirklich, dass eine „praktische Lebenskunde“ zu den pädagogischen Aufgaben gehören muss, wenn andere Erziehungsinstanzen hier ausfallen. Und dem kommen Schulen, nicht nur die kirchlich getragenen, auch zusehends nach. Aus dem deutschen Wort Bildung höre ich den grundsätzlichen Auftrag heraus, Menschen auf dem Weg zu begleiten, sich von Neuem der ihnen von Anfang an zugesprochenen Gottebenbildlichkeit anzunähern.

In der Vision einer Welt, in der die zentralen Bildungsinhalte nicht mehr in Curricula festgehalten werden, sondern wie Jeremia schreibt, in Herz und Sinn verinnerlicht sind, steht die Gottebenbildlichkeit natürlich nicht mehr in Frage. Dann, aber wirklich erst dann, braucht es keine Schulen und Bildungsangebote mehr. Dann ist es ohnehin Gott selber, der unsere Schulen schließt. Aber bis es soweit ist, sollten wir mit unserem pädagogischen Bemühen nicht nachlassen.

Viele Spielarten

Pfingstsonntag, 31. Mai

Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem anderen: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins. (Apostelgeschichte 2,12–13)

Dieser Widerspruch stößt mir jedes Jahr an Pfingsten von Neuem auf. Da wird von Menschen berichtet, die auffallen, weil sie reden. Genauer gesagt: Weil sie es so tun, dass andere sie verstehen. Kein unentwirrbares Hin und Her. Kein ekstatisches Happening. Stattdessen versteht jeder, was gemeint ist. Aber andere halten genau das für ein untrügliches Zeichen überhöhten Alkoholkonsums. Weil nur Betrunkene die Wahrheit offen aussprechen?

Ich weiß es nicht. Aber vermutlich liegt genau in diesem Widerspruch das Pfingstgeheimnis: Wahrheit, vorgetragen wie im Rausch, und Hörerinnen und Hörer, die plötzlich verstehen und genau deshalb entsetzt reagieren. Denn wer so offen ausspricht, was Sache ist, kann nicht ganz bei Trost sein. Oder er bezieht seinen Trost aus ganz anderer Quellen. Als Kind vermittelte man mir ein anderes Bild von Pfingsten: Feuerflämmchen auf den Köpfen der tanzenden Menschen. Ein Stimmengewirr, in dem die einzelnen Laute nicht mehr zu unterscheiden sind. Ungeordnete, nicht einzufangende Lebendigkeit inmitten einer Umgebung, die Tristesse bestimmt. Eine geistliche Inbesitznahme, die Menschen mit einer Wucht ergreift, der sie nichts entgegenzusetzen haben.

Mit meiner Erfahrung von Kirche hatte das wenig zu tun. Aber das schien niemanden zu irritieren. Doch diese Form des Geistglaubens, diese Art Erfahrung macht Kirchen attraktiv und lässt sie wachsen – weltweit und auch bei uns, bis in unsere Tage.

Ich gebe zu: Ich bin weit davon entfernt, sicher sagen zu können, was das für unsere Art des Kircheseins bedeutet. Hochmut ist nicht angebracht. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch: Schon Paulus waren diese Entwicklungen nicht geheuer. Verstehbarkeit für Außenstehende ist das Kriterium, das er an geistliches Reden anlegt. Und auch Petrus setzt nicht auf die charismatische Karte. Er predigt. Er erklärt. Er deutet die Gegenwart aus dem Schatz der Tradition, indem er zum Beispiel den alttestamentlichen Propheten Joel zitiert.

Der Glaube muss eben nicht nur erlebbar, sondern auch befragbar und hinterfragbar bleiben. Und er hat das Recht, in ganz unterschiedlicher Spielart daherzukommen. Jeder soll in seiner Sprache verstehen, worum es im Reden von Gott eigentlich geht. Wohin die gegenwärtige Konkurrenz von Event und Argument am Ende führt, bleibt einstweilen offen. Ich bin sicher: Wenn mein Herz von diesem Glauben voll ist, geht auch mir der Mund über. Wenn andere mich dann glaubenstrunken erleben – mir soll’s recht sein. Und der Nachahmung sei’s nur empfohlen.

Lebendiger Gott

Trinitatis, 7. Juni

So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne. (4. Mose 6,27)

Lass mir noch einen Segen da, bevor du gehst!“ Dass ein schwerkranker, wirklich säkularer Zeitgenosse mich um diesen Gefallen beten würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war verblüfft. Aber mir ist natürlich klar: Nichts können wir so ungefragt weitergeben, mit nichts anderem bleiben die Kirchen auf den Märkten der Welt so gefragt wie mit dem Segen. Im Segen findet jeder Gottesdienst zu seinem Höhepunkt.

Ich habe das, ehrlich gesagt, nicht immer so gesehen. Ich habe den Segen zwar schon immer als Zusage des zum Leben Notwendigen verstanden, eine Art Schutzschirm, in religiöser Terminologie zur Sprache gebracht. Aber mittlerweile habe ich dazugelernt. Ich habe eine Ahnung davon bekommen, dass Segen viel ist: ein Geheimnis und eine klare Aussage in einem.

Dass im Segen Gottes Name auf Menschen gelegt wird, ist ein Bild, das heute, vor allem aus digitalen Bezügen, von Neuem verständlich wird. Die Logos der großen Player im Social-Media-Bereich finden sich auf Internetseiten wie auf Plakaten. In anderen Zusammenhängen auch die Erkennungszeichen von Landeskirchen, Kirchenkreisen, Ortsgemeinden, Akademien und der Diakonie. Sie alle legen ihre Namen über eine Veranstaltung oder über ein Projekt, um so öffentlich zu machen, dass sie hinter dem stehen, worum es geht – ideell oder durch materielle Unterstützung. Und wenn es schief geht, müssen sie sich der Kritik stellen, gar die Haftung übernehmen oder mit der Beschädigung ihres guten Rufes rechnen.

Wenn Gott seinen Namen auf mich legt, bringt er zum Ausdruck: Er steht bedingungslos hinter mir. Weit mehr noch: Er steht dafür ein, dass mein Leben ein gelingendes und wertvolles ist – und sei’s gegen allen Augenschein. Und – in dieses Gelingen werden auch alle einbezogen, die mit mir verbunden sind.

Nicht der messbare Erfolg ist das Wirkungskriterium des Segens, sondern dass ich mich als gehalten erlebe, selbst da, wo der Kurs meiner Lebensaktien unter Druck gerät.

Die Vielfalt, in der Gottes Segen nach außen wirkt und mich trifft, spiegelt, welche Lebendigkeit Gott – dreifaltig (Trinitatis!) und vielfältig – in sich selber trägt. Wie gut, dass dieser Gott seinen Namen ein ums andere Mal auf mich legt.

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