Die angstumbaute Festung Europa

Die Pandemie ist keine Entschuldigung, uns der Aufnahme von Flüchtlingen zu verweigern
Foto: Landeskirche Sachsens

Mit der Corona-Krise haben existenzielle Sorgen auch die bislang sichersten und reichsten Länder der Welt erreicht. Eine ganz neue Erfahrung. Verunsicherung, Angst, Überforderung allerorten. Dazu das Gebot: Abstand halten ist die neue Form der Liebe!  Und siehe da, die Fernwärme über alle möglichen (digitalen) Kanäle zu Großeltern, Eltern, Kindern, Freunden und Nachbarn herzustellen, das funktioniert. Die Welle der Solidarität mit guten Ideen, Hilfeangeboten und so weiter macht Mut. Auch die Bundesregierung schnürt in kaum zu überbietenden Geschwindigkeiten großartige Hilfspakete – wenn auch wieder mit Leerstellen für die Ärmsten in unserer Gesellschaft. Wir lassen das nicht unkommentiert, aber insgesamt „läuft“ es. Bisher scheint zu gelten: „Wir können Krise!“

Natürlich gibt es auch unsolidarische Menschen, die preiswerte Lebensmittel horten, überlebenswichtige Desinfektionsmittel aus Krankenhäusern stehlen und so weiter – und nur ängstlich an den eigenen Schutz und Selbsterhalt denken. Wir kritisieren sie dafür scharf. Aber tun wir nicht als ganze Gesellschaft genau das auch?

Vergessen wir nicht die schutzlosesten Menschen, die seit Jahren in schlimmsten Verhältnissen vor unseren Toren leben müssen, für die Angst und Unsicherheit das täglich Brot sind? Die jeden Tag mit dem Gefühl leben, in Lebensgefahr zu schweben? Alle unsere Appelle, die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln zu räumen, verhallten bisher ungehört. Nicht einmal für die unbegleiteten Kinder hat es bisher geklappt.

Seit Wochen hören wir: „Wir sind da dran!“ Nächtelang musste diskutiert werden, ob überhaupt. Die private Finanzierung für einen Charterflug von Berlin nach Lesbos und zurück, initiiert von Mission Lifeline, steht seit Wochen. Viele Menschen haben Herz und Geldbeutel aufgemacht und gesagt: „Großartig, macht endlich!“ Doch die nötige Start- und Landeerlaubnis seitens der Regierung blieb aus. Beschämend? Ein viel zu kleines Wort. Hauptsache ich, Hauptsache wir?

Während wir schon unter Ausgangsbeschränkungen und Kontaktminimierung „leiden“, wird die Corona-Krise zur Krise für den internationalen Flüchtlingsschutz. Weltweit warnen Hilfsorganisationen vor einem Massensterben, wenn sich das Virus in Flüchtlingslagern und Internierungseinrichtungen ausbreitet. Gleichzeitig wird es für Geflüchtete immer schwieriger, an sichere Orte zu gelangen. Deutschland etwa hat seine humanitären Programme zur Flüchtlingsaufnahme ausgesetzt.

Die Außengrenzen der EU sind wegen der Ausbreitung des Coronavirus für Nicht-EU-Bürger geschlossen. Die angstumbaute Festung Europa, jetzt ist sie da. Und wir als Kirche und Diakonie mittendrin. Gewiss, wir haben mit der Krise auch alle Hände voll zu tun, müssen Ängste unter den Mitarbeitenden und Gemeinden beruhigen, müssen die soziale Infrastruktur am Laufen halten.

Aber: Wenn wir in einiger Zeit, vielleicht einem Jahr, auf diese Zeit der Pandemie in Deutschland zurückschauen werden, wird es für unseren Rückblick ganz entscheidend sein, ob dieser auch das tatenlose Zuschauen bei einem grauenvollen Sterben vor und innerhalb unserer Tore enthält – neben musizierenden Italienern auf den Balkonen und beeindruckenden Satellitenbildern, die große Industriegebiete frei von Smog zeigen. Machen wir es uns klar: Die Pandemie ist weder Grund noch Entschuldigung, uns der Aufnahme von Flüchtlingen grundsätzlich zu verweigern. Wir können bundesweit mindestens 25 000 Menschen sofort aufnehmen, die Flüchtlingsunterkünfte in den Kommunen stehen leer. 150 Kommunen hatten sich noch vor kurzem dazu bereit erklärt – ob das Angebot jetzt, wo alle mit sich selbst beschäftigt sind, noch trägt? Eine gesundheitliche Überprüfung jedes Einzelnen wäre jedoch möglich – einige leerstehende Hotels und Hostels haben angeboten, Geflüchtete, die in Quarantäne müssten, aufzunehmen. Wege gäbe es genug, allein es fehlt der Wille.

Doch das ist alles kein Thema mehr. Es werden nicht wenige sein, die sich freuen, dass das Thema Migration erst einmal vom Tisch zu sein scheint. „Jeder rette seine eigene Haut!“, das ist die Losung, aber ganz bestimmt nicht die „Botschaft“ dieses Virus an unsere Gesellschaft, die zu lange in eine Richtung ohne Zukunft lief.

Wegschauen, zusperren – diese Unmenschlichkeit widerspricht allem, wofür Christinnen und Christen stehen. Wir sollten nicht länger schweigen. Nicht, weil wir sonst in einem Jahr auf unser Versagen und unsere Schuld schauen müssen, sondern weil für uns alle Tage bis ans Ende der Welt gilt: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!“

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Dietrich Bauer

Dietrich Bauer ist Oberkirchenrat und Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werkdes der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.


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