Über den letzten Trost

Seelsorge und Dogmatik in Zeiten der Krise
St. Petri Dom in Bremen
Foto: epd
Der evangelische St.-Petri-Dom in Bremen ist auch in der Corona-Krise montags bis samstags geöffnet, allerdings nur mittags von 12 bis 14 Uhr.

Günter Thomas gebühre Dank dafür, dass er in der Corona-Krise den Blick für die hermeneutische Kraft der Theologie schärfe, meint zeitzeichen-Onlinekolumnistin Angela Rinn. Es diene der Entschlüsselung gegenwärtiger Fragen, wenn er seine Gedanken, ganz klassisch, dogmatisch durchdekliniere. Rinn reagiert darauf nun aus der Perspektive ihrer Disziplin, der Praktischen Theologie.

Der Bochumer Systematiker Günter Thomas hat auf zeitzeichen.net vom 18. bis 27. März einen Aufschlag riskiert, auf den weitere Fächer der Theologie sowie andere Wissenschaften und die gesellschaftliche Öffentlichkeit reagieren können. Günter Thomas nutzt eine erfreulich verständliche Sprache. Es wäre wünschenswert, wenn diese Sprache stilbildend würde!

Gelehrsamkeit erweist sich meiner Ansicht nach nicht vorrangig durch eine Anhäufung von Fremdwörtern, sondern dadurch, dass es einem Wissenschaftler gelingt, auch komplizierte Gedankengänge verständlich und nachvollziehbar zu formulieren. So kann Theologie zum relevanten Gesprächspartner im öffentlichen Diskurs werden.

Auch aus der Perspektive der Praktischen Theologie – ich möchte hier auf die Seelsorge fokussieren – erscheint die Corona-Krise als Herausforderung.  Die Gemeinschaft als Resilienzfaktor und der Gottesdienst als Kraftquelle sind nur eingeschränkt oder gar nicht nutzbar, Gruppengespräche sind nur per Telefon- oder Videokonferenz möglich, Senioren können nur per Anruf und Einkaufserledigungen begleitet werden und die Seelsorge in Trauerprozessen funktioniert nur per Telefon. Beerdigungen ähneln vielerorts eher einem Verscharren im kleinsten Kreis als einem seelsorglich bedeutsamen Ritual.

Dazu kommt die Frage, wie im Anschluss an die Krise vielfältig traumatisierten und seelisch verwundeten Menschen seelsorglich begegnet werden kann. Die Fragen der Menschen in der Krise haben eine theologische Tiefendimension, und hier zeigt sich das große Defizit von Seelsorge, wenn sie ihre theologische Herkunft vergessen, an den Rand gedrängt oder in Beliebigkeit aufgelöst hat.

Die Anregungen von Günter Thomas sind daher fruchtbar für eine seelsorgliche Konzeption, die theologisch verantwortlich mit den Fragen der Menschen umgehen möchte, die so natürlich nicht gänzlich neu sind, die aber in der (und sicher auch nach der!) Krise verschärft artikuliert werden.

Sehr schön veranschaulicht Thomas, dass Theologie kein Nachbeten feststehender dogmatischer Einsichten ist, sondern ein lebendiges Gespräch mit Bibel und Tradition in der Gegenwart. Entsprechend verstehe ich Seelsorge als ein Geschehen, das die Bibel ins Gespräch bringt. Allerdings nicht in Form einer „Garnitur“ für ein sonst therapeutisch-problemfokussiertes Gespräch, sondern als Grundton der seelsorglichen Begegnung. Wie wunderbar wäre es, wenn Vikar*innen und Pfarrer*innen systematisches Wissen und kundiges theologisches Argumentieren, so wie Günter Thomas es präsentiert, in ihren seelsorglichen Begegnungen präsent hätten, um es in ihren Seelsorgegesprächen ganz praktisch-theologisch auszuloten und auf den Prüfstand zu stellen.

Recht verstanden sind dogmatische Aussagen kein Glasperlenspiel, sondern helfen als theologische Grundstruktur, das Handeln in der Praxis zu fundieren. Hier mag nun umgekehrt die Seelsorge der Dogmatik einen Dienst erweisen, da sie wie ein Lackmustest funktionieren kann und die Perspektive real gelebten Lebens einspielt.

So ist aus seelsorglicher Perspektive zu fragen, ob Günter Thomas mit seinen Überlegungen zu der von ihm zitierten Liedstrophe „der alles so herrlich regieret“ nicht übersieht, dass dieses Lied seelsorgliche Qualität hat und gerade nicht in banalisierender Weise mit dem Schrecken umgeht. Joachim Neander, dem vielfältig angefeindeten Theologen, der zwei Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs in einem verwüsteten Deutschland auf die Welt kam, kann man wirklich nicht unterstellen, dass ihm die Schattenseiten des Daseins unbekannt waren - einmal ganz abgesehen davon, dass er mit kaum dreißig Jahren wahrscheinlich an der Pest (!) gestorben ist.

Wenn dieser Mann im Jahr seines Todes den „mächtigen König der Ehren“ lobt, „der alles so herrlich regieret“, dann ist das tatsächlich etwas anderes, als wenn „die Kirche“ heute „etwas sagt“. Mit den Strophen von „Lobe den Herren“ singt ein Mensch, der Krankheit und Leid kennt und der weiß, was für ein Gesicht der Tod haben kann. Dieses Lied singt er jedoch nicht nur für sich, er lädt zum Mitsingen ein.

Vielleicht ist das gar nicht so weit entfernt von der „unerbittlichen, aber auch abgründig geduldigen Zielstrebigkeit Gottes“, die Günter Thomas ins Spiel bringt: Nämlich das trotzige Gebet eines Menschen, der gegen allen Augenschein unter die sicheren Fittiche Gottes flüchten will und sich in der Tradition aller Glaubenden weiß, gemeinsam mit Abrahams Samen, in einer Generationenfolge der Gottlobenden. Manchmal gegen allen Augenschein.

In den Liedstrophen spüre ich eine seelsorgliche und zugleich theologische Qualität, die widerstehen kann: Selbst den Bildern aus Italien von Militär-Lastern, in der die vielen Särge transportiert werden, die die Krematorien von Norditalien nicht fassen können. „Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht“ – auch nicht in Corona-Zeiten. Joachim Neander klingt nicht „verkopft“, sondern vermittelt existentielle Erfahrung, die zugleich aus biblisch-theologischer Einsicht und eigenem Glauben schöpft. Wieder aus der Perspektive der Seelsorge gesprochen: Es gibt Erfahrungen unserer Vorfahren im Glauben, von denen wir in Krisenzeiten lernen können. Joachim Neander beispielsweise vermittelt seelsorgliche Kraft.

Ebenso lehrt uns der Spaziergänger aus dem „Gebirg“, dieser Klamm östlich von Düsseldorf, die dann später seinen Namen trug, dass Musik seelsorgliche Qualität haben kann. Wenn dazu ein Text kommt, der theologisch und existentiell tief ist, dann potenziert das die seelsorgliche Kraft. Die Psychotherapeutin Luise Reddemann hat das für Johann Sebastian Bach und seine Relevanz in der Traumatherapie schlüssig nachgewiesen. Wenn Menschen heute von Balkonen singen, in Italien, oder in Deutschland „Der Mond ist aufgegangen“, dann ist das mehr als eine folkloristische Aktion, es ist gelebte Seelsorge, die die Schwächsten in der Gesellschaft nicht vergisst: „… und unsern kranken Nachbarn auch.“

Theologische Tiefenschärfe lässt schalen Trost genauso zerbröseln wie emphatische Allmachtsphantasien. Zurück bleibt, da bin ich dann wieder ganz bei Joachim Neander, bei Johann Sebastian Bach, Matthias Claudius oder dem Apostel Paulus, das Vertrauen in einen Gott, der noch im Schrecken bei seinen Menschen bleibt – auch wenn er wie ein deus absconditus (verborgener Gott) erscheinen mag. Der Tod ist tatsächlich der Sünde Sold, aber eben nur deshalb, weil die Sünde nichts anderes ist als die Trennung von Gott. Doch nichts kann uns von der Liebe Gottes trennen, die in Jesus Christus ist!

Das ist die Antwort auf die die erste Frage des Heidelberger Katechismus: Was ist dein einziger Trost im Leben wie im Sterben? Übrigens: Das kann eine Bundeskanzlerin nicht fragen. Muss sie auch nicht. Danach leben darf sie allerdings!

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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