Corona-Panorama III

Über das kirchliche Handeln im Stresstest
St.Petri-Dom in Bremen lädt zu stillen Gebetsstunden während der Corona-Krise
Foto: epd
St.Petri in Bremen zu Corona-Zeiten.

Kampf ums Abendmahl und die theologische Deutung der Corona-Krise – das sind die Themen denen sich Stephan Schaede im dritten und letzten Teil seines Logbuchs zur Lage widmet.

Kirche und Theologie sind im Blick auf die in den beiden vorherigen Beiträgen aufgerufenen Orientierungsmarken gefordert, Orientierung zu geben. Sie sind aber auch in ureigenen das kirchliche Leben und theologische Kernfragen betreffenden Aspekten gefragt. Dem gelten weitere drei Orientierungsmarken.

9. Kampf ums Abendmahl

Die Ausnahmesituation der Coronakrise führt dazu, dass übliche Ansprüche an die Koordination theologischer Urteilsbildung auf EKD-Ebene oder innerhalb einer Landeskirche souverän gesenkt wurden. Es ist jetzt offensichtlich nicht die Zeit und es gibt auch aus Zeit- und Kommunikationsgründen gar nicht die Gelegenheit innerhalb konfessionellen Bünden (UEK und VELKD) einheitlich vorzugehen.

Gestaltungsimpetus und Gestaltungsdruck erhält in Fragen auch elementarer Lehrauffassungen eine eigenartige Wucht. Das hat zu überraschenden Vorstößen im Umgang basaler theologischer Lehrfragen geführt. Wer hätte gedacht, dass Landeskirchen in Analogie zur Nottaufe die Einsetzung des Abendmahls durch nicht von der Kirche ordnungsgemäß zur Abendmahlsausteilung berufenen Christenmenschen befürworten!

Erwogen wird sogar, dass ein Mensch sich selbst das Abendmahl austeilen könne. Ob ein solches sakramentales Münchhausenprinzip über die Krise hinaus Bestand haben wird, sei dahin gestellt. Man stelle sich vor: Ein Christenmensch vollzieht mit sich selbst an Gründonnerstag oder Karfreitag das Abendmahl. Das ist eine sehr besondere liturgiepolitische Reaktion auf eine geistliche Einsamkeitserfahrung dieser Tage. Es wäre ja auch möglich, die sakramentale Luft in Sachen Abendmahl für einige Wochen mal anzuhalten, solange es nicht wie bei einer Nottaufe um Leben und Tod geht. Die Freiheit zu solchen die evangelische Dogmatik strapazierenden Schwungübungen gab die Deutung dieser Krise als eines seit 75 ja 100 Jahren einmaligen Notstandes.

Diese Abendmahlsfrage ist in den Reihen der Gliedkirchen und der EKD selbst umstritten. Sie geriet durch ein mit dem Vorsitzenden der Kammer für Theologie der EKD abgestimmten Votum in die Kritik. Der Vizepräsident der EKD, Thies Gundlach, plädierte eher für schmerzliches, aber zu ertragendes Abendmahlfasten. Spontane Konfliktdynamiken dieser Rasanz in Lehrfragen führen der EKD und den konfessionellen Bünden vor Augen: An Stelle von Koordination tritt in dieser Ausnahmesituation die Zusammenstellung unterschiedlicher Aktivitäten und theologischer Experimente der jeweiligen Landeskirchen.

Allerdings sollte die damit verbundene Drosselung eines auch in ökumenischer Perspektive koordinierenden kirchlichen und theologischen Handelns eine Ausnahmesituation bleiben. Nicht jetzt, später, nach der Krise, ist die Auseinandersetzung darüber zu führen, welche Abweichungen von ursprünglich eingespielten Regeln zur Entstehung von geistlich fruchtbarem Neuen führt, welche ein nachvollziehbares geistliches Versehen waren oder welche als Überreaktion auf Notstandsnervosität ad acta gelegt werden sollten. Die Krise sollte auch hier nicht ungefragt zu „neuen Normalitäten“ führen, die hinterher als unveränderbar ausgelobt werden.Zugleich sind die damit verbundenen Chancen der Erneuerung zu ergreifen. Und sie liegen in erheblich mehr als einem digitalen Sprung und Lernschub der Kirchen, den vorauszusagen eines der wenigen sicheren Prognosen ist. Sie haben auch damit zu tun, dass die Kirchen gut daran tun, sich gegen eine dogmatische Überregulierung der Coronakrise entschieden zur Wehr zu setzen. Das führt zu einer zehnten Orientierungsmarke.

10. Krisentheologie hilft nicht!

Im Blick auf ein spezifisch theologisches Engagement muss fraglich bleiben, ob die Corona-Krise „alle Register der Theologie“ zieht und „die Kraft“ hat „vertraute theologische Formen zu zerbröseln und Worthülsen öffentlich … zu entlarven“, wie Günter Thomas nicht ohne Krisenpathos urteilt. Wie passt dieses Urteil zu dem von ihm skizzierten Aufriss einer Art Corona-Dogmatik, die die mit dieser Krise verbundene Ausnahmesituation zum Gradmesser und Orientierungspunkt theologischer Urteilsbildung durch alle theologischen Topoi hindurch gestaltet? Wie passt diese Skizze wiederum zu seiner Versicherung und Aufforderung, „aus dieser globalen Krise“ nur ja keinen „theologischen Honig zu saugen oder kulturelle Geländegewinne anzustreben“?

„Corona-Dogmatik“ birgt die Gefahr einer Katastrophentheologie. Brauchen wir die? Um einzusehen, dass das Leben ambivalent ist, sich unter Umständen Leben gegen das Leben stellt, brauchen Pfarrerinnen und Pfarrer, die Günter Thomas im Blick hat, (warum eigentlich angesichts einer auf viele Gabenschultern gelegte Kommunikationslast nur sie?) jedenfalls keine Corona-Krise. Wer mit halbwegs offenen Augen den Alltag dieser Welt in seiner Gemeinde wahrnimmt, weiß das nur zu gut.

Viel eher leuchtet ein, in einer solchen Situation sich kirchlich und theologisch wechselseitig zu ermutigen, den eigenen Bestimmungen etwas zuzutrauen und gegen Defätismus, Resignation oder Zynismus, auch gegen einen mit der zunehmenden Länge der Krise verstärkt einsetzenden Eigennutz, der sich nicht länger auf das Horten von Klorollen, Hefeklötzchen oder Mehltüten beschränken wird, solche starken Lebensführungsmarken wie Glaube, Liebe und Hoffnung in Stellung zu bringen.

Was aber schwerlich, wie vom Nürnberger Theologen Ralf Frisch in der aktuellen Aprilausgabe von zeitzeichen angeregt, Aufgabe von Kirchen in Zeiten der Krise sein kann, ist, sich zur geistlichen Großmeisterin von innerweltlichen Ausweglosigkeiten im Angesicht eines diese Welt überwindenden erhofften Reiches Gottes zu stilisieren. Es gilt dieser Tage nun einmal vorrangig an- und zuzupacken, Zuversicht zu schüren. Die Konzentration auf ein solches Engagement hat mit gottvergessenem Ethizismus nichts zu tun. Das hat vielmehr damit zu tun, bei wachem geistlichem Verstand das Gebot der Stunde zu erkennen.

Diese Welt ist, das ist mit Händen zu greifen, noch nicht erlöst. Aber sie ist mit all ihren Abgründen immerhin der Ort eines versöhnten Zusammenlebens mit Gott. Eine Kirche, die sich für ein solches Zusammenleben engagiert, macht sich damit nicht zur Fürsprecherin einer „ethischen Anthropotheologie des Anthropozän“, die angeblich die mit dem Coronavirus über die Welt einbrechende Kontingenz „hartnäckig ignoriert“.

Welche „Protagonisten der Volkskirche“, denen vorzuwerfen sei, lediglich „Experten der Diesseitsgestaltung“ zu sein, hat Ralf Frisch vor Augen, wenn er ihrer Theologie die „Hybris“ unterstellt, „das Dasein kraft menschlicher Fähigkeiten zum Guten wenden zu können“? Das will so gar nicht zu den allerorts in den landeskirchlichen Verlautbarungen notierten Aufforderungen zum Gebet und zur Fürbitte, zur Härte der mit der Krise verbundenen Demutsübungen, der Aufforderung zur Besonnenheit passen.

Frisch ist sich nicht sicher, ob die kirchenleitende Theologie „wirklich auf das Unverfügbare vorbereitet“ sei. Damit zeichnet er bei all seiner Negativität ein erstaunlich einheitliches Bild kirchenleitender Theologie. Kirchenleitende Theologien sind bunt und in unterschiedlichsten Intensitäten auf das unterschiedlichste mehr oder weniger energisch vorbereitet.

Ralf Frisch ist vielmehr die Gegenfrage zu stellen: Wie überlegen ist in seiner Substanz ein theologischer Beitrag, der nicht klar und deutlich die Unverfügbarkeit einer viralen Attacke von der Unverfügbarkeit Gottes zu unterscheiden versteht und von einem „existenzerschütternden Unverfügbaren, Tragischen und Heiligen“ spricht?

Auf die Kunst der Unterscheidung jedoch ist es der lutherischen Theologie, auf die Frisch sich beruft, immer maßgeblich angekommen. Der Behauptung einer „Sancta Corona“, die sich in ihrer Unverfügbarkeit als bedeutungsschwangere Chiffre dem göttlichen Unverfügbaren anschmiegt und uns auf den Pfad des das „Schicksal der Welt“ allein wendenden Gottes führen soll, ist entschieden zu widersprechen. Die evangelische Theologie braucht keinen Virus, um relevant zu werden. Wenn nur ein Virus sie relevanzträchtig macht, kann sie abdanken.

Und dann gab und gibt in unserer Kirche in diesen Tagen Stimmen, die nicht sehen wollen, wie schwer es den Landeskirchen gefallen ist, in einem Akt harter Selbstbeschränkung die Gottesdienstarbeit gerade auch während der höchsten Fest- und Feiertage der Passions- und Osterzeit am Ort der Kirchenräume für einige Wochen einzustellen. Es geschah dies in der Verpflichtung zur Solidarität mit den Gefährdeten, die zu der treuesten Kirchgangklientel der Kirchen zählen. Und es war und ist auch Ausdruck, ja viel weniger, einer Staats- als Gesellschaftsraison, an dieser Entscheidung beharrlich festzuhalten.

Es gab und gibt Kräfte, prominent durch das ehemalige EKD-Ratsmitglied Peter Hahne vertreten die gegen diese Schließung der Kirchenräume protestieren –Gerade Religionsfreiheit befreit dazu, aus sozialer Verantwortung gegenüber gesellschaftlichen Bedrohungen für eine überschaubare Zeit und ja eben nicht für immer auf die üblichen Formen der Religionspraxis zu verzichten. Theologisch geht eine dem auferstandenen Gekreuzigten verpflichtete Kirche wegen Kirchenraumverzicht auf Zeit nicht in die Knie. Denn die Kraft seiner Auferweckung stellt weder ein volles Grab noch eine leere österliche Kirche in Frage. Christus wandert zwar auch in Kirchenräumen ein und aus, ist aber vor allem überall da unterwegs und wird nicht weghören, wo immer jemand nach ihm ruft.

Es sollte zu denken geben, in welch eigenwilliger gewiss ganz ungewollter Allianz sich die Empörungen gegen Kirchenschließungen mit der türkischen Religionsbehörde wiederfinden, die sich weigerte die Freitagsgebete abzusetzen, mit der buddhistisch-nationalistischen Regierung Sri Lankas, die eine Gebetswoche anordnete, statt ein Tempelverbot auszusprechen, mit orthodoxen Kirchentümern in Griechenland, ganz zu schweigen von schiitischen Fundamentalisten im Iran (Vergleiche Andreas Jacobs, Die Virulenz von Religion und Politik, Kurzum Nr. 68/ März 2020, Konrad Adenauer Stiftung, Berlin 2020). Auch die fatalen Folgen eines freikirchlichen Gottesdiensthappenings bei prekärer Infektionslage in Oberitalien gingen durch die Medien. Religiöse Veranstaltungen wurden bittererweise zu Kulminationspunkten virologischer Verbreitungsszenarien!

Die dringenden Empfehlungen der Kirchenleitungen zur Kirchenschließung waren triftig. Und sie waren deutlich mehr als ein „Lernprozess“ der Kirchen, „dass ein säkulares Staatssystem andere Priorisierungen erlangen darf“, wie der katholische Theologe Magnus Striet meinte . Die Kirchenschließung ist ein Solidarbeitrag der Kirchen zum Schutz von Leben und Gesundheit. Und die Kirchenvorstände haben denn auch bundesweit diese Empfehlung und Entscheidung mitgetragen. Ansonsten: Hans Michael Heinig hat dazu in zeitzeichen an diesem Montag alles gesagt.

Ob angesichts dieser beachtlichen Konsequenz die spontan von Landesregierungen in der Karwoche, etwa in Niedersachsen, eröffneten Möglichkeiten, Kirchen zum Gebet in streng reglementierter Weise in den Osterfesttagen öffnen zu dürfen, der religionspolitiischen Lage einen Gefallen getan haben, sei dahingestellt. Sie muten, abgesehen von den schwierigen organisationspolitischen Friktionen innerhalb einer großen Landeskirche, die sie auslösen, in bester Absicht ausgesprochen, ehrenamtlichen und beruflichen Diensten der Kirche zu, geradezu hygienepolizeilich in den Kirchenräumen auf Abstand und Distanz zu achten. Hoffentlich geht das gut!

11. Corona und Gott

Was hat die Corona-Krise mit Gott zu tun? Theologisch dürftig wirkt, der interessierten Öffentlichkeit den Klassiker „Die Pest“ von Albert Camus als theologische Grundlektüre zu empfehlen. Der religiös interessierte Literat Camus hatte nicht die Absicht und hat sie auch nicht eingelöst, der Theologie ihre Arbeit abzunehmen. Es wird auch nicht überzeugen, sich im Bonhoeffergedenkjahr ständig auf Dietrich Bonhoeffer zu beziehen, der in staatspolitisch grausamer Zeit empfahl, das Leben als ein Leben in einer Welt vor Gott ohne Gott zu deuten.

Ein gottfreier innerweltlicher Säkularpurismus klappert, wenn er von Theologinnen und Theologen vertreten wird. So geriet der katholische Freiburger Systematiker Magnus Striet systematisch ins Schlingern, als er in einem Interview zunächst festhielt: Die Entstehung und Verbreitung des Coronavirus sei ein Prozess, der in der Evolution stattfinde und nichts mit einem Wirken Gottes zu tun habe, um im nächsten Gesprächsgang dann doch Ernst-Jandl als Hoftheologen auszuloben, der von Gott als „Schöpfer des Himmels und der Verderbnis“ gesprochen habe.

Es wird bei alledem die Öffentlichkeit und die Kirchenmitglieder keineswegs langweilen, die Corona-Pandemie im Horizont des Theodizeeproblems durchzubuchstabieren. Wie ist der naturale Zynismus eines Virus zu verstehen, der durchs Land zieht, der durch menschliches Verhalten mit geformt ist, aber eben in dieser Welt als Geschöpf begriffen werden muss?

Wollen wir kirchlich die Unzuständigkeit Gottes verkünden, wenn wir mit guten Gründen die Coronakrise nicht fundamentalistisch-evangelikal als eine Art Exerzierplatz der Charakterbildung ausloben möchten? Ist die Entstehung von Corona und ihre globale Folge die notwendige Folge des verwegenen Gottesgeschenkes menschlicher Freiheit? Ist Gott eine Art fürsorgende Vater oder Mutter, aber in dieser Fürsorge recht zynisch veranlagt, weil Gott die Ergebung in das womöglich tödliche Erkrankungsschicksal fordert und honoriert? Oder ist Gott ein sadistisches Monster?

Es gilt der Fixierung auf die Panik und das Übel entgegenzutreten. Wenn das Drama überstark gezeichnet wird, wird es schwer einen Grund zu entdecken, warum es Gott geben sollte. Die Macht des Faktischen wird dann derart mächtig, dass alles was geschieht, so verstanden wird, als müsse es so kommen (Vergleiche Ingolf U. Dalferth, Malum. Theologische Hermeneutik des Bösen, Tübingen 2008). Nur weil etwas geschieht, ist etwas aber nicht legitim. Das ist schon im innerweltlichen Recht nicht der Fall, erst Recht nicht vor Gott. Karfreitag und Ostern mögen die Gelegenheit geben vor Augen zu führen, wie Gott am Ort des Übels Gutes zur Geltung bringt – Gutes, das ein vom Übel entstelltes Leben freier, gerechter, ja schöner macht.

Hier lesen Sie alle drei Teile des Corona-Panoramas von Stephan Schaede auf einen Blick.

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Stephan Schaede

Stephan Schaede, Jahrgang 1963,  promovierte in Systematischer Theologe. Er ist seit 2010 Direktor der Evangelischen Akademie in Loccum. Zuvor arbeitete er an der FEST in Heidelberg und war Pfarrer in Niedersachsen.


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