Experiment mit offenem Ausgang

Kirche in der Koronakrise

Dass die Kirchen nun auch an Karfreitag und Ostern keine Gottesdienste feiern können, trifft sie ins Herz. Es fehlt die direkte Begegnung, die Atmosphäre eines Kirchenraums, die Feier des Abendmahls und die reale Gemeinschaft mit anderen – und dies an Ostern, dem Tag der Auferstehung und Hoffnung. Für ältere Menschen, die kein Internet haben, wiegt der Ausfall besonders schwer. Traditionen, für die die Kirche bislang immer stand, dürfen nicht mehr praktiziert werden und verlieren an Plausibilität. Das Rituelle, das, was sich zuverlässig wiederholt und Gültigkeit hat, wird außer Kraft gesetzt.

Die Folgen des kirchlichen Shutdowns sollten insofern nicht schöngeredet und verharmlost werden. Wenn viele jetzt begeistert von der großen Chance der digitalisierten Kirche sprechen, dient das vielleicht der kirchlichen Selbstberuhigung, es ist aber gewiss nicht realistisch. Die mediale Kirche kann eine Gemeinschaft mit physisch kopräsenten Interaktionspartnern nicht ersetzen, die digitale Seelsorge auch nicht eine Seelsorge, bei der man der anderen Person in die Augen schauen, ihre Hand halten oder eine Segensritual durchführen kann. Überdies wirkt jede Suggestion, Krisengewinnler zu sein, in der gegenwärtigen Situation zynisch.

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer sowie die Gemeinden leiden unter ihren geschlossenen Kirchen. Zugleich versuchen sie kreativ neue Wege zu gehen. In der Seelsorge werden viele Ideen ausgetauscht und praktiziert, die die Begleitung von alten Menschen, von Sterbenden und Trauernden unter den gegenwärtigen Bedingungen zu ermöglichen versuchen. Die Telefonseelsorge ist in diesen Tagen von besonders hoher Bedeutung, weil das Telefon ein Medium ist, das auch älteren Menschen vertraut und zugänglich ist.

In vielen Gemeinden ist darüber hinaus ein Zusammenrücken der Generationen zu erkennen. So sorgen viele junge Menschen für ältere Menschen, kaufen für sie ein und sind für sie ansprechbar, wenn Hilfe benötigt wird. Eine Gemeindepfarrerin erzählt, dass sie für jeden Sonntag einen Trostbrief schreibt, den sie persönlich verteilt. Nicht zuletzt versucht Kirche ihre Präsenz im Internet auszubauen. Manches mutet dabei befremdlich an, vieles ist aber auch gut gelungen. Es wird dadurch keine neue digitale Kirche entstehen, aber es ist eine wichtige Form der religiösen Kommunikation, die neue Beteiligungsformen für Menschen, gerade auch für Kirchendistanzierte, eröffnet.

Das lindert den Schmerz über den Verlust der Nähe in einer physisch kopräsenten Gemeinschaft etwas. Doch ist momentan nicht absehbar, was mittel- und langfristig aus der Krise für die Kirche resultiert. Inwieweit werden sich bestimmte Verhaltensmuster einprägen, die die Nicht-Selbstverständlichkeit von Gottesdiensten und Ritualen unterstreichen und solche Formate fragwürdig erscheinen lassen? Welche Nachhaltigkeit werden umgekehrt mediale religiöse Kommunikationsformen haben? Ein Experiment mit offenem Ausgang.

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