Gott ist zielstrebig (IV)

Günter Thomas denkt angesichts der Coronaepidemie über Theologie nach
Spendenzaun an der Zionskirche in Berlin-Mitte
Foto: epd
Spendenzaun an der Zionskirche in Berlin-Mitte:Weil wegen der Corona-Pandemie viele soziale Einrichtungen für Bedürftige geschlossen haben, entstehen derzeit sogenannte Spenden- oder Gabenzäune. Die Menschen werden dazu aufgerufen, an diese in Plastiktüten verpackte Lebensmittel, Hygieneartikel oder Kleiderspenden zu hängen.

Theologie in Coronazeiten! Günter Thomas, Professor für Systematische Theologie an der Ruhruniversität Bochum, geht mit Fragen und Antwortversuchen ins Risiko. In diesem Teil über den Heiligen Geist und die Christliche Hoffnung.

Am Montag ging es um Christologie und Kirche. Heute geht kommen wir zum Heiligen Geist und fragen: Wie könnte christliche Hoffnung in diesen Zeiten aussehen?

Mit der Rede vom Geist Gottes spricht Theologie und Kirche von Gegenwarten und einer besonderen Nähe Gottes. Die Coronakrise deckt an dieser Stelle ein verführerisches, aber letztlich irreführendes Missverständnis auf. Gottes Geist belebt und bewahrt. Darum sind Menschen, wie die zweite Schöpfungserzählung festhält, nicht nur Staub, sondern Staub, der atmet. Gottes Leben weckender Geist ist aber nicht einfach der Geist des Lebens.

„Dem Leben trauen“, lange Jahre Motto des theologischen Verlagsprogramms des Gütersloher Verlagshauses, zeigt einen gravierenden theologischen Irrtum beziehungsweise Fehler an. Gottes Geist ist mit-leidend und mit-seufzend (Römer 8) in dieser Schöpfung gegenwärtig, ohne aber die lebenszerstörerischen Kräfte zu bestätigen oder mit ihnen verfilzt zu sein. Wer den Geist Gottes und die Kräfte des Lebens gleichsetzt, endet zwangsläufig in einer Anbetung des starken, durchsetzungsreichen Lebens.

Der Geist Gottes ruft den gekreuzigten und begrabenen Christus aus dem Tod – und bleibt dennoch ein Geist, der sich nicht einfach im starken Leben manifestiert. Es bleibt der Geist der Barmherzigkeit und des Trostes. Es ist nicht der Geist des vergehenden und sich stets erneuernden Lebens. Darum sind die blühende Magnolie dieser Tage und der von Jeremia erwähnte Mandelzweig (Jeremia 1,11f) nur Zeichen und nicht die Sache selbst.

Gottes mitleidende Gegenwart im Geist ist immer eine verwandelnde, eine widerstehende Gegenwart. In der Rede vom Geist geht es darum immer um die heilende, tröstende, erneuernde und letztlich verwandelnde intime Gegenwart Gottes inmitten von Krankheit, Elend und Leiden. Die Gegenwart des Geistes bringt nicht nur Freude und Erfüllung. Der Geist intensiviert die Wahrnehmung des Seufzens der Schöpfung in Krankheit und Not und führt die Christen zu einem eigenen Seufzen. Zugleich ist der Geist ein Geist des Trostes für all diejenigen, die in der Arbeit an der durch Krankheit seufzenden Schöpfung erschöpft sind – in ihrer Motivation wie auch spirituell. Blickt man zurück auf die Verbindung von Messias, dem Geist und der Praxis der Barmherzigkeit, so ist der Christusgeist auch in der Coronakrise einer, der, wie oben schon erwähnt, „das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht“. (Jes 42,3).

In der Coronakrise können die Gemeinden eine Entwicklungs- und Entdeckergemeinschaft des Geistes werden. Begabungen, Bereitschaften zum Engagement und zu risikobereiter Liebe können entdeckt werden. Radikal risikobereite Liebe wird immer etwas töricht erscheinen. Aber es können Zeiten kommen, in denen genau dies das Leben in Christus auszeichnet. Dann sprengen Christen das Korsett der Goldenen Regel und tun Dinge, die andere Menschen von ihnen gerade nicht erwarten.

Auf der anderen Seite nimmt sich der Geist Jesu Christi in solchen Zeiten der Krise auch die Freiheit, die Grenzen der Kirche großräumig zu überschreiten. Wenn in der Zuwendung zu verletzlichem und gefährdetem Leben Kräfte der Solidarität und Unterstützung wirksam sind und wenn leidenschaftliche und professionell kühle Hilfe gegenwärtig sind, dann wirkt der bewahrende und fürsorgende Geist Gottes. Kirche und Theologie sollten sich hüten, all diese Menschen zu anonymen Christen oder verborgen religiösen Subjekten zu machen. Stattdessen sollte die Kirche ihnen einfach danken. Und sie kann diesen Menschen auch sagen, dass für Christen in der fürsorglichen Zuwendung zu zerbrechlichem Leben eben der Geist Gottes wirkt. Eine nicht geistlose, sondern geistreiche Kirche wird Formen der Wertschätzung und Würdigung für die Menschen finden, die in dem Sturm dieser Epidemie im Zentrum tätig sind.

Christliche Hoffnung

Die christliche Hoffnung angesichts der Coronakrise zu durchdenken ist eine ausgesprochen heikle Angelegenheit. Zu naheliegend ist der Vorwurf der Vertröstung oder des spirituellen Zynismus. Verrät nicht die Rede von der Hoffnung die radikale Diesseitigkeit, die von der Kirche gerade jetzt gefordert ist?

Ich denke, dass Theologie und Kirche just in dieser in ihren Folgen noch lange nicht absehbaren Krise die Nerven bewahren darf und muss. Vor den berechtigten religionskritischen Verdachtsmomenten sollten sie nicht kapitulieren. Den religionskritischen Geistern ist mutig und selbstbewusst ins Auge zu schauen.

Verschweigt die Kirche die christliche Hoffnung, so verliert sie einen Raum der Rebellion. Die sogenannte Eschatologie artikuliert das christliche Bekenntnis zu Gottes ultimativer und unüberbietbarer Zuwendung zu seiner Schöpfung – und damit zur letzten Überwindung von Schmerz, Leid und Tod durch Krankheit. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist ja zuerst Gottes Protest gegen die Mächte der Lebenszerstörung, die zu den manifesten Risiken der Schöpfung gehören. Wenn Gott „alle Tränen abwischen“ wird, dann wird er damit die abgründige Räuberei von Lebensmöglichkeiten durch die Sünder anerkennen. Aber doch zugleich auch diejenigen Räubereien, die durch lebenszerstörerische Prozesse jenseits menschlicher Einflussnahme, das heißt im Rahmen von Krankheit, das Leben entstellen. Die sogenannte Eschatologie ist daher der Imaginationsraum in dem Christen festhalten: Es ist Gott selbst, der am Ende die letzte Weltverantwortung übernimmt. Gott selbst lässt die stummen und die lauten Klageschreie nicht unbeantwortet. Dies fordern Christen aufgrund ihrer Hoffnung stellvertretend für andere von Gott.

Wenn die Macht der Menschen endet, Leben zu halten und zu bewahren, dann endet noch nicht Gottes Macht. Auch in Sachen Hoffnung hofft die Kirche „rückwärts“, denn die christliche Hoffnung hofft gegen den Zeitstrahl: Es ist eine trotzige Hoffnung darauf, dass Gott sich auch angesichts der Coronakrise den ungezählten und für uns oft namenlos bleibenden Opfern nochmals schöpferisch zuwendet. Der Grund für diese trotzige Hoffnung liegt in dem Versprechen, das sich in der Auferweckung des Gekreuzigten ereignet hat.

Die Auferstehung Jesu Christi dokumentiert Gottes Willen, sich das letzte Wort nicht nehmen zu lassen. Vor diesem Hintergrund ist der Ort der Hoffnung ein Ort der Lebensgabe Gottes. Er ist nicht Gottes zerstörende, sondern zurechtbringende Antwort auf diese Leben. Aber ich bin mir auch sicher, dass dies ein Ort ist, an dem Gott befragt wird und sich rechtfertigen muss. Warum dieses Leid? War der Preis der evolutionären Freiheit nicht zu hoch? Warum die abgründige Geduld? Wie oft hätte ein mächtig einschreitender Kriegergott mehr unseren Erwartungen entsprochen? Darum leiden Christen speziell als Hoffende auch an Gottes Geduld.

Am Freitag, also übermorgen, veröffentlichen wir den Schlussteil, des Textes der nach einer angemessenen protestantischen Ethik fragt.

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