Freiraum im Gefängnis

Katharina Scholl promoviert über Andachtsräume hinter Gittern
Katharina Scholl
Foto: Christian Lademann

Die Pfarrerin Katharina Scholl möchte in ihrer Dissertation über Andachtsräume in Gefängnissen unter anderem zeigen, was für eine Chance diese Räume für einen humanen Strafvollzug sein können.

Eine theologische Dissertation war mir bestimmt nicht in die Wiege gelegt. Mein Vater war Koch, meine Mutter Altenpflegerin, und beide hatten kaum etwas mit Kirche und Religion zu tun. Mein Interesse für theologische Fragen wurde in der Schule geweckt und der Kontakt zur Kirche kam durchs Singen in der Kantorei. Ich muss lachen, wenn ich an diese Jahre zurückdenke, denn in meiner Familie hätte ich niemanden schocken können durch Punkrock hören und Haare grün färben – nein, das hat damals mit meinem Interesse für Religion und Kirchenchor besser funktioniert.

Mein eigentliches Berufsziel nach dem Abitur und mein Herzenswunsch war es aber zunächst, Schauspielerin zu werden. Beim Warten auf die Aufnahmeprüfung dafür habe ich zunächst in Bethel angefangen, Theologie zu studieren und war – trotz Nachlernen-Müssens aller alten Sprachen – davon sehr begeistert, sodass schnell klar war: Das ist es, was ich machen möchte!

Dann habe ich mit sehr viel Lust und Engagement Theologie studiert und mich unter anderem mal ein ganzes Semester nur mit Hegel beschäftigt, obwohl eigentlich das Pauken griechischer Vokabeln dran gewesen wäre. Ansonsten habe ich sehr viel in Systematischer Theologie studiert, vordringlich bei Dietrich Korsch hier in Marburg, wohin ich 2007 gewechselt bin. Dadurch habe ich eine große Affinität für Friedrich Schleiermacher entwickelt, die durch die Pfingstseminare bei Ulrich Barth noch mal eine ganz andere Farbe erhalten hat.

Nach meinem Examen trat ich eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kirchenbau in Marburg an, wo ich mit Fragen rund um das Schnittfeld von Religion, Architektur und Kunst beschäftigt war. In diese Zeit fiel auch der Evangelische Kirchbautag 2014 in München, an dessen Vorbereitung und Durchführung ich beteiligt war. Seit Ende 2018 habe ich die Pfarrstelle am Collegium Philippinum, der hessischen Stipendiatenanstalt, der „Stipe“.

Was das Thema meiner Dissertation angeht, habe ich lange hin- und her überlegt. Ehrlich, ich könnte ein Buch mit entworfenen und dann doch verworfenen Exposés herausbringen! Zum Thema meiner Dissertation kam ich durch den Leiter des Kirchenbauinstituts, den Praktischen Theologen Thomas Erne. Bei ihm habe ich einige Seminare zum Thema Religion und Raum besucht, und viele Fragen nach der Bedeutung der ästhetischen Kultur für das Religiöse haben meine ganze zweite Studienhälfte sehr geprägt. Das Thema „Andachtsräume in Justizvollzugsanstalten“ schlug mir Thomas Erne schließlich vor, nachdem er von der Bundeskonferenz der Gefängnisseelsorgerinnen und -seelsorger zu einem Vortrag eingeladen worden war, weil sie einmal über ihre Räume nachdenken wollten. Ich nahm die Anregung gerne auf, vor allem weil es mich interessierte, eine Welt zu entdecken, die Welt des Gefängnisses, die mir bis dahin völlig fremd war.

Es zeigte sich, dass die Arten dieser Andachtsräume vielfältig sind. Es gibt Anstaltskirchen, die wenig gestalterischen Bezug zum Kontext dort haben und genauso auch in einem Dorf stehen könnten. Es existieren ästhetisch wenig überzeugende Multifunktionsräume, bei denen sich die Mühen der Seelsorgenden, hier mit den Gefangenen Liturgie zu gestalten, erahnen lassen. Relativ wenige Räume haben eine künstlerische Gestaltung erfahren, innerhalb derer sowohl der Raum als sakraler Ort als auch der spezifische Kontext zur Darstellung kommt. In Hessen habe ich viele dieser Orte „live“ in Augenschein genommen, habe Gottesdienste mitgefeiert und bin mit Seelsorgenden und Gefangenen ins Gespräch gekommen. Die Raumerfahrung unter den spezifischen Bedingungen des Gefängnisalltages in den Blick zu nehmen, ist zentrales Anliegen meiner Forschung.

Der Andachtsraum in der Haftanstalt in Frankfurt-Preungesheim wird in meiner Arbeit einer ausführlichen Würdigung unterzogen. Das Gefängnis ist relativ neu und eines der sehr wenigen Beispiele dafür, wo der Andachtsraum eine bewusste und durch einen Künstler verantwortete Gestaltung erhalten hat. Der Münchner Werner Mally hat die Wände mit einer Wellenstruktur versehen, so dass man leicht ein Schiff assoziieren kann. Als ich das sah, fiel mir sofort ein Satz von Michel Foucault aus seinem berühmten Radioessay Andere Räume ein: „In den Zivilisationen ohne Schiff versiegen die Träume.“ Die Assoziationen der Gefangenen aber, die ich befragte, gingen eher in Richtung Galeere. So verschieden kann Wahrnehmung sein. Es braucht offenbar unter den Bedingungen von Strafvollzug ganz eigene Arten von Andachtsräumen, die unter diesen Bedingungen so etwas wie die Erfahrung von Daseinsweitung ermöglichen.

In der Arbeit diskutiere ich zunächst grundsätzlich, mit was für einem Raumphänomen wir es im Hinblick auf das Gefängnis zu tun haben. Raum wird dabei nicht allein als das Gebäude verstanden, sondern zum Gefängnis als Raumphänomen gehören auch die gesellschaftlichen Debatten über den Umgang mit Kriminalität, die sich schließlich in den konkreten Architekturen baulich realisieren. Innerhalb der Anstalt ist es vor allem die Gestalt des Gefängnisses als totaler Institution und die damit einhergehende strikte Festlegung auf die Rolle als Gefangener, die den Alltag fundamental vom Leben außerhalb des Gefängnisses unterscheidet.

All diese Aspekte sind wesentliche Voraussetzungen, um die besondere räumliche Situation der Religionspraxis im Strafvollzug in den Blick nehmen zu können. Ein wichtiges Ziel meiner Arbeit ist es, zu zeigen, was für eine große und wichtige Aufgabe die Gestaltung von Andachtsräumen in Gefängnissen ist.

Meine These: Es ist für den Strafvollzug immens wichtig, dass es auch in Strafanstalten Zeiten und Räume gibt, in denen Gefangene von ihrer totalen Rolle temporär entlastet werden. Der Andachtsraum kann das deshalb räumlich realisieren, weil er als Raum für gottesdienstliche Praxis immer wesentlich ein Ort für feiernde und spielerische Distanz zum Alltag ist.

Es liegt im Interesse eines humanen Strafvollzuges, der diesen Namen verdient, Räume anzubieten, die in diesem Sinne Inseln der temporären Möglichkeit von Daseinsweitung bieten innerhalb eines lebensweltlichen Kontextes, der wesentlich durch Mauern und NATO-Drahtzaun geprägt ist. Hier möchte ich mit meiner Dissertation Beispiele und Denkanstöße liefern.

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

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