Netzwerk statt Aquarium

Eine diakonische Kirche mit Zukunft braucht die Kooperation mit der Zivilgesellschaft
„Benachbarte Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen leben oft in Parallelwelten und kooperieren zu wenig.“
Foto: dpa/Peter Endig
„Benachbarte Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen leben oft in Parallelwelten und kooperieren zu wenig.“

Bis heute leben sogar benachbarte Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen oft in Parallelwelten und kooperieren zu wenig. Das flächendeckende Netzwerk liegt weitgehend brach. So viel ungenutztes Potenzial können wir uns nicht leisten, findet Diakonie-Präsident Ulrich Lilie und weitet den Blick von der Geschichte in die Zukunft von Kirche und Diakonie.

Sie ist ein Evergreen, die alte Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz der christlichen Botschaft. Und seit den Aufbrüchen von Wichern, Fliedner und anderen Mitte des 19. Jahrhunderts ist sie eng verbunden mit der Frage nach dem Verhältnis von verfasster Kirche und Diakonie. Wie wir diese Frage heute beantworten, wird zweifellos über die zukünftige Gestalt und die gestaltende Kraft unserer kleiner werdenden evangelischen Kirche in Deutschland mitentscheiden. Ein Blick zurück, der an dieser Stelle natürlich nur skizzenhaft sein kann, kann vielleicht dabei helfen, alte Fehler nicht zu wiederholen.

1856 erhalten Theodor Fliedner und Johann Hinrich Wichern von König Friedrich Wilhelm IV. den Auftrag, zum Verhältnis von Kirche und Diakonie Stellung zu nehmen. Vorrangig geht es um Fragen des Diakonats als einem kirchlichen Amt. In beiden Gutachten wird hinter dieser Frage aber bereits damals die grundsätzliche Verhältnisbestimmung von verfasster Kirche und organisierter Diakonie verhandelt. Auch wenn Fliedner und Wichern im Ergebnis zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, sind beide sich darin einig, dass Kirche und Diakonie einer gemeinsamen Wurzel entspringen: der „göttlichen Offenbarungsliebe“. Beide Gutachter unterstreichen, dass diese Liebe in der Diakonie als einer Gestalt von Kirche in besonderer Weise für alle Menschen erfahrbar wird. Diakonie ist eine „Signatur der Christenheit“, formuliert Wichern.

Und trotzdem fremdelt es diakonisch-kirchlich bereits zu Wicherns Lebzeiten. Die Probleme, die in den gesellschaftlichen Umbrüchen der Industrialisierung wurzeln, die sozialen Umwälzungen und Notlagen sind zu gewaltig, als dass man ihnen allein mit lokalen gemeindlichen Initiativen der Nächstenliebe begegnen könnte. Und die finanziellen, personellen oder strukturellen Ressourcen der verfassten Kirche reichen auch Mitte des 19. Jahrhunderts bei weitem nicht aus, diese Aufgabe zu stemmen. Es braucht neue Strukturen, neue Berufe, frisches Denken und natürlich Geld.

Der Weg, den die Väter und Mütter der Diakonie dann einschlagen, bleibt bis heute inspirierend: Sie denken „out of the box“ und prognostizieren nicht einfach nur düster und linear nach vorne. Inspiriert suchen sie neue Partner und entwickeln neue Formen und Formate. Sie setzen etwa auf das mit dem aufstrebenden Bürgertum entstehende Vereinswesen. Das erlaubt, kirchenpolitischen Beschränkungen und staatskirchlichen Rücksichten aus dem Weg zu gehen. Auch die in dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schießenden kirchlichen Stiftungen bieten dem „Gottesdienst mit den Händen“ eine neue Freiheit des Denkens. Überall im Land entstehen Rettungshäuser, Herbergen zur Heimat, Krankenhäuser und andere Orte der vorurteilslos unterstützenden Menschenfreundlichkeit. Und das Programm der „Inneren Mission“ ermöglicht eine Vernetzung dieser überall entstehenden lokalen diakonischen Initiativen, neben den Gemeinden.

So beginnt zugleich, was wir heute Diakonie nennen und eben auch die aus Organisationszwängen geborene institutionelle und organisationale Entfremdung von Diakonie und Kirche. Denn die „göttliche Offenbarungsliebe“ mag zwar gleichermaßen in Gemeinde und Rettungshaus, verfasster Kirche und unternehmerischer Diakonie wirken, aber, weil Vereine, Stiftungen und Unternehmen anderen Gesetzmäßigkeiten und systemischen Herausforderungen genügen müssen als eine synodal verfasste Kirche, gewinnt der ursprünglich in den Gemeinden verankerte diakonische Aufbruch rasch eine eigene Dynamik.

Suche nach Partnern

Diese weitreichenden Folgen hat Wichern 1848 (Gründung des „Central-Ausschusses für die Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“) nicht kommen sehen können. Er will mit seiner Konzeption keineswegs, dass Kirche und Diakonie auseinanderdriften. Die machtvolle Wirkung der unterschiedlichen „Systemlogiken“ unterschätzt er schlicht. Und nicht nur er: Auch 1945, als die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder eine neue organisatorische Antwort aus Glauben erfordern und das Evangelische Hilfswerk gegründet wird, überbrückt das die Drift nicht. Obwohl bei dieser Neukonzeption die Gemeinden als Verteil- und Mobilisierungsstellen der Nothilfen gegen Hunger, Armut und Obdachlosigkeit eine entscheidende Rolle spielen, obwohl es 1948 in der neuen Ordnung der EKD folgerichtig heißt, dass alle Glieder der Evangelischen Kirche in Deutschland und ihrer Gliedkirchen gerufen seien, Christi Liebe in Wort und Tat zu verkündigen und dass auch die diakonisch-missionarischen Werke Wesens- und Lebensäußerung der Kirche seien (Artikel 15), kommt es (nicht nur in Westdeutschland) zu unerwünschten Nebenfolgen: Es entsteht eine „diakonische Sonderwelt“ (Kurt Nowak), im Blick auf die Gesellschaft, auf die Landeskirchen und die Ortsgemeinden. Bis heute leben sogar benachbarte Kirchengemeinden und diakonische Unternehmen oft in Parallelwelten und kooperieren zu wenig.

Auch hier regiert Systemlogik: Sehr viel stärker und vor allem sehr viel unmittelbarer als die Kirche unterliegt die Diakonie den ökonomischen, rechtlichen und fachlichen Anforderungen einer ausdifferenzierten modernen Gesellschaft. Die damit verbundene Professionalität diakonischer Einrichtungen kann auf „Gottesdienstgemeinden“ befremdlich wirken. Dazu kommt, dass in einer immer diverser werdenden Gesellschaft nicht nur die Klientel der Diakonie immer vielfältiger wird, sondern auch die Mitarbeitenden nicht mehr nur christlich sozialisiert sind. Die immer wieder offene Frage, was evangelisch ist, übersetzen und beantworten Diakonie und Kirche deswegen in unterschiedlichen Dialekten. Und genau das ist ein Pfund, mit dem wir in einer ausdifferenzierten Gesellschaft wuchern können.

Nach vielen Jahren Erfahrung in Leitungsfunktionen in verfasster Kirche und Diakonie bin ich überzeugt, dass diese „interne Diversität“ eine Stärke darstellt, mit der wir nur noch nicht souverän genug umzugehen verstehen. Es gilt, diese Unterschiede zunächst wahrzunehmen und sie wechselseitig als jeweils sachgemäß anerkennen zu lernen – und auf dieser Basis der gegenseitigen Anerkennung und Wertschätzung gemeinsam unser besonderes Netzwerk für eine Kultur der Menschenfreundlichkeit neu zu knüpfen – zum Wohle aller Menschen in unserer Gesellschaft. Denn das gibt uns der Glaube an Jesus Christus auf.

Auch dafür gibt es Vordenker: Der Heidelberger Diakoniewissenschaftler und Sozialethiker Theodor Strohm wirbt bereits 1998 dafür, die professionalisierten und öffentlich organisierten Hilfeformen der Diakonie an soziale Netzwerke vor Ort anzuschließen, um auf Augenhöhe zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken und zu einem neuen Mix aus professioneller und bürgerschaftlicher Unterstützung zurückzufinden. Bischof Wolfgang Huber fokussiert drei Jahre später das Verhältnis von Kirche und Diakonie: „Die Zuwendung zum hilfsbedürftigen Nächsten ist Grundimpuls der Diakonie, aber ebenso auch Grundimpuls der Kirche. … Es geht darum, im anderen die unverwechselbare und von Gott geliebte Person zu sehen und auf diese Weise eine Diakonie zu entwickeln, die zur Bekräftigung des Evangeliums vor der Kirchentür wird.“

Um als kleiner werdende Kirche Strahlkraft zu behalten und dem sozialen Klimawandel in unserer sich rasant verändernden Gesellschaft wirksam entgegentreten zu können, schlage ich vor, Huber und Strohm zusammen zu denken. Noch sind wir mit unseren Gotteshäusern und diakonischen Einrichtungen überall im Land präsent. Wir können ein flächendeckendes Netzwerk der Menschenfreundlichkeit Gottes spannen und so Verantwortung für unsere fragmentierte, auseinanderdriftende Gesellschaft übernehmen. Wenn wir als große evangelische Minderheit diese Mit-Verantwortung tatsächlich annehmen und beginnen, gemeinsam mit anderen strategisch zu handeln – was wird dann alles möglich sein? Kirchengemeinde und diakonische Einrichtung öffnen sich für die Bedarfe und Potenziale des gemeinsamen Umfelds und kooperieren. Gemeinsam sind sie diakonische Kirche mit Zukunft und knüpfen Netzwerke des Zusammenhalts, des Glaubens und der Hoffnung. So strahlt Kirche aus ins Gemeinwesen, macht erkennbar, wo überall am Ort auf evangelische Weise gewirkt wird und entdeckt und beseitigt in ihrem Wirkungsbereich konkrete Formen und Ausprägung von Exklusion jeder Art. Das schließt eine geistreiche und qualitätsbewusste theologische oder kirchenmusikalische Arbeit selbstverständlich ein, die sich von neuen Menschen und neuen Netzwerken neue Inspiration erhoffen darf – bis in die Gottesdienste hinein.

Bei der Einübung, so Gemeinde zu werden, kann jede Beratungsstelle, jede Kontaktstube, jede Wohngruppe oder Stadtteilinitiative helfen, aber eben auch die Wohnungsbaugesellschaft und die Sportvereine in der Nachbarschaft. Nicht als Konkurrenten, sondern als Kooperationspartner mit dem gemeinsamen Ziel, lebenswerte Nachbarschaften zu gestalten – im Saarland anders als in Thüringen, auf Hiddensee anders als auf der Schwäbischen Alb, im Kiez anders als im Dorf. Es braucht immer wieder neue, passgenaue kooperative Antworten auf die konkreten Herausforderungen. „Doing universality“ nennt der Kultursoziologe Andreas Reckwitz eine solche notwendige gemeinschaftsstiftende Praxis in einer unhintergehbar heterogener werdenden Gesellschaft.

Eine diakonische Kirche

Eine so gedachte mehrdimensionale diakonische Kirche mit Zukunft braucht neue Strukturen und Kompetenzen. Sie braucht ein anderes Maß an „Mehrsprachigkeit“: in Bezug auf die unterschiedlichen „Systemlogiken“ und Dialekte von Kirche und Diakonie, in Bezug auf unterschiedliche Nähen und
Distanzen zur Kirche und unserem Glauben und in Bezug auf die religiöse wie die säkulare Vielstimmigkeit im Lande. Sie braucht außerdem ein neues theologisches Verständnis davon, wie sich Wirklichkeiten und Fragen der christlichen Lebensgestaltung im digitalen Zeitalter selbst organisieren und schneller und netzwerkartig entwickeln können.

Das alles birgt große Chancen und ist nicht ohne Risiko. Wir werden gleichzeitig über Antworten nachdenken und schon handeln müssen. Wir werden auszuprobieren haben. Wir werden Erfolge feiern und Fehler machen und aus beidem lernen. Aber: Warum auch sollten wir es leichter haben als Fliedner, Wichern und Sieveking?

Es geht um viel. Nicht um unsere Verbände und Strukturen, sondern darum, wie wir als diakonische Kirche mit Zukunft erkennbar und wirksam handeln können. Für die Menschen in unserem Land. Ich habe die Expertin für kirchliche Communities bei unserem Besuch bei Facebook vor zwei Jahren nicht vergessen: „Ihr kommt von der EKD?“, fragte sie uns. „Ihr solltet euch entscheiden, ob ihr Menschen fischen oder das Aquarium bewachen wollt.“ „Diakonie und Kirche mit anderen“ stellt sich absichtslos und aus Glauben in den Dienst der Menschen in einer sich rasant verändernden Gesellschaft.

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Foto: Rolf Zöllner

Ulrich Lilie

Ulrich Lilie (geboren 1957) studierte evangelische Theologie in Bonn, Göttingen und Hamburg. Bis 2011 arbeitete er unter anderem als Krankenhausseelsorger mit dem Zusatzauftrag der Leitung und Seelsorge im Hospiz am Evangelischen Krankenhaus Düsseldorf. 2011 übernahm Lilie den Theologischen Vorstand der Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf. Seit 2014 ist er Präsident der Diakonie Deutschland.


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