„Der Güter Gefährlichstes, die Sprache“

Neue Dauerausstellung im Hölderlinturm in Tübingen
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Die Tür zum Hölderlinturm in Tübingen öffnet sich. Ein langer Gang liegt vor einem. Durch die Glastür am anderen Ende sieht man, dass es in den Garten geht. Willkommen in der neuen Hölderlin-Ausstellung in Tübingen im Hölderlinturm, einem alten Turm der Stadtbefestigung direkt am Neckar. Weiße Wände – nur ein fast zwei Meter hohes Metronom schlägt im Takt, von hinten beleuchtet. „Fest bleibt nur Eins, … immer bestehet ein Maß“, so Hölderlin. Ab jetzt bestimmt der Takt seiner Gedichte.

Die Tübinger Ausstellung eröffnet das Hölderlinjahr in Deutschland. Seine Gedichte sind in 83 Sprachen übersetzt. In China tauschen bildungsbewusste Studierende ihre Grüße mit Hölderlinzitaten aus, in Japan wählen Brautpaare Hölderlinverse als Trautexte für ihre Hochzeit. Hölderlins Macht und Wirken liegt in der Kraft der Sprache. Dem geistig umnachteten Dichter wurde das selbst einmal bewusst: „… der Güter Gefährlichstes, die Sprache …“

„Immer bestehet ein Maß.“ Hölderlin suchte immer nach einem Maß für seine Reime. Und fand es, indem er mit der Hand immer wieder auf den kleinen Tisch, an dem er schrieb, einschlug. Er schlug auch auf den Tisch, „wenn man Streit hat mit den eigenen Gedanken“. So Schreinermeister Zimmer in einem Brief an Hölderlins Mutter. Hölderlin verbrachte die Hälfte seines Lebens – von 1807 bis 1843 – im Turm am Neckar. Versorgt wurde er von der Familie Zimmer, die im Turm eine Schreinerei betrieb. Im halbrunden Turmzimmer, wie ein griechisches Amphitheater zum Neckar hingewandt, verbrachte er als angeblich unheilbarer, sprich austherapierter, Geisteskranker seine Jahre. Und dichtete dort die „Turmgedichte“.

Mit Hegel und Schelling teilte er sich als Student eine Schreibstube im Evangelischen Stift in Tübingen. Hier hatten die drei Kontakt zu Studenten aus Montbeliard, württembergisch Mömpelgard, die ihnen zu Semesterbeginn immer die neuesten Schriften der französischen Revolution mitbrachten. Inspiriert davon diskutierten die drei nächtelang über „Freiheit“. Alle drei, im Stift um Pfarrer zu werden, wurden nie Pfarrer.

Hölderlin wurde nach vielen Versuchen, sich als Hauslehrer durchzuschlagen, im Gebäude hinter der Alten Universität – der Burse – eingeliefert. Doktor Autenrieth hatte hier eine neue Klinik für Geisteskrankheiten eingerichtet. Hölderlin wurde einer seiner Patienten. Autenrieth ging nach dem Prinzip „Viel hilft viel!“ vor und gab seinen Patienten ordentlich Quecksilber zu trinken. Bei Hölderlin schienen auch fesselnde Zwangsmaßnahmen nicht zu wirken, und so wurde er als „unheilbar“ entlassen. Gegenüber der Burse hatte Schreinermeister Zimmer seine Werkstatt – und ein Zimmer frei im ersten Stock des alten Turms der Stadtbefestigung. Er nahm Hölderlin auf, verrechnete Kost und Logis.

Im ersten Stock im Turm steht Hölderlins kleiner Tisch. Das ist alles, was original erhalten ist. Auch der Turm ist nicht mehr original. Heute steht in jedem Zimmer der Ausstellung ein kleiner Tisch, jeder mit einem Kopfhörer ausgerüstet. Ergreift man den Hörer und legt seine Hand auf eine Holzplatte, hört man Hölderlin und die Finger vibrieren im Takt der griechischen Versmaße: „… immer bestehet ein Maß.“ Im neu angelegten Garten am Neckar kann man dieses Versmaß mit Audioguide sogar mit seinen eigenen Schritten nachempfinden. Jeder erläuft so sein richtiges Maß.

Im neuen Sprachlabor eröffnen sich Welten, das Taktmaß zu erproben. Hier kann man selbst ausprobieren, was geschieht, wenn Sprache auf Schönheit stößt. Das ist das Geheimnis von Hölderlin. Weltweit.

Und in jedem Zimmer der Tisch. Mit Experimenten und Originalen aus dem Literarturarchiv Marbach, aus denen Thomas Schmidt diese Ausstellung kuratiert hat. Auf dem Stadtfriedhof in Tübingen ist bis heute Hölderlins Grab erhalten. Es liegen immer frische Blumen drauf.

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