Lichtblau

Kaleidoskop des lyrischen Atems

Es gibt unendlich viele Arten, die Wirklichkeit zu beschreiben. Die Wirklichkeit entsteht und zerfällt in jedem Moment. Irgendwo schlägt das Pendel des Spiels.“ So, in poetische Wahrnehmung aufgelöst, strömt Angela Krauß’ neuestes Werk Der Strom – keine Erzählung. Kein Gedicht. Eine Erzählung. Ein Gedicht. Vor allem: Ein sich frei tanzendes Wortgeflecht, eingerichtet hoch über dem Bitumen befestigter Wege zwischen einem exklusiven französischen Restaurant und einem über vier Stockwerke hinauf zu erklimmenden Refugium gegenüber einem altvertrauten Güterbahnhofsgelände, das keinem Genre zugehörig, keiner Gattung zupass ist.

Beinahe kafkaesk inszeniert, doch mit mitunter geradezu heiteren Wahrnehmungsvorzeichen in Dur lebt eine mäzenatisch gehegte Dichterin einen aller getakteten Wirklichkeit entronnenen Alltag. Ihre Konstitution an der Peripherie ist kühl. Ihr Kontakt zu sich, zur Zeit, zur Welt fortwährend unter eigener, wahrgenommen unter fremder Beobachtung: „Jemand schien mich wieder zu beobachten, warm, mitfühlend. Ich war nahe daran, diesen Jemand anzusprechen, zu gestehen: Ich habe mein gesamtes Leben in Erwartung verbracht! … Von der Zukunft ist nichts übrig geblieben als ein Plan, von der Liebe nichts als ein Versprechen, von der Vorfreude ein Schlucken. Jetzt, da ich ohne Erwartung bin.“

Das alles eröffnet sich ihr nach „einer schlaflosen Nacht des ersten Januar“, in dem der titelgebende Strom begonnen hatte, „in meinem Körper zu pulsieren, an der Grenze zum Schmerz. Unbekannt und beherrschend, geräuschlos, dröhnend. … Mein Körper sprach mich mit einer Autorität an, die ich nicht kannte. … Über Nacht konnte der Mensch in Umstände geraten, die seinen Lebenslauf ins Stocken brachten. Ganz überrascht von dieser postwendenden Einsicht, bewegte ich mich ziellos in der Wohnung hin und her. Gleichzeitig schien etwas in mir stillzustehen.“

In allen Sequenzen dieses Werkes ist das Gegensätzliche zu Hause, das um der Wahrnehmung willen zum Innehalten drängt, sich aber gleichzeitig zum Geduld einfordernden Ausharren genötigt fühlt, das die Dichterin aufreibt und handlungsunfähig macht. Darum wird ihr Mut zugesprochen: „Werfen sie Ballast ab! Was wollen Sie bei sich haben in Zukunft? Die Welt, den Traum, das Unendliche, rufe ich trunken, den Sternwärter, die Vorfreude, Brüderlein und einen kleinen Elefanten – halt: das Gedicht!“ So ist Der Strom eine feinfühlige, lichtblaue Reflexion über Eingebung und Erkenntnis, über Sprache und Form in Erinnerung und träumerisch wahrgenommener Gegenwart, die sich im Teil Sechs des Buches hinreißend sprachschön schließlich doch ganz der lyrischen Miniatur hingibt. Hier verdichtet sich noch einmal die Dynamik in der Schwebe zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen fußfassender Ordnung und himmelleicht schwebender Unsicherheit über den Zustand des Ichs und der Welt drum herum. Dabei fällt einmal mehr auf, dass aller Schönheit der Sprache ein sich verschwendendes Lächeln innewohnt, das seine erste Heimstatt vielleicht bei Rilke genommen hat, oder bei Celan, gar bei Bobrowski?

Jetzt hat es bei der 1950 in Chemnitz geborenen und schließlich in Leipzig angekommenen Angela Krauß ein Zimmer genommen, die am Ende ein feines, tragfähiges Seil über alle Gegensätze spannt: „Ich wirke glücklich. Das ist keine Tarnung. Jemand muss uns heimlich bewohnen, jemand immerzu Glückliches.“

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