Ewige Wiederkehr

Rademanns Johannespassion

Eine Enttäuschung bleibt einem bei der vierten Version der Johannespassion von Johann Sebastian erspart. Eine Enttäuschung, die vielen widerfährt, die erwartungsfroh die zweite Version von 1725 hören. Sie müssen nämlich auf den tollen Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ verzichten. Stattdessen erklingt der wunderbar virtuose Choralsatz „o Mensch bewein dein Sünde groß“, aber den kennt man ja schon aus der Matthäuspassion.

Nein, der herrlich-verherrlichende Eingangschor ist auch in der von Hans-Christoph Rademann jetzt eingespielten vierten Fassung der Johannespassion prächtig vorhanden, die 1749, also ein Jahr vor Bachs Tod entstand. Die Änderungen gegenüber der „Urfassung“ von 1724 sind eher marginaler Natur. Sie werden nur dem sehr vertrauten Hörer sofort auffallen: ein paar andere Texte, einige Uminstrumentierungen und die Hinzufügung eines Kontrafagotts, das dem Sound der Bassgruppe in den Tuttipassagen der entfesselten Turbachöre einen prächtigen Wumms verleiht.

Rademann und seiner personell, orthographisch und stilistisch gegenüber Vorgänger Helmuth Rilling revolutionär veränderten Gaechinger Cantorey gelingt vokal und instrumental eine beeindruckende, schlüssige und dramatisch mitreißende Aufführung. Es fiele schwer, jemanden aus dem wunderbaren Solistenquintett um Patrick Grahl als Evangelisten hervorzuheben. Und die neuen „Gaechinger“ zu loben, hieße, Eulen ins Alte-Musik-Athen zu tragen. Also, wer noch keine neuere Aufnahme der Johannespassion hat, soll gerne zu dieser neusten deutschen Einspielung greifen, deren Leiter als gebürtiger Sachse und einst praktizierender Kruzianer für Bachs Herkunftsregion steht.

Dennoch sei, unabhängig von der vorliegenden wirklich famosen Einspielung, die Bemerkung erlaubt, dass auf dem Feld prächtig gelungener Bach-Aufnahmen ein gewisses Überangebot herrscht. Selbst diese Version der Johannespassion ist schon viele Male auf CD vertreten – der Autor dieser Zeilen weiß schon eine Einspielung der „1749-er“ mit der Rheinischen Kantorei aus dem Jahre 1990 (!) daheim im CD-Regal. So schleicht sich trotz aller Virtuosität und sicherlich vieler Detailunterschiede zu anderen neueren Aufnahmen beim Hören dieser neuen CDs doch das Gefühl einer ewigen Wiederkehr von sehr Ähnlichem ein. Insofern ist es eine gute und überaus nötige Entwicklung, dass es, zum Beispiel mit dem Ensemble Resonanz und dem Trio aus Elina Albach, Benedikt Kristjánsson und Phillip Lamprecht, auch ganz andere Deutungen und Fortschreitungen in Sachen Bachpassionen gibt (vergleiche zz 3/2019).

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