Die Trailer waren besser

"Narziss und Goldmund" im Kino

Hermann Hesses „Narziss und Goldmund“ ist nun 90 Jahre alt geworden und wurde erstaunlicher Weise noch nie verfilmt. Nun wagt sich der Oscar-Regisseur Stefan Ruzowitzky an den Stoff – und scheitert. Wie schade! Und warum nur?

Trailer – also Ministreifen zur Ankündigung eines großen Films, der bald in die Kinos kommt – werden immer beliebter, und das zurecht. Nicht selten fassen sie einen Film in etwa einer Minute so gekonnt zusammen, dass man später, nach dem Anschauen des Hauptfilms, denkt: Eigentlich war der Trailer fast besser als der Film. Vor allem bei jungen Leuten sind Trailer mittlerweile so attraktiv, dass manche sogar ihre eigenen Trailer schneiden und ins Netz stellen, eine neue kleine Kunstform, könnte man sagen.

Bei den Trailern des neuen Spielfilms von Stefan Ruzowitzky, „Narziss und Goldmund“, der heute in Deutschland in die Kinos kommt, war das so: Seit Oktober, seit die ersten Trailer für die Literaturverfilmung im Netz anliefen, freute ich mich auf den Film „Narziss und Goldmund“, eines der Lieblingsbücher meiner Jugend, ein Stück, sagen wir: Weltliteratur von Hermann Hesse, das Generationen von vor allem jungen Menschen fasziniert und beflügelt hat durch die große Frage, die man sich in diesem Alter stellt oder stellen sollte: Wie will ich leben?

Die Trailer versprachen genau das: einen Einblick in das vergeistigte, stille Leben des Mönches Narziss, gespielt vom faszinierenden Sabin Tambrea einerseits. Andererseits in die prallen, bunten Abenteuer des Lebemanns Goldmund, verkörpert durch den saugut aussehenden Jannis Niewöhner. Beides sind sehr ordentliche deutsche Schauspieler der jüngeren Generation. Gute Schauspieler, gute Vorlage, ein guter, gar Oscar-prämierter Regisseur – was soll da schon schief gehen? Und warum ist dieser Stoff eigentlich bis heute nicht verfilmt worden, das liegt doch auf der Hand, oder?

Aber leider ja: Es kann schief gehen. Schon das kitschige Filmplakat zeigt, wohin die Reise geht, in die Irre. Ruzowitzkys „Narziss und Goldmund“ ist viel schwächer als die tollen Trailer, mit denen man es hätte bewenden lassen sollen. Der fast zweistündige Film scheitert früh, es tut einem fast im Herzen weh, wenn man Filme und Hesse mag. Das gilt selbst dann, wenn man weiß, dass Literaturverfilmungen zu den schwersten cineastischen Genres gehören. Nur selten können Filme mit den ihnen zu Grunde liegenden Büchern mithalten. Und noch viel seltener sind die Filme besser als die Bücher, auf denen sie beruhen – aber auch das gibt es.

Warum also scheitert „Narziss und Goldmund“, auch wenn man weiß, dass ein Buch ein Buch und ein Film ein Film ist, das heißt ganz eigenen Gesetzen folgen muss? Es liegt vor allem daran, dass der Film seinen ureigenstem Mittel nicht traut, nämlich dem Bild. Was Ruzowitzky und sein Kamermann Benedict Neuenfels in „Narziss und Goldmund“ visuell anbietet, ist  von so einer schlichten Plattheit, dass man immer wieder vor lauter Peinlichkeit den Blick von der Leinwand abwenden will.

Da quillt die Blumenwiese, auf der Goldmund mit seiner Lene (Henriette Confurius) ein neues Zuhause aufbauen will, über von Blumen. Da blicken sie gemeinsam eines Nachts in den Sternenhimmel, dessen Lichter offensichtlich digital verstärkt wurden. Da trauert eine jüdische Frau (Jessica Schwarz), ganz in Schwarz gekleidet, vor den schwarz verkohlten Gerippen ihres Hauses, nachdem ein Mob die Juden im Ghetto überfallen hat, weil man sie für die Auslöser der Pest in der Stadt hielt – und so weiter. Klischee folgt auf Klischee. Es gibt kaum eine Einstellung, bei der man überrascht wäre, die sich selbst tragen könnte.

Leider verstärkt die Musik des Films die Peinlichkeiten noch. Wenn Mönche auftreten, wird es gregorianisch, bei einer Schneeszene klimpern Glöckchen im Hintergrund, beim fahrenden Volk wird der Sound irgendwie indisch – mein Gott, denkt man sich, muss das sein?! Wir haben es doch verstanden! Dumm ist auch, dass man die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen oder von deutschen Serien kennt. Wer etwa aus guten Gründen begeistert war vom großartigen Kida Khodr Ramadan, der Hauptfigur der Deutsch-Libanesen-Clan-Serie „4 Blocks“ aus Berlin, muss sein Lachen zurück halten, wenn dieser mit Tonsur als kräuter-kundiger Mönch Anselm durchgehen soll, mit dem gleichen Neuköllner Slang übrigens, der hier leider so gar nicht passt.

Auch die doch eigentlich zentralen Dialoge zwischen Narziss und Goldmund über das richtige Leben – mitten in der Welt oder vielleicht besser in der Abgeschiedenheit des Klosters, mit und ohne (leiblicher) Liebe – verpuffen, weil das Drehbuch und die Regie sie nicht ernst nehmen. Sie wurden bis zur Plattheit gekürzt und wirken wie pflichtschuldigst hineingequetscht zwischen einer Action-Szene hier, einer Sex-Szene da. Völlig absurd wird es, wenn in einem vielleicht einminütigen Zusammenschnitt mal kurz gezeigt wird, was Goldmund sonst so noch in seinem Leben erlebt und erlitten hat: Er war also offenbar noch Soldat in einem Krieg (welcher?), Bettler (warum?) und in einem fernen kalten Land (wo?), sehr frierend jedenfalls. Was soll das, bitte?

Ein weiteres großes Manko des Films: Die Geschichte von Narziss wird so gut wie gar nicht erzählt, schlimmer noch, der Film wagt es noch nicht einmal: Wie hat er die harten Jahre im Kloster voller Einsamkeit überstanden, wie ist er aufgestiegen zum Abt, welche Freuden hat ihm das Gebet oder der liturgische Gesang gegeben, welche Konflikte oder Versuchungen gab es in all den Jahren hinter Klostermauern, hat er je an seiner Berufung gezweifelt, je gehofft? Natürlich, das ist alles schwerer zu bebildern als das Action-Leben des Goldmund – aber das hätte ja ein Reiz des Films sein können, es zumindest versucht zu haben. Deshalb ist die Balance des Films schief. Es geht verloren, was dem Buch gelingt und den besonderen Reiz dieses Werkes ausmacht: die Schönheit und das Elend beider Lebensformen (vita activa - vita contemplativa) gleichwertig zu schildern.

So ist denn – alles in allem – der Film nicht zu empfehlen. Es hätte wahrscheinlich eines besseren Drehbuchs, vielleicht auch eines besseren Regisseurs bedurft, um die aufregende Geschichte von „Narziss und Goldmund“ filmisch gut zu erzählen. In einer Netflix-Serie zum Beispiel, mit mehr Zeit und vor allem mit mehr Mut zum unkonventionellen Erzählen wie etwa in „The Crown“ hätte etwas daraus werden. So taugt der Film bestenfalls zur Einführung in das Thema „Narziss und Goldmund“ vor der Schullektüre im Deutschunterricht. Aber vielleicht würde den Jugendlichen dann ja auch der Trailer schon reichen.

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