Aus Kugel, Walze, Würfel

Friedrich Fröbel – im Garten der Kinder
Foto: privat

Der Weg im Thüringer Wald führt zwischen Douglasien, Lärchen und Fichten steil bergauf. Überall geben Infotafeln Auskunft über das Wirken des Reformpädagogen Friedrich Fröbel (1782–1852), der sein pädagogisches Lebenswerk in Keilhau und Bad Blankenburg bei Rudolstadt buchstäblich aufgebaut hat. Am höchsten Punkt öffnet sich der „Fröbelblick“ in die Weite, links Bad Blankenburg, rechts Großgölitz. Ein Stelen-Denkmal verkörpert die Spielelemente Kugel, Walze, Würfel.

Ob es dem Pädagogen Fröbel hier oben beim Blick über das gesamte Rinnetal und den Thüringer Wald tatsächlich in den Sinn kam, seine neue Einrichtung, den Garten der Kinder, also Kindergarten zu nennen, ist nicht verbürgt. Doch der weite Ausblick des Wanderers mag gut und gerne die pädagogische Welt bewegt haben. Nach Bad Blankenburg sind es bloß ein paar Kilometer. Und 180 Jahre zurück. Im Juni 1839 eröffnet Fröbel dort eine Spiel- und Beschäftigungsanstalt. Nur ein Jahr später, am 28. Juni 1840, begehen die Bad Blankenburger in ihrem Rathaus mit einem Stiftungsfest die Gründung eines Kindergartens.

Bad Blankenburg. Ein thüringisches Städtchen mit 6377 Köpfen, nahe der schmucken Residenzstadt Rudolstadt. In der historischen Ladenstraße stehen die meisten Schaufenster hinter einer dicken Staubschicht leer. Ganz anders das „Haus über dem Keller“, ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt. Altrot leuchtet es von weitem: Fröbels erster Kindergarten. Heute birgt es das Friedrich Fröbel Museum, das seinen Lebensweg, sein pädagogisches Programm und die Wirkungsgeschichte seiner Pädagogik bis in die Gegenwart sinnfällig macht.

Ein wahrer Fundort für Pädagogen, Gestalter, Architektur- und Kunsthistoriker sind Fröbels Prototypen der elementaren Spiel- und Beschäftigungsmittel mit den Vorlagen für begreifbare Falt-, Flecht- und Sticktechniken. Eingebettet ist das in zeitgenössische Alltagskultur, ergänzt von Personalia wie den Abgangszeugnissen von „Kinderfräuleinen“, Damen-Almanachen und Erstausgaben pädagogischer Schriften, auch Fröbels Kriegstagebücher von Lützows Freikorps.

Fröbel, der am 21. April 1782 als jüngstes Kind des Oberweißbacher Pfarrers Johann Jacob Fröbel in Thüringen zur Welt kam, hatte 1817 in Keilhau die Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt gegründet und ließ sich Anfang 1837 in Bad Blankenburg nieder. Sein pädagogischer Fokus – er knüpfte an Pestalozzis Elementarbildung an – sollte von nun an auf der Bildung und Erziehung der Kinder vor dem Schulalter liegen. Dafür unterrichtete er junge Menschen in der Pflege des Spiels.

Im Museum sehr anschaulich zu sehen sind tatsächlich die von ihm entwickelten Kinderspiele „zur Selbstbeschäftigung und Selbstbelehrung“, Spielgaben genannt. Aufbauend auf: Kugel, Walze und Würfel. Die Bauhaus-Idee oder Oskar Schlemmers Tänzer des Triadischen Ballets mögen hier verwurzelt sein. Geometrische Formen, an denen sich mathematische und physikalische Grundsätze spielerisch erleben und erlernen lassen. Von Fröbel definiert in der Zeit des überladenen Historismus. Heute erscheinen diese Formen allgegenwärtig in der Kunst, der Architektur, im modernen Design.

Im oberen Raum vor drei Stuhlreihen ein kleiner Tisch. Darauf wieder die hölzerne Komposition aus Kugel, Walze und Würfel. Sie scheint den Raum zu beherrschen, kontrastiert zur Mengelage der Faksimiles und Originalexponate in ihren eher düsteren Vitrinen. Inmitten von Sütterlinschriften, Daguerreotypien und frühen Fotografien wirken Fröbels Spielfiguren zeitlos modern in ihrer Schlichtheit. Ob aus dem elementaren Garten der Kinder tatsächlich bildende Künstler, Konstrukteure und Architekten des Bauhauses erwachsen sind? Der Vergleich liegt so nahe wie Bad Blankenburg zu Weimar.

Weitere Informationen unter:

www.froebel-museum.de


 

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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