Glaubender Dichter

Neues über Hölderlin

Der Turm, in dem der Dichter die zweite Hälfte seines Lebens zugebracht hat, trägt heute seinen Namen. Im Februar wurde der Hölderlinturm in Tübingen nach einer umfassenden Restaurierung rechtzeitig zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins am 20. März für Forscher, Verehrer und Kulturtouristen wieder zur Besichtigung freigegeben. Wer in der unlängst erschienenen Biographie Rüdiger Safranskis liest, begreift einmal mehr, wie unangemessen die Frage ist, ob der Dichter seine Jahre in diesem Turm bis zu seinem Lebensende eher in einer Art selbst gewähltem Exil oder aber in Sicherheitsverwahrung zugebracht hat. Der Turm mit Blick auf den Neckar war für Friedrich Hölderlin (1770–1843) der einzige Raum, aus dem er geschützt vor den Zumutungen der schon geistig geöffneten, aber noch rückständig verfassten deutschen Welt ins Offene leben konnte.

Safranski zeichnet den schwäbischen Dichter als einen Literaten, der für die Poesie lebte, aber nie von ihr leben konnte. Hölderlin blieb in seinen jungen Jahren angewiesen auf ein nicht unerhebliches Erbe und auf die Gunst solventer Herrschaften, in deren Häusern er als Hauslehrer beschäftigt und als kulturelle Zierde erwünscht war. Diese prekären Stellungen standen stets im Zusammenhang mit sehr persönlichen Beziehungen. Doch nicht wegen seiner unglücklichen Liebesbeziehungen und seiner materiellen Situation, sondern wegen seines Denkens und literarischen Schaffens gehört Hölderlin in die Moderne. Angeregt durch die Philosophie Immanuel Kants und aufgeregt durch die Ideale der Französischen Revolution wollte er mit seinen Tübinger Stiftsgenossen und Freunden Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) den erkennenden Menschen nicht allein als rezeptives, sondern gerade auch als spontanes, zur Kreativität freies Subjekt verstehen. Hölderlin ergreift für sich diese Subjektivität als Freiwerden seiner poetischen Begabung. Modern ist er dabei aber nicht im oberflächlichen Sinn einer Auflösung tradierter literarischer Formen, sondern vielmehr im souveränen Umgang mit diesen. So legt er im Entstehungsprozess seines Romans Hyperion diesen auch in einer metrisch strukturierten Variante vor.

Überhaupt ist das Prozessuale seines literarischen Schaffens charakteristisch für Hölderlins Werk. Es kommt dieser Biographie sehr zu gute, dass Rüdiger Safranski nicht nur als kompetenter Philosoph, sondern zugleich auch als Germanist schreibt. Hervorragend, wie er die Entstehung des berühmten Gedichts „Hälfte des Lebens“ aus den handschriftlichen Ergänzungen zu einem unvollendeten Hymnus rekonstruiert.

Hölderlin wollte insbesondere mit dem Hyperion, seinem im übrigen einzigen Roman, das antike griechische Erbe für die deutsche Kulturnation als Erbschaft zurückgewinnen. Deswegen bedient er sich bei der literarischen Konzeption am personalen Tableau seiner Lebensgeschichte und begibt sich in eine sagenhafte Welt um den realen griechischen Freiheitskampf gegen die türkische Fremdherrschaft von 1770.

Mit seinem Dichten und Denken ist Hölderlin zwar für die deutsche Kulturnation, aber nicht für einen fragwürdigen Patriotismus eingetreten. Er liebte sein Vaterland, aber keine Landesväter und –kinder. Wie er für ein fragwürdiges Deutschtum nicht zu reklamieren ist, so auch nicht für die amtliche Kirche. Jedoch will der begeisterte Leser Kants den Gottesbezug auch nicht einfach an die Subjektivität verloren geben, sondern vielmehr auf der Suche bleiben nach dem Transzendenten jenseits der transzendentalen Philosophie.

Hölderlin, der Pfarrer werden sollte, aber immer vor diesem Wunsch seiner Mutter geflohen ist, ist als ein glaubender Dichter der „unsichtbaren Kirche“ treu geblieben. An Jesus Christus faszinierte ihn gerade der humane Gedanke, dass auch die Götter sterblich sind.


 

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