Rätsel der Fische

Moses Boyd: Dark Matter

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: „Moin, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die Jungen schwimmen eine Weile weiter, schließlich wirft der eine dem andern einen Blick zu und sagt: „Was zum Teufel ist Wasser?“ Dieses Gleichnis aus David Foster Wallace Rede an College-Absolventen wird nie den Charme verlieren, bloß manchmal ist es auch andersherum: Der erst 28-jährige Jazzdrummer, Arrangeur und Bandleader Moses Boyd erklärt die Begeisterung für Londons junge Jazzszene schlicht mit zeitlicher Koinzidenz.

Als er und die anderen begannen, fast im Stundentakt starke Alben aufzunehmen, umwerfende Gigs zu spielen und in immer neuen Kooperationen das Terrain zwischen Jazz, Elektro und HipHop zu erweitern, seien Kendrick Lamars epochales Conscious Rap-Album To Pimp a Butterfly und Blackstar von Bowie (mit Jazzdrummer Mark Guiliana, vergleiche zz 6/2019) erschienen. Die, sagt Boyd, hätten auch dem nicht jazz-affinen Mainstream Zugänge eröffnet. Jedenfalls ist nun viel Verkehr im Fluß und Boyd ein Protagonist. Man stelle sich das so vor: Gut ausgebildete Jazzer, offen gegenüber allem, was prickelnde Musikalität atmet, bereit, Neues auszuprobieren, vertraut mit Sampling, dem Sammeln von Schnipseln, fähig, es digital zu verarbeiten und ins Komponieren einfließen zu lassen, tüfteln sowie spielen regelmäßig mit andern, die ähnlich arbeiten. Das ist dann zwischen Wohnzimmer, Proberaum und Clubs „Szene“. Alltag.

Auf Boyds Album Dark Matter sind denn auch viele Vertraute dabei: Die Saxophonistin Nubya Garcia, der Irrwisch-Keyboarder Joe Armon-Jones (der mit Nubya jüngst auf Tour war und auf dessen eigenem Album Boyd trommelt), Sängerin Klein, Spoken Words-Artist Obongjayar, sein Mentor Gary Crosby am Bass. Über die Platte sagt er: „I still love jazz, but this is something different“ – und genau insofern ist das selbstbewusste Album auch bezeichnend. Im Opener Stranger Than Fiction ist der cinemascope-artige Bläsersatz Teil eines rauen Grime-Beats, das Drumset tickt fesselnd. Ein Zwischenstück mit Talk über Fischgerichte, Lachen und Dub-Effekten folgt. Intim, nah dran.

B.T.B. hat Latin-Groove, satte Bläser, entfesselte Gitarre. Dann wird es loungig, Bigband-Sound, Gitarre. Shades of You ist ein Elektrotrack mit warmem Gesang. Dancing in the Dark wirkt düster, mystisch, mit Spoken Words, Effekten und sperrigen Beats, bevor es ins satte Treiben kippt: Demons. We’re Dancing in the Dark. Komplexe Drums, sinister der Bass, Hochspannung, Keyboardsschlieren, Voice-Sample, maximale Verdichtung. Der Körper ist nicht mehr zu halten, wiegt sich, tanzt: Jazz und Dark Wave, aber nie bedrohlich, eher bergend. Zum Schluss Entspannung, wieder Reden, Gelächter. Ein elegantes Album mitten im Fluss. Eingängig, tief. Dazu der Wunsch, dass es nie endete, und eine Frage: Was ist Wasser?


 

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