Moderne Himmelsboten

Drohnen versorgen in Ruanda Krankenhäuser mit Blutkonserven
Drohne
Fotos: Jörg Böthling

Ob Blutkonserven rechtzeitig eintreffen oder nicht, kann eine Frage des Überlebens sein. In Ruanda legen Drohnen Strecken in kürzester Zeit zurück, die früher Stunden oder Tage in Anspruch genommen haben. Ein Besuch an der Startrampe und bei einer Klinik, in der die Luftfracht ankommt.

Gerade ist das Signal aus dem Funkturm gekommen: Der Himmel ist frei. Kein Helikopter, kein Flugzeug. Also kein Zusammenstoß, mit dem zu rechnen ist. Michel, konzentrierte Augen hinter schwarzer Brille, wirft einen letzten Blick auf den Monitor. Er zählt die Sekunden rückwärts. Dann startet die Drohne mit einem surrenden Laut in den Himmel. Dreißig Meter pro Sekunde, in Richtung der sanften Wolken, die den Himmel hier im Süden Ruandas durchziehen. Anderswo, etwa in Afghanistan oder im Jemen, sind Drohnen Kriegswaffen. Hier, im ostafrikanischen Ruanda, bringen sie nicht den Tod, sondern Leben: Zwei Ladungen Blutkonserven schickt jedes der kleinen Flugzeuge in den Himmel über dem Bergland. „Die abgelegenste Klinik, die wir von hier aus erreichen, ist 45 Flugminuten entfernt“, sagt Michel. Der Endzwanziger, der die Drohne gerade gestartet hat, hat Pharmazie studiert. Für den jungen Mann ist das, was seit 2016 in seinem Heimatland möglich ist, nichts weniger als ein kleines Wunder.

 

Das Areal, auf dem es sich ereignet, wirkt wie ein Militärstützpunkt. Ein hoher Zaun schirmt die Fläche mit dem kurzgeschnittenen Rasen ab, das Eingangstor ist bewacht. Das ist nichts Ungewöhnliches in einem Land, in dem jeder Supermarkt, jede Bank, jedes Einkaufszentrum Sicherheitskräfte anstellt. Ungewöhnlich ist etwas anderes: Die jungen Leute, die hier arbeiten, sprechen fließend Englisch. Keine Selbstverständlichkeit in Ruanda, wo seit der Kolonialzeit Französisch Amtssprache ist. Doch der Wandel ist spürbar: Ruanda, das Wirtschaftswunderland Afrikas, will dahin, wo die Zukunft liegt, so schnell wie möglich. Ruanda ist so groß wie Rheinland-Pfalz, hat aber eine dreimal so große Bevölkerungszahl. Alles ballt sich in der Hauptstadt Kigali mit ihren Wolkenkratzern.

Hier im Süden liegt die zweitgrößte Stadt Butare, eine Universitätsstadt mit gemächlicherem Tempo als in der Politik- und Wirtschaftsmetropole Kigali. Doch die Blutkonserven, die Michel in den Himmel schickt, sind für die Menschen bestimmt, die nicht in den Städten leben. Nicht umsonst heißt Ruanda „Land der 1 000 Hügel“. „Früher hätte es Stunden oder Tage gedauert, bis das Blut den Ort erreicht, an dem es gebraucht wird“, sagt Michel. „Jetzt ist es nur noch eine Frage von Minuten.“

 

Gerade ist eine neue Bestellung aus einer Klinik eingegangen. Michel nimmt das Paket aus dem auf dem Gelände gelegenen Labor entgegen. Seine Kollegen lagern dort Blut und Medikamente in deckenhohen Kühlschränken, kontrollieren die Bestände und bestellen, wenn etwas fehlt, aus der zentralen Blutbank in der Hauptstadt Kigali. Michel prüft nochmals den Inhalt des Pakets, dann setzt er den Rumpf der Drohne auf die Rampe auf. Ein Kollege bringt die Flügel, überprüft sie per Handy-App und QR-Code auf Funktionstüchtigkeit und setzt dann die Batterie ein, die die GPS-Einheit enthält, über die der Bestimmungsort der Drohne festgelegt wird. Ein letzter Blick auf die Monitore. Gleich wird die Drohne in den Himmel starten.

Kraftakt vollbracht

Im Warteraum der etwa dreißig Kilometer entfernt gelegenen Klinik von Gikonko finden sich die Gesichter des weniger erfolgreichen Ruandas: Alte und Junge, Greise mit Krückstöcken, die Kilometer hierher zurückgelegt haben, zu Fuß. Ein paar Meter weiter sitzen junge Männer, eigentlich noch Jungen, auf einer schmalen Holzbank und warten. Unsichere Gesichter, einer spielt auf einem Handy mit zerborstenem Display, zwei tuscheln miteinander. „Aufklärung über Hygiene“, sagt Uta Düll und setzt ihren Weg zur Geburtsstation fort. Die promovierte Klinikchefin und Angehörige des missionsbenediktinischen Instituts St. Bonifatius kennt die Realitäten in dieser abgelegenen Hügellandschaft im Süden Ruandas.

 

1974 wurde die Klinik gegründet als Anlaufstelle für die medizinisch unterversorgte Bevölkerung. Zwanzig Jahre später, im Horror des Genozids, wurde das Krankenhaus komplett verwüstet. Aber im Jahr darauf fand sich Geld und auch der Mut zum Wiederaufbau. Uta Düll kam mit drei Ordensfrauen hierher und blieb: „Es gab nichts. Alles war zerstört. Wir haben überall um Hilfe gebeten, haben Dinge wie einen Dampfkochtopf erfragt, um zumindest unser medizinisches Werkzeug desinfizieren zu können“, erinnert sich die Chirurgin. Die Not in der Bevölkerung war enorm.

Das Land, das etwa eine Million Menschen im Völkermord verloren hat, hat einen Kraftakt vollbracht, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen und seinen Weg in die Zukunft zu finden. „Ruanda ist wie kein anderes afrikanisches Land ein Land der Visionen“, sagt die Ärztin. „Aber nicht alle kommen bei dem Tempo mit.“ Vieles sei vorangekommen, was anderswo noch im Argen liegt: die Stromversorgung, der Wille, der gesamten Bevölkerung Schulbildung zugänglich zu machen, die „mutuelle“, also die Krankenversicherung für alle. Aber die Visionen werden nicht überall Realität.

Lebensrettende Operationen

Zweihundert Patienten pro Tag nimmt Uta Düll während der Woche auf, aus einem Einzugsgebiet von 15 Kilometern Hügel- und Berglandschaft, die für die meisten hier einen beschwerlichen Weg bedeuten. So schön die Natur des ostafrikanischen Landes auch ist, so schwierig sind die Bedingungen, wenn es darum geht, schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen. „In dreißig Minuten kommt die Drohne“, sagt Düll mit Blick auf ihr Handy, Zipline hat ihre Anfrage per WhatsApp bestätigt. Bei den Kindern, die sich auf dem Klinikgelände herumtreiben, ist die Ankunft der Drohne ein beliebtes Spektakel. Heute beauftragt Uta Düll einen zehnjährigen Jungen damit, das Paket vom Zielort zu holen.

 

Exakt zum angegebenen Zeitpunkt hört man ein Surren im Himmel, und das kleine Flugzeug wird sichtbar. Es verlangsamt sich und kreist und wirft das Paket ab, das, von einem kleinen Fallschirm getragen, zu Boden segelt. Der Junge rennt los, hebt es auf und trägt es voller Stolz auf der Schulter zur Klinikchefin.

Was er da trägt, wird für ein Neugeborenes lebensrettend sein. Die Chirurgin nimmt in der Klinik von Gikonko Operationen vor, die nur an wenigen Hospitälern in Ruanda gemacht werden: Hydrozephalus, also „Wasserkopf“. Achtzig bis hundert der schwierigen Eingriffe werden jährlich in der kleinen Klinik durchgeführt. Die Kosten von eintausend Euro pro Operation kann die Ärztin nur decken, weil ihr ein medizintechnisches Unternehmen aus Potsdam die teuren Hilfsmittel (Shunts) kostenlos zur Verfügung stellt. Das erlaubt ihr, den Eltern von Kindern, die mit dieser Einschränkung geboren werden, in diesem Teil der Welt Hoffnung zu schenken. Eines bis drei von eintausend Kindern kommt in Ruanda mit der lebensbedrohlichen Einschränkung zur Welt.

 

„Im vergangenen Jahr haben wir Schul-uniformen an Kinder verteilt. In der Warteschlange stand einer meiner früheren Hydrozephalus-Patienten. Das hat mich unglaublich gefreut“, sagt die Ärztin. Die Chancen eines Kindes, ein weitgehend normales Leben zu führen, sind auch nach einer erfolgreichen Operation kaum einzuschätzen. Aber es gibt eben immer wieder Fälle wie diesen. Uta Düll weiß, dass die Belastungen für die Familien an sich schon enorm sind – soweit man überhaupt von Familien sprechen kann: „Nur ein Drittel der werdenden Mütter, die hierher kommen, sind verheiratet, ein weiteres Drittel lebt immerhin in einer halbwegs geordneten Partnerschaft“, sagt sie. Die 22-jährige Aldine gehört zur dritten Gruppe, also zu den jungen Frauen, die allein nach Gikonko zur Entbindung kommen. Sie hält ihren kleinen Sohn im Arm, dem sie den Namen Umuhoza, also Tröster, gegeben hat. In ein paar Tagen wird er operiert, Hydrozephalus. „Er hat gute Aussichten“, sagt die Ärztin und meint damit: erst einmal die Operation zu überstehen. Alles Weitere wird man sehen müssen.

Ein Bett weiter liegt die junge Alberine, ihr erstes Kind im Arm, ein kleines Mädchen. Die Kleine hat den Eingriff gut hinter sich gebracht, die beiden dürfen in ein paar Tagen nach Hause gehen. Auch im Fall von Albertine ist kein Vater da, der die Mitverantwortung für sein Kind übernimmt.

 

Dass das Leben zu Hause für viele nicht einfach ist, sieht man an einem Vorraum der Klinik: Decken sind auf dem Boden ausgebreitet, jeder Zentimeter ist besetzt von Müttern mit Babys und Kleinkindern. Auch einzelne größere Kinder sind da, Vier- bis Sechsjährige. Ihre Mütter haben sie aus den Dörfern hergeschickt. Sie wissen, in der Klinik von Gikonko wird Milch verteilt für die Kleinsten. Sicherlich wird auch für die Größeren etwas übrig bleiben, denn aus der Klinik von Gikonko wird kein Kind so leicht hungrig weggeschickt.  

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Jörg Böthling

Jörg Böthling begann 1985 als Seemann auf Fahrten nach Afrika und Asien zu fotografieren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg und arbeitet als Freelancer. 


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