Sie findet's geil

Foto: Rolf Zöllner

Ich weiß nur wenig über meine serbische Nachbarin – und das meiste davon ist sehr zwiespältig. Ich kenne ihren Namen nicht, habe nie nachgeschaut an ihrem Klingelknopf. Dass sie Serbin ist, habe ich nur gehört, aber das ist wirklich kein Problem, denn wir sind doch alle nur Gottes Kinder, wo immer wir geboren sind. Ich glaube, ich habe sie einmal kurz gesehen, im Nachbarhaus hing sie am Fenster und schaute in den Hof hinab, den wir uns mit dem Nachbarhaus teilen, nur eine kleine Mauer ist zwischen den beiden Häusern.

Und hier beginnt das Problem mit meiner Nachbarin, denn der gemeinsame Hof ist ein wunderbarer Schallverstärker. Wer bei offenem Fenster in seiner Wohnung rumschreit, und das passiert ab und zu in Berlin, dessen Stimme schallt irgendwie
verstärkt durch den Hof . Diese Schallverstärkung, die meiner serbischen Nachbarin nach wohl zwei Jahren des Wohnens an diesem Hof nicht verborgen geblieben sein dürfte, scheint sie reizvoll zu finden. Denn sie mag Lautstärke, offensichtlich.

Das wurde im letzten Sommer überdeutlich, als sie sich eine ganze Nacht lang bei offenem Fenster hörbar einer sehr intensiven Zweiererfahrung hingab. Ihr Erlebnis dabei war offensichtlich so beglückend und anhaltend, dass wir trotz großer Hitze nach einer Weile die Fenster unseres Schlafzimmers endlich schlossen, um noch einigermaßen ruhig schlafen zu können. Seitdem hat die Serbin bei einer befreundeten Nachbarin nur noch den Spitznamen „Pornoserbin“.

Auch das würde mich nicht weiter belasten, wenn sie nur dabei das Fenster zumachen würde – aber das findet sie offenbar nicht so geil. Eindeutig lästiger ist die Liebe meiner serbischen Nachbarin zum Gesang, zum lauten und nächtlichen Gesang natürlich. Vor etwa anderthalb Jahren war es eines Abends und Nachts so weit. Sie hatte ein paar Gäste geladen, mit einer Freundin schmetterte sie Balladen, die wohl als serbisches Liedgut durchgehen können, bis zum frühen Morgen bei
offenem Fenster durch die Nacht. Durch unseren gemeinsamen Hof schallte alles herrlich laut und klar hin und her. Dann kamen auch noch internationale Evergreens wie „Hotel California“ dazu, bei denen man als halbwegs gebildeter Mitteleuropäer leider beurteilen kann, ob das nun gut oder schlecht
gesungen ist, und allein diese unfreiwillige Urteilsfindung stört den Schlaf ganz ungemein. Es war schrecklich!

Nun rummsen ab und zu auch unsere Nachbarsjugendlichen bei Parties nächtens mit ihren Bässen durch den Hof, das gehört in dem Alter dazu und sollte man alle paar Wochen auch ertragen. Neulich aber wurde es mir mit unserer serbischen Nachbarin dann doch zu bunt: Anfang Januar, mitten im Winter, sang sie wieder vor Gästen und bei offenem Fenster die Nacht hindurch. Um den Schlaf geraubt, überlegte ich kurz, wie der Oberspießer, dieses Mal die Polizei zu rufen, obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, das nie zu tun, weil man das ja in Berlin und erst recht in Kreuzberg doch nicht macht. Ich ließ es bleiben, auch, um noch in den Spiegel schauen zu können. Aber ein Fan serbischer Volkslieder werde ich in diesem Leben garantiert nicht mehr. 

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