Wohlstand durch Klimaschutz

Über die Herausforderungen und Chancen der Klimakrise
Cornelia Füllkrug-Weitzel im Gespräch mit Jamama Siddappa
Foto: zeitenspiegel/Brot für die Welt
Die Autorin, Cornelia Füllkrug-Weitzel, im Gespräch mit Jamama Siddappa, der Besitzerin einer Biogas-Anlage. Im Hintergrund ist neben dem neuen zweiflammigen Gasherd die ehemalige verrußte Kochstelle zu sehen.

Um die Bedrohungen des Klimawandels abzuwenden, muss das sinkende Boot der Erde in eine rettende Arche verwandelt werden, fordert Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie-Katastrophenhilfe. Sie beschreibt, was dafür getan werden muss.

Die Klimakrise ist zur spürbar bedrohlichen Realität geworden. Weltweit brennen Wälder in nie gekanntem Ausmaß: von Brandenburg über Sibirien, Florida bis Amazonien und nicht zuletzt in Australien. Dort drohen die Brände – während ich dies schreibe – in geradezu apokalyptischer Weise das Land „aufzufressen“.

Wir begreifen außerdem langsam, dass der Preis des Klimawandels sich in jedem Monat, in dem wir nichts tun, exponentiell erhöht. Schon jetzt verursacht er jährlich mehrere Milliarden an Schäden und Verlusten weltweit – mit immer schneller steigender Tendenz. Bisher konnten wir die Kosten des Nichtstuns noch verdrängen, weil wir sie in Zeit und Raum abgeschoben haben auf die nächste Generation und auf die armen Länder im Süden. Die zahlen die Zeche, damit wir unseren Lebensstil nicht ändern mussten und unsere Wirtschaft weiter boomen konnte. Aber dank der Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung fällt diese Verdrängung in die Zukunft jetzt nicht mehr ganz so leicht. Die Stimme der massiv vom Klimawandel betroffenen Länder im Süden ist hingegen immer noch zu schwach. Ihre Forderungen nach ambitionierterem Klimaschutz und nach internationaler Unterstützung für Klimaanpassung und nach Kompensation für die schon eingetretenen und irreparablen Schäden und Verluste finden auf den internationalen Klimakonferenzen keine angemessene Resonanz. Als Präsidentin von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe erlebe ich schon seit Jahren, wie die Zunahme und Heftigkeit von Wetterextremen ebenso wie stetige klimatische Veränderungen in Folge der menschgemachten Erwärmung immer weiter die Erfolge der Entwicklungsarbeit von Jahrzehnten untergraben. Mittlerweile schätzen auch Weltbank und UN-Organisationen den Klimawandel –
neben kriegerischer Gewalt – als eines der beiden größten Armutsrisiken ein. Die Weltgemeinschaft einigte sich 2015 auf globale nachhaltige Entwicklungsziele (SDG) und arbeitet eifrig an Plänen, wie bis 2030 Hunger und Armut ausgerottet werden können. Gleichzeitig wachsen die durch den Klimawandel ausgelösten Schadensausmaße und untergraben die Erfolge dieser Bemühungen, schon bevor sie begonnen wurden: Mittlerweile werden die Schäden und Verluste bis zum Jahr 2030 auf 580 Milliarden US-Dollar geschätzt – und sie werden nach wie vor zum allergrößten Teil die bitterarmen Länder und Bevölkerungsgruppen treffen.

Wir schauen seit drei Jahren förmlich zu, wie von Jahr zu Jahr die Häufung von klimabedingten Missernten die Geißel des Hungers wieder erstarken lässt. Dieses Jahr schon zum dritten Mal ist die Zahl der Hungernden um zwei Millionen gestiegen. Abermillionen Menschen zusätzlich werden jährlich neu abhängig von Nahrungsmittelhilfe, wie zum Beispiel am Horn von Afrika. Dass dort Ende 2019 fast drei Millionen Menschen auf der Flucht vor schweren Überschwemmungen waren, darunter allein im Süd-Sudan 200 000 Kinder, ist nicht nur eine humanitäre Katastrophe und eine riesige Herausforderung für Nothilfe-Organisationen wie die Diakonie Katastrophenhilfe.

Es ist zugleich auch eine fundamentale Gerechtigkeitsfrage, wenn milliardenschwere Klimaschäden, die sie selbst nicht verursacht und von denen sie nicht profitiert haben, Abermillionen Menschen (wieder und auf längere Zeit) in tiefste Not stürzen, Existenzen vernichten, ihnen Heimat rauben und sie in die Flucht treiben. Ob Äthiopien, Bangladesch, Mosambik oder eben der Süd-Sudan: Es wird immer deutlicher, dass die Klimakrise jahrzehntelange, mühsam erkämpfte Entwicklungsfortschritte zunichtemacht; dass sie alljährlich zehn – wenn nicht hunderttausende Menschenleben kostet, massenhaft neue Armut schafft, Konflikte anheizt und Menschenrechte unterminiert. Schmelzende Gletscher gefährden dauerhaft die Wasserversorgung in weiten Teilen Lateinamerikas und Asiens und führen zugleich zum Anstieg der Meere. Wussten Sie, dass ein Meeresspiegelanstieg von nur einem Zentimeter durchschnittlich sechs Millionen Menschen mit Überflutung bedroht? Und dass in den nächsten dreißig Jahren der Meeresspiegel um mindestens 30 Zentimeter steigen wird? Allein das würde weitere 180 Millionen Menschen gefährden!

Klimaresilienz als Aufgabe

Eine Entwicklungsorganisation wie Brot für die Welt steht vor riesigen Herausforderungen und Fragen: Sie muss Budgets für Klimaanpassung und Klimaschutz freimachen, die eigentlich für echte Entwicklungsprojekte gedacht werden, die die Menschen voran bringen. Sie muss gemeinsam mit den Partnern Klimarisiken bewerten und sie dabei unterstützen, nicht nur die Klimaschäden von heute zu bewältigen, sondern sich auch auf die weitaus harscher werdenden Bedingungen von morgen einzustellen, statt mit ihnen Fortschritte zu planen. Ging es in den vergangenen Jahren noch um schrittweise Klimaanpassung, werden wir im neuen Jahrzehnt mit den Partnern lernen müssen, Klimaresilienz – das heißt die systemische Widerstandsfähigkeit gegen wachsende Klimarisiken und  Überlebensfähigkeit bei wachsenden Klimaschäden – weitaus größer und transformativer zu denken. Anderenfalls, so zeigen uns die klimawissenschaftlichen Analysen, drohen die Entwicklungszusammenarbeit sowie die humanitäre Hilfe von den Folgen des Klimawandels vollständig überrollt zu werden. Die Ziele nachhaltiger Entwicklung, die allen Menschen bis 2030 ein Leben in Würde ermöglichen sollen, blieben dann nicht nur auf Dauer unerreicht.

Man wird dann vielmehr irgendwann sinnvoller Weise in den vom Klimawandel besonders betroffenen Regionen gar nicht mehr von „Entwicklungs“-Zusammenarbeit sprechen können, weil es für immer mehr Menschen dort nur noch um humanitäre Hilfe, um Überlebenssicherung gehen wird und nicht mehr um eine Verbesserung ihrer Lage. Wir schreiben die Zukunftsperspektiven von Menschen in vielen Regionen des Südens auf Dauer ab, wenn wir – wie es etwa der Minis-terpräsident Australiens möchte – so weitermachen.Wer jetzt denkt, es werde schon nicht so schlimm kommen, dem sei erwidert, dass die Klimakrise, die wir heute erleben, weitaus schneller und massiver voranschreitet als noch vor zwanzig Jahren prognostiziert. Die Prognosen der Klimawissenschaften sind bislang immer zu konservativ gewesen und wurden stets von der Realität eingeholt oder überholt.

Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass die Klimakrise zu einer globalen Herausforderung geworden ist, der wir jetzt entschieden, schnell und gemeinsam begegnen müssen. Klima geht uns alle an! Es gibt keine Rechtfertigung, weiter abzuwarten, denn die Risiken werden uns sonst sehr rasch über den Kopf wachsen und überfordern.

Um die beschriebenen Bedrohungen abzuwenden, muss das sinkende Boot unserer Erde in eine rettende Arche verwandelt werden. Dafür müssen wir die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius begrenzen, wofür uns nach allen seriösen wissenschaftlichen Analysen zehn Jahre bleiben. Lassen wir auch dieses Jahrzehnt mit halbherzigem Klimaschutz verstreichen, ist der noch verbleibende Speicher für Kohlendioxid in der Atmosphäre aufgebraucht. Dann wird die Erwärmung über 1,5 Grad Celsius hinaussteigen ohne Chance, wieder unter diese kritische Grenze zurückzukehren. Konkret heißt das, dass wir die globalen Emissionen in nur zehn Jahren nahezu halbieren müssen. Ein solcher „Green New Deal“ ist möglich. Er birgt durchaus auch große Chancen auf Wohlfahrts- und Wohlstandsgewinne –
die müssen gesucht, der Bevölkerung deutlich gemacht und gemeinsam mit ihr ergriffen werden.

Ebenso müssen wir endlich bezüglich der Kosten ehrlich werden: Die Öffentlichkeit muss endlich erfahren, was die Schäden an Forsten, Landwirtschaft, Infrastruktur und die Verluste etwa der Binnen-Schifffahrt des vergangenen Jahres die Steuerzahler eigentlich gekostet haben. Die Schadenssummen selbst im eigenen Land übersteigen auf Dauer bei Weitem die öffentlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen, die nötig sind, um dem Klimawandel entgegenzutreten. Es ist an der Zeit, den absichtsvoll irreführenden Narrativ, dass Klimaschutz ärmer macht, mehr Arbeitslosigkeit und weniger wirtschaftliche Prosperität bedeutet, zu beenden. Das Gegenteil ist der Fall: Ein ungebremster Klimawandel zerstört die wirtschaftlichen Grundlagen und den sozialen Zusammenhalt auch in unserem Land!

Die ökologische Transformation, die wir jetzt massiv vorantreiben müssen, kann nur gelingen, wenn sie die Menschen mitnimmt und sozial gerecht ist. Dabei gilt: Keiner kann und keiner muss den Kampf gegen den Klimawandel alleine führen. Wir müssen unser Wissen, unsere Energie und unsere Kreativität in Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bündeln und neue Allianzen bilden. Das geht nicht „ohne einen jeden von uns“, um Worte des bekannten evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer zur Eröffnung der ersten Spendenaktion von Brot für die Welt am 12. Dezember 1959 zu benutzen.

Gollwitzer rief seinerzeit auf zu einer „Aufrüttelung, ein Herausgerüttelt werden aus der Trägheit des Herzens, aus jener törichten, kurzsichtigen und verantwortungslosen Trägheit, mit der wir genießen, was wir haben, ohne zu fragen, wie es um uns her aussieht.“ Sein Aufruf gegen den Hunger lässt sich auch als Aufruf gegen den Klimawandel lesen.

Lebensstil und Klimawandel gehören eng zusammen. Es gibt vieles, was wir tun können: Es ist kein großer Schritt für jeden Einzelnen von uns, aber ein großer Schritt für unser Land und die Welt, wenn wir alle unsere Elektrizitätsversorgung mit einem einfachen Wechsel des Stromanbieters auf erneuerbare Energien umstellen. Wenn wir mehr der vielen kurzen Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad und mehr Strecken mit dem Zug zurücklegen, verbessern wir nicht nur unsere Klimabilanz. Wir gewinnen auch an Lebensqualität und fördern noch dazu unsere Gesundheit. Fleisch auf dem Teller war in Deutschland vor nicht allzu langer Zeit ein Luxusprodukt und ist das noch heute für große Teile der Weltbevölkerung. Niemand hindert uns daran, zur guten alten Tradition des Sonntagsbratens zurückzukehren und den Rest der Woche vegetarisch zu leben. Indem wir uns die „Freiheit zur Begrenzung“ nehmen, wie es der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm formuliert, schaffen wir durch bewussten Verzicht ein Mehr und nicht etwa ein Weniger an Lebensqualität. Wehren wir uns gegen den „Verbots-Narrativ“, der uns in großer Verkennung des christlichen Freiheitsverständnisses aufgedrückt wird! Daneben bedarf es eines tiefgreifenden Wandels von oben, das heißt in Politik und Wirtschaft. Deutschland hat seit der Ausrufung von Klimakanzlerin und Energiewende ein sehr positives Image als Vorbild des Kampfes gegen den Klimawandel. Viele politische Hoffnungen weltweit richten sich trotz mancher Enttäuschungen noch immer auf unser Land. Und es macht einen sehr großen Unterschied, ob Deutschland international ein Vorbild und damit Zugpferd für Ambitionen ist und bleibt.

Es geht nicht darum, ob unsere eingesparten Emissionen im globalen Klimaschutz eine Riesendifferenz machen. Es geht darum, welche Erzählung von ambitionierter Klimaschutzpolitik unseres global politisch so einflussreichen Landes ausgeht. Es ist darum Zeit, den Politikern zuzurufen: „Walk the talk!“ Entschlossenheit und Wahrhaftigkeit in Sachen Klimaschutz müssen Kommunikation und Handeln von Politikern auszeichnen, die unser Land und unsere Welt in die Zukunft führen wollen.

Die Klimakrise stellt uns als Christen vor ethische Fragen, die an die Grundfes-ten unseres Glaubens rühren – umso mehr, wenn wir die Gerechtigkeitsdimension des Themas erkennen. Jesus weist in seiner Rede über das Endgericht (Matthäus 25,31 ff.) darauf hin, dass Gott uns und unseren Glauben an ihn daran messen wird, was wir für die Ärmsten tun.

Im Moment drücken wir die Ärmsten weltweit durch zu zögerliches Handeln im Klimaschutz immer tiefer in die Armut, aus der sie sich kaum noch erheben werden können, es sei denn durch Migration. Klimaschutz ist für Christenmenschen deshalb nicht weniger als eine Glaubenssache. Viele Einzelne und Gemeinden und Kirchen haben das erkannt und sich auf den Weg gemacht. Möge dies Ermutigung und Ansporn sein!

 

Literatur

Cornelia Füllkrug-Weitzel (Hg.): Klima geht uns alle an. Gedanken zur Lage der Schöpfung. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2019, 238 Seiten, Euro 15,– .

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