Interdisziplinär

Erste Ethik der Adoption

Mit viertausend Kindern, die pro Jahr in Deutschland adoptiert werden, sind die Fallzahlen relativ gering. Zugleich ist das öffentliche Interesse an dem Phänomen Adoption bemerkenswert. Henning Theißen, außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Greifswald, kommt das Verdienst zu, mit seiner Ethik der Adoption die erste wissenschaftliche Gesamtstudie zu dieser Thematik vorgelegt zu haben.

In einem ersten, fundamentalethischen Teil ordnet Theißen das Thema Adoption in die konkreten gesellschaftlichen Praxisfelder der Familienethik ein. Die Spannung zwischen Kindeswohl und Kinderwunsch lotet er einerseits bedürfnisethisch am Kind orientiert und andererseits befähigungsethisch an den annehmenden Eltern orientiert aus. Zentral sei dabei die „Offenheit für die Herkunft des Kindes“. So gehe es bei Adoptionen nicht darum, dass sich annehmende Eltern ein Kind aussuchten, um sich ihren eigenen Familienwunsch zu erfüllen. Vielmehr wählt die vermittelnde Stelle ein spezifisches Kind für die Adoptiveltern aus. Der Befähigung zur unbedingten Offenheit für das individuelle Narrativ des Kindes dient es, so Theißen, wenn Adoptionen möglichst offen gestaltet werden, durch systemische Narrationen lebensbegleitend Adoptionsaufklärung geschieht und, vor allem in der Adoleszenz, die Wurzelsuche des adoptierten Kindes unterstützt wird.

Der Autor spannt dabei einen weiten Bogen, der nicht nur die Adoption im Orientierungsraum Familie verortet, sondern sich zugleich anderen Varianten gespaltener Elternschaft widmet, darunter der donogenen Insemination, der Eizellspende und Leihmutterschaft sowie der Embryonenadoption.

Während diese Studie konsequent das interdisziplinäre Gespräch sucht, kommt das theologische Anliegen des Autors vor allem dort zum Tragen, wo er nach dem tieferen Sinn der Adoption fragt. Diesen gründet er – im Blick auf Adoptiv- wie auf leibliche Elternschaft – theologisch im Gedanken der vorbehaltlosen Annahme. „Der christliche Glaube befähigt Eltern zu vorbehaltloser Annahme ihres Kindes, weil sie sich in diesem Glauben selbst in gleicher Weise von Gott angenommen wissen können.“

Der zweite Teil bewegt sich innerhalb des „Adoptionsdreiecks“ von Adoptivkind, abgebenden und annehmenden Eltern. Die im deutschen Adoptionssystem wichtigen vierten Akteure, die Vermittlungsstellen, wurden bereits im ersten Teil diskutiert. Besonders hervorzuheben ist, dass Theißen die Perspektive abgebender Eltern, die in der Adoptionsdiskussion nicht selten aus dem Blick gerät, miteinbezieht. Dass er dabei die „ethische Bedeutsamkeit der leiblichen Väter“ explizit würdigt, zeigt exemplarisch die Differenziertheit dieser Studie.

Dabei plädiert Theißen dafür, diese an der Verantwortung zu bemessen, die der Vater für das Kind vor dessen Abgabe wahrgenommen hat.

Widerspruch erwartet der Autor hinsichtlich seiner Forderung, dass sich die annehmenden Eltern mindestens bis zum Adoptionsbeschluss das Alleinverdiener-Modell zu eigen machen, also die Aufgaben anhand eines verdienenden und eines erziehenden Elternteils verteilen. Die hier angesprochene grundsätzliche Problematik einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die insbesondere berufstätige Mütter betrifft, gewinnt durch die besonderen (Bindungs-)Bedürfnisse eines Adoptivkindes neue Virulenz. Theißens Bemühungen, die Wahrnehmung von „Familie als Beruf“ für den oftmals empfundenen Gegensatz von Familie und Beruf fruchtbar zu machen, sind zu würdigen, doch stellt sich die Frage, warum er nicht auch flexiblere Modelle wie zum Beispiel eine Arbeitsteilung der außer- wie auch innerhäuslichen Arbeit zulässt.

Auch wenn man nicht mit jeder von Theißens Forderung und Schlussfolgerung übereinstimmen mag, ist sein Buch nicht zuletzt durch seine umfassende und differenzierte Darstellung und durch die persönliche Authentizität des Autors eine unverzichtbare Lektüre für all diejenigen, die sich mit dem Thema Adoption näher beschäftigen wollen.

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