Differenziert

Zukunft der Kirche

Seit dem rasanten Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ ist Ostdeutschland wieder in den Blickpunkt der politischen Aufmerksamkeit gerückt. Der Jubel der Wendejahre, dass nun „zusammenwächst, was zusammengehört“, scheint ebenso wie die Hoffnung auf „blühende Landschaften“ einem Gefühl der Skepsis, der Enttäuschung, ja, der Entfremdung gewichen zu sein.

Für die Kirche gilt das nicht viel weniger: Sobald es um düstere Zukunftsaussichten geht, um Traditionsabbruch, Mitgliederverlust und Strukturrückbau, lässt der Hinweis auf die neuen Bundesländer nicht lange auf sich warten; genauso wie Mitgefühl und Schulterklopfen, sobald jemand erzählt, dort als Pfarrer oder Pfarrerin – vielleicht sogar noch in ländlichen Gemeinden – tätig zu sein. Klischees und Pauschalisierungen, so scheint es, prägen derzeit die Debatte. Umso mehr ist hervorzuheben, dass Kerstin Menzel in ihrem Buch Kleine Zahlen, weiter Raum solchen Klischees entschlossen entgegentritt und durch einen differenzierten Blick ersetzt.

Das Buch geht zurück auf eine Doktorarbeit, die Kerstin Menzel in Marburg bei Ulrike Wagner-Rau angefertigt hat. Nach einer knappen Einführung schreitet die Verfasserin zunächst den historisch-soziologischen Horizont ihres Themas ab: Sie beleuchtet die geschichtlichen Entwicklungen von Kirche und Pfarrberuf in Ostdeutschland; sie analysiert die gegenwärtigen Mitgliedschaftsverhältnisse und die Stellung der Kirchen in der Öffentlichkeit; und sie beschreibt die große Vielfalt ländlicher Räume mit ihren je eigenen Chancen und Herausforderungen. Schon dieser erste, historisch-soziologische Teil lohnt die Lektüre. Denn einen vergleichbaren Überblick über Kirche und Pfarrberuf in ländlichen Räumen Ostdeutschlands suchte man bislang vergeblich.

Zudem bettet die Verfasserin damit den zweiten Teil ihrer Untersuchung ein. Er bietet ausführliche Fallstudien zu drei Pfarrerinnen und fünf Pfarrern, die mit ihren unterschiedlichen Situationen und Sichtweisen so anschaulich wie differenziert zu Wort kommen.

Die drei Leitfragen, die die Darstellung gliedern, lauten, erstens: Wie erleben die Pfarrerinnen und Pfarrer die ländlichen Räume als Lebens- und als Arbeitsort? Zwischen Sätzen wie „mitten im Nirgendwo“ und „so ein schönes Ende der Welt“ tun sich vielfältige Schattierungen zwischen „Defizit-“ und „Ressourcenorientierung“ auf. Die zweite Leitfrage knüpft an die titelgebende Wendung der „kleinen Zahlen“ an: Wie erleben die Pfarrerinnen und Pfarrer die weiter zunehmende „Minorisierung“ und ihre Stellung in einer konfessionslosen Mehrheitskultur? Hier ist es vor allem die Spannung von normativer Ziel- und pragmatischer Bedürfnisorientierung, die die Praktische Theologin als Grundmuster herausarbeitet.

Die dritte Frage schließlich nimmt die Metapher des „weiten Raums“ auf und fragt, wie Präsenz vor Ort gestaltet wird, welche Belastungen, welche Schwerpunktsetzungen, aber auch, welche Unterstützungen dabei ins Spiel kommen. Hier präsentiert sie unterschiedliche pastorale Leitbilder, die in den Interviews zum Vorschein kommen, und beleuchtet die Herausforderungen von Verwaltung und Ehrenamt.

Ein Buch, das für einen differenzierten Blick eintritt, lässt sich kaum auf eine einzige Formel oder ein einziges Ergebnis bringen. Ein roter Faden, der sich dennoch durch Kerstin Menzels gut lesbare Studie zieht, ist das Plädoyer, die Einseitigkeiten der gängigen Defizitorientierung zu überwinden. Nicht durch die Illusion „blühender Landschaften“, sondern durch einen differenzierten Blick, der Probleme und Ressourcen gleichermaßen zu würdigen weiß.

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