Schleichwege

Max Goldts Musik komplett

Es gibt es Milieus, in denen aufzuwachsen ziemliches Pech sein kann: 1968 gammlersicher im Kindergarten, 1978 noch nicht rebellisch genug, dafür arglos bei einem Bibelleiter, dem leibhaftig alles Schwarzsynkopierte und besonders Blues Gottseibeiuns war. Und steckte der nicht in all jenen Plattenrillen, die da gerade begannen, lockend zu sein?

Neben mentaler Befreiung also auch Seelenkampf. Spürbar, aber noch ohne Namen ging es ums Überleben.

Bußkampf lag da schon hinter uns, war endlich fragwürdig, wenn auch längst in jede Faser gefräst. Dass hier von Missbrauch zu reden wäre, wurde später sagbar, als gesundetem Geist, noch blutverschmiert, Selbstbewusstsein entstiegen war. Auf dem Weg dorthin hatte hilfreich Schimmliges Brot gelegen, die Single, der nach Die seltsame Sekretärin und Von Bullerbü nach Babylon dritten Foyer des Arts-Platte Die Unfähigkeit zu frühstücken. Sänger (welch Bariton!) und Texter des Avantgarde Wave/Pop-Duos, das ziemlich Pech mit der Plattenfirma hatte, war Max Goldt: „Ein Wahlkampfplakat/ein Staatsmann von Format/lockt mich, lockt mich, aber nein:/In der Hand hält er leider/ein schimmliges Brot./.../Schimmliges Brot/ verdirbt oft die Freude./Schimmliges Brot/schmälert das Vergnügen/Schimmliges Brot/ist selten von Vorteil.“

Über Erfolge brauchen wir da nicht zu reden, aber diese unverfrorene Relevanz! Genau beobachten, nie hinnehmen, hinterfragen, woraus bei solchem Ansatz (samt schreibender wie musikalischer Begabung) stets starke Geschichten entstehen.

Denn: Fragen lügen nicht! Gut zu sehen bei denen der AfD, Gottseibeiuns-Vereinigung dieser Tage, die nie wissen wollen, sondern Behauptungen sind, die unterstellen, drohen, nicht zuletzt mit der Sünde wider die Heilige Rasse, die bekanntlich nie vergeben wird. Welch eine Wohltat ist es da, dass Goldt, als herausragender Schriftsteller notorisch, nun auf sechs CDs mit erhellendem Beiheft acht Stunden musikalisches Werk von 1980 bis 2000 vorlegt (chronologisch etwas geschummelt). Das reicht von den Wave-Ausfallschritten mit Foyer des Arts über kunstliedhafte Expeditionen mit Nuuk (Drum’n’Bass inklusive) und technobasierte Kurz-Hörspiele (Solo) bis zu schimmernd versammelten Durcheinander-Aufnahmen.

131 Stücke, 65 noch nie auf CD, 29 bisher unveröffentlicht. Mehr dürfen wir nicht wollen. Denn wo Augenzwinkern auch Schafott ist (aber stets mild und liebevoll – nie auf den Wirbel!), bedient uns Goldt als Humanist von hohem Format kreativ zersetzend mit Anteilnahme und Selbstbewusstsein, ehrlichem Fragen - und aufrechter Melancholie wie im Über-Titel Könnten Bienen fliegen (herrschte Pracht in jedem Garten). Dass er auch Schleichwege zum Christentum aufzeigt, sei nur am Rande erwähnt. Heilsame Irritation ist jedenfalls gewiss, versprochen. Hören, staunen, genießen. Goldkante. Dieses Boxset kann Leben retten, auch in der smartphone-blinden jüngsten Generation.

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