Chorträume

Clytus Gottwalds Mahler

Es gibt Momente im Leben eines Chorsängers, die unvergesslich bleiben. Ein solcher Moment ereignete sich am Anfang dieses Jahrhunderts, als der Skribent dieser Zeilen erstmals Gustav Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ in der 16-stimmigen Chor-Transkription von Clytus Gottwald singen durfte. Seitdem kam es ein paar Mal erneut dazu, und jedes Mal zündete der besondere Zauber.

Transkription meint hier genau das, was es sagt, nämlich die (zumindest bedingt) notengetreue Überschreibung eines Werkes von einem Instrumentalsatz oder einer Solostimme mit Klavier- oder Orchesterbegleitung in einen unbegleiteten Chorsatz.

Eine Technik, die es natürlich auch schon in früheren Jahrhunderten gab (vergleiche „Beethoven für Chor“ in zz 12/2019), die aber Clytus Gottwald in den vergangenen Jahrzehnten zur großen Meisterschaft geführt hat. Die vorliegende CD versammelt neun solche Übertragungen aus Werken von Gustav Mahler mit dreien aus Klavierliedern seiner fast zwanzig Jahre jüngeren Ehefrau Alma. Diese Werke eröffnen den Ausführenden, aber auch den Hörenden eine neue, wunderweite Welt.

Unter den Werken finden sich sehr bekannte wie „Um Mitternacht“ oder eben „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ auf hochromantische Texte von Friedrich Rückert oder Eichendorffs „Im Abendrot“, weltberühmt geworden als letztes aus „Vier letzte Lieder“ von Richard Strauss. Clytus Gottwald aber entnimmt das musikalische Material für seine Chorfassung dieses Poems dem berühmten Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Sinfonie – geht prima! Gottwald, der in seinem langen Leben – er ist Jahrgang 1925 – als Kirchenmusiker, Forscher und Rundfunkredakteur tätig war, bevorzugt für seine Arbeit diese Art von – man verzeihe den Ausdruck – Edelkitsch allerhöchster Qualität und zaubert daraus neue Chorwelten, über die er selbst völlig zu Recht sagt, es handele sich um „keine Nebenformen des Originals“, „sondern um eine selbstständige Form, um eine Reflektion auf das Original“ und damit um „ästhetisch autonom(e) Kunst“. Wie wahr!

Für die genussvolle Darbietung von Gottwalds Neuschöpfungen braucht es große Gesangskunst. Manch überforsche Laiengruppen könnten da bitter scheitern, nicht aber das famose SWR-Vokalensemble, einer der weltbesten Chöre, das unter den kundigen Händen seines Leiters Marcus Creed wunderbare Klangwelten formt. Und auch wenn es bei einem fast 95-Jährigen vermessen klingen mag, so möchte man „Ad multos annos“ rufen, denn Gottwalds Transkriptionen wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, oder, um es mit Eichendorff zu sagen: „Tritt her und laß sie schwirren,/bald ist es Schlafenszeit./Dass wir uns nicht verirren in dieser Einsamkeit.“

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