Frauen und Kinder zuerst

Jesus war ein Flüchtlingskind. Wer glaubt, das hätte uns nichts zu sagen, hat Weihnachten nicht verstanden.
Foto: privat

In den Tagen vor unserer Heiligen Nacht haben wir das Schicksal der Kinder in den Flüchtlingslagern in Griechenland abgewogen. Ist es schon schlimm genug, dass unser Eingreifen nötig ist? Während wir die Unschuld des lockigen Knaben in der Krippe besingen, wird gegen die Rettung der Kinder „argumentiert“: Wir haben das Leid doch nicht verursacht! Wir haben die Kinder und ihre Eltern nicht vertrieben! Wir haben sie doch nicht in Lager gesteckt! Bloß keine Präzedenzfälle schaffen!

Präzedenzfälle wofür? Barmherzigkeit? Gerechtigkeit? Kinder und Frauen zuerst, heißt es auf sinkenden Schiffen. Wie in jedem Angstschrei steckt in diesem Satz mehr Wahrheit als wir uns - zumal in festlicher Stimmung - zumuten wollen. Es sind die Schutz- und Hilflosen, die Entrechteten, denen die Weihnachtsbotschaft eine Hoffnungsbotschaft ist. Für uns Privilegierte ist sie - richtig gehört – eine Drohung.

Wir brandmarken diese Kinder zu einem Leben im Elend. Hunger, Kälte und Trauma werden nicht vergessen. Das wird sich rächen. Ob durch der Gequälten wohl gerechtfertigte Erhebung oder durch anderen Ratschluss, die Konsequenzen unseres (Nichts-)Tuns werden wir zu tragen haben. Begraben wir das europäische Projekt endgültig, weil wir zu Solidarität nicht mehr fähig sind? Das mag eine Frage für unsere Zeit sein. Sind wir überhaupt noch Willens, dem Unrecht zu wehren? Das ist eine Frage für unsere Ewigkeit.

Wir haben überhaupt kein Recht an Weihnachten. Es ist das Fest der Anderen. Und wir werden unsere Selbsttäuschung darüber noch bitter bereuen. Aller Süßigkeiten und Gänsebraten zum Trotz.

Frauen und Kinder zuerst. Es macht einen Unterschied, ob du Kind oder Erwachsener bist. Immer. Ob unterm Christbaum oder in einem Lager in Griechenland. Freude und Leid zeichnen sich ein, ein Leben lang. Und in der Erinnerung wollen wir ewig dahin zurück oder niemals wieder.  

Frauen und Kinder zuerst. In unserer patriarchalen Tradition ist Weihnachten trotz allen Glitters ein Fest des Widerstands. Weihnachten heißt Stühlerücken. Frauen und Kinder zuerst. Weil die Entrechteten ihr Haupt erheben, weil ihnen Gerechtigkeit zuteilwird. 

Für die heimeligen Stuben bedeutet das Aufruhr. Oder wie es im allerersten Weihnachtslied, nach Lukas gesungen von der Kindfrau Maria heißt: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“

Frohe Weihnachten! Gnade uns Gott.

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