Die große Entfremdung

Die deutsch-russischen Beziehungen sind etwa 1000 Jahre alt – und sie sollten besser sein
Sergei Eisenstein 1938: Ritter des Deutschen Ordens im Kampf mit russischen Rittern unter Fürst Alexander Nevskij.
Foto: akg-images/ Mosfilm
So hat Sergei Eisenstein 1938 eine der ersten blutigen Kontakte zwischen Deutschen und Russen gesehen: Ritter des Deutschen Ordens im Kampf mit russischen Rittern unter Fürst Alexander Nevskij.

Immer wieder waren Russen und Deutsche fasziniert voneinander. Über Jahrhunderte hat man sich aneinander orientiert, im Guten wie im Schlechten. Seit ein paar Jahren aber gibt es einen tiefen Vertrauensverlust, der im Ukrainekonflikt ab 2014 seinen Höhepunkt fand. Ein Plädoyer für wechselseitigen Respekt von Gernot Erler, Staatsminister a. D., Mitglied des Bundestages von 1987 bis 2017 (SPD) und langjähriger Russland-Beauftragter der Bundesregierung.

Es ist etwa 1 000 Jahre her, dass sich Deutsche und Russen erstmals wahrgenommen haben. Ob im Arnolied, in der Nibelungensaga oder bei Hartmut von Aue, die östlichen Nachbarn werden nicht besonders höflich tituliert. Häufige Attribute lauten „wild“, „unehrlich“, „barbarisch“ oder „heidnisch“. Immer wieder prägte ein widersprüchliches Nebeneinander die Beziehungen. Ab dem 13. Jahrhundert mussten sich die Russen gegen die gewaltsame Landnahme des Deutschen Ordens erwehren, wobei der Novgoroder Fürst Alexander Nevskij eine Heldenrolle einnahm. Aber parallel dazu entwickelten sich bis ins 15. Jahrhundert hinein gedeihliche Handelsbeziehungen im Rahmen der Hanse, besonders mit Novgorod und Pskov.

Vom 13. bis zum 15. Jahrhundert beherrschten die Mongolen Russland, was aus westlicher Sicht zu einer Asiatisierung des Landes führte, personifiziert durch den angsteinflößenden Zaren Ivan den Schrecklichen. Aber das hielt im 16. und 17. Jahrhundert nicht deutsche Ärzte, Kaufleute, Ingenieure, Militärfachleute und andere davon ab, zu emigrieren und in russische Dienste zu treten. Im 18. Jahrhundert holte sich Peter der Große deutsche und europäische Fachleute für seine Reformvorhaben, und Katharina die Große warb erfolgreich um deutsche Kolonisten für die Gebiete an der Wolga und am Schwarzen Meer.

Kontinuum des Ambivalenten

Das Ansehen Russlands schnellte durch die Rolle des Befreiers in den Befreiungskriegen gegen Napoleon in die Höhe – um in der nachfolgenden Restaurationszeit gleich wieder abzusinken auf das Bild einer quasiasiatischen Despotie, der das brutale Vorgehen gegen die polnischen und baltischen Minderheiten angelastet wurde. Das wiederum trübte nicht die deutsche und europäische Begeisterung für die russische Literatur eines Fjodor Dostojevskij, Lev Tolstoj oder Ivan Turgenev, mit ihrem kaum zu überschätzenden Einfluss auf das Denken und Dichten eines Friedrich Nietzsche, Thomas Mann oder Rainer Maria Rilke.

Das Kontinuum des Ambivalenten setzt sich auch im 20. Jahrhundert fort. Mit der Oktoberrevolution kam im Westen die Angst auf vor der Weltrevolution und der kommunistischen Ideologie, während parallel dazu die Neugier und Begeisterung vor allem für die Kultur der frühen Sowjetzeit erblühte und viele deutsche Intellektuelle in ihren Bann zog. Die Nazi-Ideologie entwickelte die These vom Russen als Untermenschen asiatischen Typs und wollte damit die abscheulichen Verbrechen des „Unternehmens Barbarossa“ legitimieren, das durch Entvölkerung deutschen Lebensraum im Osten gewinnen wollte.

Gegen diese tödliche Gefahr mobilisierte das Russland Stalins den „Großen Vaterländischen Krieg“, in dem 27 Millionen Todesopfer aus allen Teilen der Sowjetunion zu beklagen waren. Und dann kam etwas, das niemand erwarten konnte: Der teuer erkaufte Triumph über Hitlerdeutschland und über den Faschismus mündete nicht in einem nachhaltigen Deutschenhass. Es war nicht weniger als ein Wunder, dass die Menschen in der verwüsteten Sowjetunion die Bereitschaft zu einem politischen Neuanfang und zu Wiederaufnahme persönlicher Beziehungen zeigten. Es kam der „Kalte Krieg“ mit der deutschen Teilung und mit der Systemgrenze der zwei verfeindeten Blöcke mitten durch Deutschland. Adenauers Westbindung der Bundesrepublik schuf Vertrauen im Westen, die Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr seit den 1970er-Jahren weckte dieses Vertrauen auch im Osten. In der Summe ebnete beides den Weg zur deutschen Vereinigung – mit der tiefen Dankbarkeit gegenüber Michail Gorbatschov, dessen „Ja“ erst den Erfolg der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen von 1990 ermöglichte.

Jelzins „Schocktherapien“

Wenige Monate später löste sich die Sowjetunion auf, im Westen gefeiert als Sieg in der Systemkonkurrenz, in der politischen Klasse der Russischen Föderation als Nachfolgestaat der Sowjetunion überwiegend als Degradierung und politische Katastrophe wahrgenommen. Damit war der Grundstein zu weiterführenden Ambivalenzen gelegt.

Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 hoffte der Westen auf eine „westliche“ Entwicklung der Russischen Föderation. Folgerichtig unterstützte man die Politik von Präsident Boris Jelzin mit seinen „Schocktherapien“ zur Durchsetzung von Demokratie, Privatisierung und Marktwirtschaft. Wenig beachtet wurde dabei, welche negativen Begleiterscheinungen das zu Lasten der Zivilbevölkerung auslöste.

Im Kollektivgedächtnis der Russen verbinden sich die 1990er-Jahre mit Destabilisierung, Chaos, Nichtauszahlung von Gehältern, Löhnen und Renten sowie mit der katastrophalen Rubelkrise von 1998. Es blieb bis heute eine Negativkonnotation von Demokratie und Marktwirtschaft und eine nachhaltige Dankbarkeit gegenüber Wladimir Putin, dessen Präsidentschaft ab dem Jahr 2000 als Wiederherstellung von Recht und Ordnung sowie von sozialer Sicherheit und als Beendigung der chaotischen Zustände und als energisches Einschreiten gegen die Macht der Oligarchen als den Privatisierungsgewinnlern der Jelzin-Zeit erlebt wurde.

Der Westen sah sich selbst als fairer Partner Russlands. Bis 1997 hatte man ein umfassendes Partnerschafts- und Kooperationsabkommen geschlossen, das Handelsvolumen zwischen EU und Moskau erreichte 2013 mit 356 Milliarden Euro einen Rekordwert. Bei der Energieversorgung verließ sich Deutschland sowie die EU bei einem Drittel des Bedarfs auf russische Lieferungen. Jährlich trafen sich beide Seiten zu Deutsch-Russischen Regierungskonsultationen sowie zu EU-Russland-Gipfeltreffen, und es fehlte nicht an europäischen Beschlüssen zur „Strategischen Partnerschaft mit Russland“.

Leider entwickelte sich in Moskau eine völlig andere Sicht auf die Entwicklung der Beziehungen mit dem Westen, bei der die Frustration über den Verlust der Großmachtrolle einen starken Einfluss gewann. Die Weigerung der Vereinigten Staaten, dem neuen russischen Staat „auf gleicher Augenhöhe“ zu begegnen, die Osterweiterung von NATO und EU, die „Farbigen Revolutionen“ als von außen lancierte Regime Changes in Georgien, der Ukraine und in Kirgistan (2003/2004/2005), der Kosovo- und der Irakkrieg gegen russische Proteste und ohne völkerrechtliche Legitimation – das sind die immer wiederkehrenden Gravamina gegen den Westen, der die russische Schwächephase nach 1991 rücksichtslos ausgebeutet habe.

Diese unterschiedliche Sichtweise auf die Entwicklung der Beziehungen markiert einen tiefen Vertrauensverlust und eine tiefe Entfremdung, die im Ukrainekonflikt ab 2014 schließlich ihren Höhepunkt fand. Das EU-Angebot eines Assoziierungsabkommens an die Ukraine, im Westen verstanden als Ersatzangebot für die von Kiew erstrebte baldige, aber unrealistische Aufnahme in die EU, wurde in Moskau als definitiver geopolitischer Zugriff auf Russlands Nachbarland gedeutet, während der Majdanaufstand in Kiew als von Washington gesteuerter Regime Change von unten gegen ein moskaufreundliches Regime verurteilt wurde.

Die russische Antwort auf der Krim und in der Ostukraine ist bekannt. In diesem Kontext treffen wir erneut auf die vertraute deutsch-russische Ambivalenz: Einerseits sieht Moskau in Berlin einen standfesten Befürworter der westlichen Sanktionen gegen Russland, vor dem Hintergrund des Vorwurfs an Russland, mit der Annexion der Krim und mit der Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine massiv gegen die Europäische Friedensordnung verstoßen zu haben. Andererseits spielt Berlin neben Frankreich eine proaktive Rolle in dem Normandie-Format, in dem seit Jahren eine friedliche politische Lösung des Konflikts gesucht wird. Zuletzt gab es, ausgelöst durch die Wahl von Wolodymyr Selenskij zum neuen Präsidenten der Ukraine, Anzeichen für mehr Kompromissbereitschaft beider Seiten in dem Konflikt, in dem schon 13 000 Tote, über 30 000 Verletzte und 2,6 Millionen Flüchtlinge zu beklagen sind. Die Verantwortung Deutschlands, in dieser Situation auf Partnerschaft und erneutes Vertrauen zu setzen, ist groß.

Unheil hat er gebracht, der Ukrainekonflikt: für die betroffenen Menschen, aber auch für die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland. Er hat einen Trend zu mehr Militärausgaben, zu mehr Rüstung, zur Militarisierung und zur Zerstörung von Rüstungskontrolle ausgelöst oder verstärkt. Eine Trendumkehr ist möglich, wenn sie von beiden Seiten gewollt wird. Wichtigste Voraussetzung dafür ist eine politische Lösung des Ukraine-Konflikts, die mit einem verlässlichen Waffenstillstand und einem Rückzug der schweren Waffen beginnen müsste, wie es das Minsk-II-Abkommen vom 12. Februar 2015 vorsieht.

Es gibt gute Signale wie der Gefangenenaustausch vom 9. September 2019 mit je 35 Freigelassenen, einschließlich der 24 ukrainischen Matrosen, die bei dem Zusammenstoß im Asowschen Meer im November 2018 in russische Gefangenschaft geraten waren, und die Freigabe ihrer drei Marineschiffe. Dazu kommt der „Entflechtung“ genannte Rückzug von der Frontlinie in den drei Abschnitten von Stanica Luhanska, Petrivske und Solote sowie die dortige Waffenruhe. Das Zustandekommen des Normandiegipfels am 9. Dezember 2019 gibt ein doppelt positives Signal. Denn nach drei Jahren Sendepause bedeutet das Treffen, dass seine vier Teilnehmer erstmals wieder realistische Chancen für gute und weiterführende Ergebnisse sehen. Und zweitens hat zum Glück der wahrscheinliche russische Auftragsmord vom 23. August 2019 im Berliner Kleinen Tiergarten an einem Georgier, auf den die Bundesregierung mit der Ausweisung zweier russischer Diplomaten reagierte, das Pariser Treffen nicht infrage stellen können. So bleibt die Chance bestehen, dass über das direkte Zusammentreffen der Präsidenten Putin und Selenskij und eine positive Entwicklung im Ukrainekonflikt neues gegenseitiges Vertrauen entstehen könnte.

Bemerkenswert ist, wie entschlossen bis trotzig die Zivilgesellschaften beider Länder in der großen Krise ihre Aktivitäten aufrechterhalten und sogar intensiviert haben. Inzwischen machen 111 deutsch-russische Städtepartnerschaften, 35 Regionalpartnerschaften und 13 Städtefreundschaften ihre Programme. Daneben führen 950 Hochschulpartnerschaften, tausend Schulpartnerschaften und ein Schüleraustausch mit jährlich 15 000 Teilnehmern die Menschen beider Länder zusammen.

Das Interesse der deutschen Wirtschaft an Russland bleibt ungebrochen, auch wenn von den 6 400 Firmen, die 2013 in Russland akkreditiert waren, heute „nur“ noch fünftausend aktiv sind. Das Volumen des Russlandhandels rutschte vom Gipfel 2013 mit 80 Milliarden auf 50,5 Milliarden Euro in 2018 ab, ist aber wieder aufwärtsstrebend. Die „Deutsch Russische Strategische Arbeitsgruppe für Wirtschaft und Finanzen“ trifft sich regelmäßig und beschäftigt sich auch mit den verschiedenen deutsch-russischen Großforschungsvorhaben, über die öffentlich wenig berichtet wird.

Neugier und Friedenswunsch

Es gibt in der Zivilgesellschaft zahlreiche Dialogformate wie den „Petersburger Dialog“ (seit 2001), das „Deutsch-Russische Forum“, den „Europäischen Austausch“ und viele andere. Und das Interesse an Kultur, Literatur und Kunst des anderen führt immer wieder zu großartigen Events. Als zwei jüngere Beispiele können gelten die Ausstellung „Rilke und Russland“, die 2017/2018 in Bern, Zürich, Marbach und Moskau gezeigt wurde, und die Ausstellung „Russland in Europa – Europa in Russland. 200 Jahre Ivan Turgenev“, die 2018/2019 zahlreiche Besucher nach Baden-Baden zog.

Was die beiden Zivilgesellschaften antreibt, das reicht von Neugier, Dialogbereitschaft und Austauschinteresse bis zum Friedenswunsch. Diese Szene bildet ein festes Fundament, auf dem Partnerschaft und Vertrauen aufgebaut werden können. Und auch hier treffen wir wieder auf unser Kontinuum der Ambivalenz: Während sich die deutsche Politik mit dem Krisenmanagement abmüht, blüht auf der Gesellschaftsebene ein vielseitiger und reicher Austausch, der sich durch nichts beirren lässt. Vor eintausend Jahren haben sich Deutsche und Russen erstmals wahrgenommen. In den zehn Jahrhunderten seitdem gab uns die Geschichte einige Lektionen auf, aus denen zu lernen sinnvoll wäre. In der Politik mag Russland ein schwieriger Partner sein, bei dem eigene Interessen und notwendige Regeln auch mit Nachdruck verteidigt werden müssen. Aber dabei darf nie die „Geschichte, die nicht vergeht“ verdrängt werden, also der Vernichtungskrieg von Hitlerdeutschland, der so viele Opfer bei den Völkern der Sowjetunion kostete. Ebenso wenig sollte bei uns die Dankbarkeit verblassen angesichts des „Wunders der Versöhnungsbereitschaft“ nach 1945 und über das russische Vertrauen in das künftige größere Deutschland, ohne das es 1990 zu keiner deutschen Vereinigung hätte kommen können.

Schließlich sollte keine Krise uns dazu bringen, den wechselseitigen Respekt vor der Kultur des anderen infrage zu stellen, statt sich mit ihr achtsam und genießend zu beschäftigen. Der Frieden braucht Partnerschaft und Vertrauen. Vor den großen Schritten kommen die kleinen. Sie müssen nur in die richtige Richtung gehen.

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