KZ-Häftlinge an die Front

Das Ende des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren
KZ Auschwitz
Foto: akg-images
Nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945: Auschwitz hatte rund 50 Außenlager. Mehr als 400 000 Menschen wurden hier als KZ-Häftlinge registriert. Nur hier wurde ihnen die Haftnummer auf den Unterarm tätowiert. Hinzu kommen mehrere hunderttausende Menschen, die die SS nicht registrieren ließ. Sie wurden entweder unmittelbar nach ihrer Ankunft als „arbeitsunfähig“ eingestuft und ermordet oder als „arbeitsfähig“ selektiert und nach temporärer Unterbringung in andere Lager überstellt. Insgesamt kamen im KZ-Komplex Auschwitz zwischen 1940 und 1945 mehr als 1,1 Millionen Menschen ums Leben beziehungsweise wurden ermordet, darunter 960 000 Jüdinnen und Juden und fast 20 000 Sinti und Roma.

Die Auflösung des KZ-Komplexes Auschwitz um die Jahreswende 1944/45 bis zur Befreiung am 27. Januar vor 75 Jahren war ein teilweise geplanter, teilweiser chaotischer Prozess, der die ganze Monstrosität dieser Fabrik des Massenmordes noch einmal zeigte. Eine Schilderung des Historikers Stefan Hördler.

"Es braucht sich überhaupt jetzt keiner mehr hier abzuhetzen, weil doch alles so viel kleiner und leichter geworden ist.“ Mit diesen makabren Worten umschrieb der SS-Standortarzt in Auschwitz, Eduard Wirths, in einem Brief an seine Frau am 29. November 1944 die beginnende Auflösung des KZ-Komplexes Auschwitz und das Ende der massenhaften Tötungen in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Erst wenige Tage zuvor, am 25. November 1944, hatte Auschwitz-Birkenau seinen Status als eigenständiges Konzentrationslager verloren.

Aufgrund des Kriegsverlaufs arbeitete die SS ab Herbst 1944 eilig an den Vorbereitungen für eine Räumung des Standortes – während vor einem polnischen Gericht ein erstes Verfahren gegen vier ehemalige SS-Männer und zwei Kapos des inzwischen befreiten KZ Lublin anlief.

Die SS-Führung von Birkenau wechselte in die KZ Bergen-Belsen und Dachau. Gleichzeitig nahm Anfang Dezember 1944 der SS-Verwaltungsoffizier Franz Xaver Kraus seine Arbeit als Chef der Verbindungs- beziehungsweise Auflösungsstelle des KZ Auschwitz auf, die er bis Mitte Februar 1945 leitete. Zudem fungierte Kraus de facto als letzter Kommandant von Auschwitz-Birkenau und koordinierte die Räumung. Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz von der Roten Armee befreit.

Mit dem Ende des Massenmords zeichnete der Kommandant Richard Baer Ende 1944 diverse SS-Männer mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern aus. Unter ihnen befand sich auch Stefan Baretzki, der beim „Ungarn-Programm“ – der Ermordung von mindestens 325 000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn zwischen Mai und Juli 1944 – „Rampendienst“ geleistet hatte und später im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess 1965 zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt wurde. Mitte November 1944 feierten SS-Angehörige und Gestapo-Mitarbeiter mit weiblicher Begleitung ausgelassen den Geburtstag des SS-Fotografen Ernst Hofmann, der unter anderem Aufnahmen der Selektionen auf der Rampe von Auschwitz-Birkenau im Sommer 1944 angefertigt hatte. Vier Wochen später trat der damals berühmte Filmkomiker Jupp (Joseph) Hussels in Auschwitz auf, um die Stimmung unter der Lager-SS aufzuheitern.

Kinderjulfeier im KZ

Ein letztes Mal beging die SS in Auschwitz das Julfest (Weihnachten) am 16. und 23. Dezember, die Kinderjulfeier fand am 22. Dezember 1944 statt. Kurz darauf bombardierten die Alliierten am 26. Dezember 1944 die IG Farben-Werke in Auschwitz und zerstörten dabei das kurz zuvor eröffnete SS-Lazarett in Birkenau. Die SS warnte vor „vom Feind abgeworfenen Flugblättern“. Und trotz des nahenden Endes gingen die führenden Köpfe der Auschwitzer SS noch einmal auf eine große winterliche Niederjagd im Januar 1945. Parallel wurde im Lager massenhaft weitergestorben.

Schon im September 1944 hatte die SS begonnen, sich potenzieller Mitwisser wie des jüdischen Sonderkommandos in den Krematorien von Auschwitz-Birkenau zu entledigen. Die Angehörigen dieses Kommandos mussten die Gaskammern befüllen und entleeren, den Toten die Goldzähne und weitere Wertgegenstände entnehmen und die Leichen einäschern. Die SS tötete 200 Häftlinge, die bei den Leichenverbrennungen an den Gruben unter freiem Himmel eingesetzt waren. Beim Aufstand des Sonderkommandos am 7. Oktober 1944, der am selben Tag von den SS-Wachmannschaften blutig niedergeschlagen wurde, starben 451 Häftlinge; circa 250 von ihnen wurden im Kampf getötet, weitere 200 nach ihrer Gefangennahme von der SS im Hof des abgebrannten Krematoriums IV erschossen. Von insgesamt 663 Häftlingen des jüdischen Sonderkommandos überlebten 212 die Revolte. Sie setzten anschließend ihre Arbeit in den Krematorien fort. Auf Seiten der SS wurden drei SS-Unterscharführer der SS-Wachkompanien getötet und ein Dutzend SS-Männer verletzt.

Der Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Birkenau hatte unmittelbare Konsequenzen für die Vernichtungsmaschinerie. Noch im Oktober 1944 wurde mit den Abbrucharbeiten am zerstörten Krematorium IV begonnen, kurz darauf folgte die Demontage der technischen Einrichtungen im Krematorium II. Ein Teil der Gaskammerapparaturen war für das KZ Mauthausen vorgesehen, ein anderer für das KZ Groß-Rosen. Ende November 1944 wurden die Massentötungen durch Giftgas in Auschwitz eingestellt, die verbliebenen 200 jüdischen Häftlinge des Sonderkommandos selektiert und 100 von ihnen ermordet. Die übrigen 100 teilte die SS dem Abbruchkommando für die Gaskammern und Krematorien II und III (70) und dem Krematorium V (30) zu.

Die Furcht der SS

Der Aufstand des jüdischen Sonderkommandos war nicht die erste Widerstandshandlung gewesen. Schon 1943 kam es zu Revolten; so zeichnete der Lagerkommandant SS-Männer aus, die zur „Niederschlagung der im Oktober d. J. (1943) erfolgten Meuterei anlässlich eines Judentransportes durch umsichtiges entschlossenes Handeln wesentlich mit dazu beigetragen“ haben. Parallel fanden im August und Oktober 1943 zwei Aufstände der sogenannten Arbeitsjuden in den Mordstätten der „Aktion Reinhard(t)“ statt, welche die Einstellung des Mordprogramms und die Schließung der Lager Bełżec, Sobibór und Treblinka bis Mitte November 1943 beschleunigten. Der Aufstand des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz im Herbst 1944 bildete den Schlusspunkt in dieser Reihung und schürte die Furcht der SS vor einer organisierten Lagerrevolte.

Die Räumung des KZ-Komplexes Auschwitz lief später auf Hochtouren. Zehntausende von KZ-Häftlingen wurden in die verbliebenen Lager in das Reichsinnere deportiert, tausende SS-Wachmannschaften und Aufseherinnen aus Auschwitz versetzt. Die Regie hatte der eingangs genannte SS-Sturmbannführer (Major) Franz Xaver Kraus inne. Er war im Januar 1945 für die Sprengung der demontierten Krematorien II und III zuständig – und auch für das bis zuletzt in Betrieb befindliche Krematorium V, das am 26. Januar 1945 gesprengt wurde. Damit verließ Kraus nur wenige Stunden vor Ankunft der Roten Armee das Lager.

Die „Abwicklungsstelle K.L. Auschwitz“ hingegen blieb bestehen und hatte ihren Sitz im KZ Mittelbau im Harz. Der frühere Auschwitzer Lagerkommandant Richard Baer installierte mit seinem Adjutanten und Protegé Karl-Friedrich Höcker die alte Lagerleitung von Auschwitz I im KZ Mittelbau neu. Neben dem Personal gelangten ebenfalls die Akten aus Auschwitz nach Mittelbau – und mit dem SS-Fotografen Bernhard Walter schließlich das später nach der Finderin Lili Jacob benannte Fotoalbum aus Auschwitz.

Gaskammer in Ravensbrück

Das Mordpersonal aus Auschwitz um den früheren Birkenauer Lagerführer Johann Schwarzhuber und den vormaligen Chef der Krematorien und Gaskammern Otto Moll konzentrierte sich ab Januar 1945 im KZ Ravensbrück. Auf ihre Mordpraxis aufbauend, richteten sie kurz nach ihrer Ankunft eine Gaskammer im seinerzeit größten Frauen-Konzentrationslager ein, um vermeintlich kranke und arbeitsunfähige Menschen zu ermorden. Weitere ehemalige Kommandoführer der Birkenauer Krematorien und Gaskammern wurden nach Mauthausen beordert. Ihre Versetzung zum KZ Mauthausen korrespondierte allem Anschein nach mit den dortigen Plänen zur Wiedererrichtung der Auschwitzer Krematorien. Hinzu kamen noch die etwa 110 Überlebenden des jüdischen Sonderkommandos. In der Nacht zum 19. Januar 1945 verließen sie mit der letzten großen Kolonne Auschwitz-Birkenau in Richtung Mauthausen; einige konnten auf dem Weg entkommen. Lagerkommandant Franz Ziereis, der kurz nach seiner Flucht aus Mauthausen von US-amerikanischen Soldaten angeschossen und schwer verletzt worden war, berichtete auf seinem Totenbett über die Ermordung von Häftlingen des Sonderkommandos in Mauthausen: „Sie hatten schon in Auschwitz im Krematorium gearbeitet und konnten darüber Auskunft geben. – Es existiert ein geheimer Befehl, daß das ,Krematorium-Kommando‘ [sic] alle drei bis vier Wochen zu erschießen war.“

In der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs 1944/45 ging die SS-Führung infolge des Rekrutenmangels sogar zur Aushebung von KZ-Häftlingen für Feldeinheiten der Waffen-SS über. Ab Oktober/November 1944 wurden verstärkt KZ-Häftlinge, aber auch Strafgefangene der SS und Wehrmacht in die Bewährungseinheit des berüchtigten SS-Führers Oskar Dirlewanger überstellt. Bis November 1944 „rekrutierte“ die SS 1 910 Häftlinge aus den Lagern für den Kampfeinsatz. Die Häftlinge kamen aus den KZ Auschwitz (400), Buchenwald (150), Dachau (300), Flossenbürg (45), Groß-Rosen (30), Mauthausen (10), Neuengamme (130), Ravensbrück (80), Sachsenhausen (750) und Stutthof (15). Die Soll-Stärke betrug 2 030 Häftlinge. 1945 wurde die Einheit als 36. Waffen-Grenadier-Division der SS bei Cottbus aufgerieben.

Die insistierenden Befehle der Amtsgruppe D zur Anwerbung von Häftlingen lassen sich über das gesamte KZ-System nachweisen: „Ich bitte umgehend nochmal zu überprüfen, ob im dortigen KL. Häftlinge für das Sonderkommando
Dirlewanger zur Verfügung stehen. Hierfür können auch Schutzhäftlinge gemeldet werden, die für diesen Einsatz geeignet sind. Meldung zahlenmässig nach Schutzhäftlingen und Vorbeugungshäftlingen getrennt.“ Den Großteil stellte das KZ Sachsenhausen mit 750 Häftlingen, 400 Häftlinge kamen aus dem KZ Auschwitz. In puncto Gerichtsbarkeit besaß Dirlewanger das Recht, „über Leben und Tod“ der Häftlinge zu entscheiden. Die Zusammenziehung der „freiwilligen“ Häftlinge erfolgte anfangs in den KZ Buchenwald und Sachsenhausen, im Januar 1945 wegen Platzmangel im KZ Auschwitz. Das KZ Auschwitz wurde damit beauftragt, „die Einkleidung und Inmarschsetzung dieser Häftlinge vorzunehmen. Ebenfalls sind die Erstellung der Soldbücher, die Auszahlung des ersten Wehrsoldes und die sonst noch erforderlichen Maßnahmen vom KL Auschwitz zu tätigen“.

Die Formierung der KZ-Häftlinge in Auschwitz geschah Mitte Januar 1945 bereits zu einem Zeitpunkt, da für den Standort Auschwitz eine erhöhte Alarmbereitschaft bestand und die Räumungsvorbereitungen auf Hochtouren liefen. Die Szenerie muss auch in den Augen der verantwortlichen SS-Führung vollkommen absurd gewirkt haben. Als letztes Aufgebot steckte das NS-Regime KZ-Häftlinge in SS-Uniformen, damit sie – unter fragwürdiger Kampfmoral und Weltanschauung – für den „Endsieg“ eines Systems töten oder sterben sollten, welches sie jahrelang terrorisiert und gequält hatte. 

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Stefan Hördler

Stefan Hördler ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Göttingen.


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