Position und Respekt

Erwägungen zum Hamburger Religionsunterricht
Foto: Lena Uphoff

Auch im Jahr 2020 wird die wachsende religiös-weltanschauliche Pluralität die Tagesordnung der Kirchen mitbestimmen. Der Protestantismus nimmt für sich in Anspruch, für den Umgang mit einer derartigen Pluralität besonders gut gerüstet zu sein. Weil er von der „Freiheit eines Christenmenschen“ ausgeht und die Gewissensbindung des einzelnen betont, gehört der respektvolle Umgang mit Verschiedenheit zu seiner Grundausstattung. Dass er diese Pluralismusoffenheit selbst keineswegs immer beherzigt hat, verschärft die Notwendigkeit, vor dieser Aufgabe nicht erneut zu versagen. In zwei Richtungen ist dies möglich: durch die Verletzung der Freiheit anderer wie durch den Verzicht darauf, die eigene Position in der Pluralität erkennbar zu machen.

Berichte aus dem Religionsunterricht belegen, dass die religiös-weltanschauliche Pluralität sich heute zwischen zwei Polen bewegt: Auf der einen Seite werden die Vorstellungen von der hergebrachten Religionszugehörigkeit diffus; auf der anderen Seite schotten sich fundamentalistische Positionen ab. Mit religiöser Bildung verträgt sich weder das eine noch das andere. Jede Bildungsanstrengung in diesem Feld muss also einerseits den Zugang zu einer eigenen Haltung eröffnen und andererseits die Fähigkeit zum respektvollen Umgang mit anderen Überzeugungen stärken.

Der Systematische Theologe Wilfried Härle hat in solche Diskussionen schon vor Jahren den Begriff des positionellen Pluralismus eingebracht. Er verbindet zwei Elemente miteinander: die Notwendigkeit, eine eigene religiös-weltanschauliche Identität zu entwickeln und in einer kritisch angeeigneten Position zu Hause zu sein, sowie die Fähigkeit, mit anderen Positionen in einen Dialog einzutreten, von ihnen zu lernen und dadurch weiter zu reifen. In einem theologischen Gutachten zum „Religionsunterricht für alle“ an den Schulen Hamburgs hat Härle diese Idee des positionellen Pluralismus auf die organisatorische Gestaltung des Religionsunterrichts angewandt. Das Konzept dieses Hamburger Modells beruht auf der Bereitschaft der evangelischen Kirche, in dem Religionsunterricht ihrer Konfession nicht nur Schülerinnen und Schüler anderer Überzeugung willkommen zu heißen, sondern dieser Überzeugung selbst Raum zu geben.

Wilfried Härle misst dieses Konzept an der Frage, wie ein solcher Religionsunterricht bei Schülerinnen und Schülern sowohl eine eigene religiöse Orientierung als auch den respektvollen Umgang mit anderen religiösen Orientierungen zu fördern vermag. Dafür ist es erforderlich, dass Lehrpersonen mit unterschiedlicher religiöser Prägung und in differenzierten unterrichtlichen Funktionen beteiligt sind. Es kann also nicht um einen Religionsunterricht für alle gehen. Vielmehr mündet diese Überlegung in den Vorschlag eines religiös kooperativen Religionsunterrichts, für den mehrere Religionsgemeinschaften die Verantwortung übernehmen. Der Schritt von einem konfessionell kooperativen Religionsunterricht zu einer Kooperation zwischen den Religionen steht an. Positionalität und Respekt sind dafür gleichermaßen unerlässlich – und zwar auf allen Seiten.

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Wolfgang Huber

Dr. Dr. Wolfgang Huber ist ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender, Bischof i. R. und Herausgeber von "Zeitzeichen." Er lebt in Berlin.


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