Supermarkt für Essensretter

Sirplus verkauft abgelaufene Lebensmittel und hat damit Erfolg
Lebensmittel im Wert von rund drei Millionen Euro haben die Sirplus- Läden in Berlin im vergangenen Jahr verkauft.
Foto: Martin Egbert
Lebensmittel im Wert von rund drei Millionen Euro haben die Sirplus-Läden in Berlin im vergangenen Jahr verkauft.

Deutschlands erster Supermarkt für abgelaufene Lebensmittel hat in Berlin bereits die vierte Filiale eröffnet. Mit einem Franchise-System wollen die Gründer nun in der ganzen Bundesrepublik wachsen.

Schon am Morgen ist der große Parkplatz vor Metro Berolina in Berlin-Friedrichshain gut gefüllt. Jean Claude Vu-Han steuert den bunten Kühltransporter von Sirplus vor den Eingang für registrierte Gastronomen. Durch die Glasschiebetüren gelangt man hier direkt in die Abteilung für Lebensmittel. Die Kunden schieben Einkaufswagen im Jumbo-Format über den gefliesten Boden, vorbei an großen Kühltruhen mit Zehn-Liter-Eimern Joghurt oder Schlagsahne sowie Hochregalen mit Großpackungen Toastbrot, Salz, Pasta, Frittierfett oder gekörnter Brühe. Zielstrebig steuert der Fahrer von Sirplus zwei leere Rollwagen zu einem der Gänge. Dort wartet bereits ein Wagen auf ihn, überwiegend mit Backwaren beladen, aber auch einer Palette mit Zitronensaft in großen Tetrapacks. Alle Waren haben eines gemeinsam: Ihr Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) ist abgelaufen. „Wir holen das ab, was die Berliner Tafel nicht annehmen darf oder will“, erklärt Jean Claude Vu-Han und schiebt den Rollwagen hinaus auf den Parkplatz. Backwaren etwa bekommt die gemeinnützige Berliner Tafel bei großen Bäckereien, für viele Getränke hat sie keine Verwendung.

Filiale von SirPlus
Foto: Martin Egbert
 

Also holt das Startup aus Berlin sie ab, um sie in seinen so genannten Rettermärkten sowie über seinen Online-Shop zu verkaufen. Aber ist das überhaupt erlaubt? Unter zwei Bedingungen: Die Genießbarkeit muss überprüft und der Käufer über den Ablauf des MHD informiert werden. Jean Claude Vu-Han zurrt die Ladung fest, um zur nächsten Abholstelle zu fahren. Seit dem frühen Morgen ist er unterwegs, er hat schon vierhundert Kilogramm Obst und Gemüse vom Großmarkt abgeholt und an die Sirplus Filialen in der Hauptstadt ausgeliefert.

„Wir wollen das Retten von Lebensmitteln in die Mitte der Gesellschaft bringen“, sagt Raphael Fellmer, der Sirplus 2017 mit seinem Partner Martin Schott gegründet hat. Das scheint zu gelingen: In der Hauptstadt gibt es schon vier Filialen. Die jüngste hat vor kurzem in der neuen East Side Mall eröffnet, auf einer Etage mit großen Niederlassungen von Aldi oder Rewe. 2018 konnte Sirplus 1,2 Millionen Euro Umsatz erzielen, für 2019 erwarteten die beiden Partner drei Millionen Euro. Mittlerweile arbeiten fast einhundert Angestellte für Sirplus. Kapital ist trotzdem immer knapp bei dem Unternehmen, dem es um weit mehr als den Gewinn geht.

Mitarbeiter holt Waren für SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

Den Anfang finanzierten eine Crowdfunding-Kampagne, größere Einzelspender und ein Kredit bei einer Bank für Nachhaltigkeit. Nun haben die beiden Gründer sich gerade in die Vox-TV-Show Höhle des Löwen gewagt. Zwar wollte keiner der Löwen in das Start-Up investieren. „Dafür konnten wir danach drei Social-Impact-Investoren gewinnen, die einen höheren sechsstelligen Betrag bereit stellen“, freut sich Raphael Fellmer. Unter anderen ist der Enkel des Versandhausgründers Werner Otto dabei.  

Ware bei SirPlus
Foto: Martin Egbert
 

Das Aushängeschild von Sirplus ist die Filiale in der Schlossstraße, der Haupteinkaufsmeile in Berlin-Steglitz. Raphael Fellmer eilt in Flipflops und kurzer Hose durch die Glasschiebetüren. Als erstes schiebt er ein paar herum stehende Einkaufswagen zusammen. Dann zeigt er auf die Markise, die Regale und die Spiegel. „Die haben wir auch vor dem Müll gerettet, als wir diese Filiale von Rossmann übernommen haben, so wie die Spinde und Stühle für die Mitarbeiter.“ Weil die Drogeriekette nebenan eine größere Filiale eröffnet hat, konnte Sirplus die zwei Jahre Restlaufzeit des Mietvertrages zu günstigen Konditionen übernehmen. „Danach müssen wir sehen, welche Miete der Umsatz zulässt, zurzeit steigt er monatlich, im Vergleich zum Vorjahr um sechzig Prozent. Und den Sättigungspunkt haben wir noch lange nicht erreicht.“ Fellmer umarmt einige Mitarbeiter, die gerade Ware einräumen. Aus den Lautsprecherboxen wummern laute Dub-Reggae-Beats. Sirplus will zwar Mainstream werden, gerne aber auch etwas besonders bleiben.  

Lieferwagen von SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

Die Kundschaft scheint das nicht zu stören. Überwiegend ältere Menschen kaufen an diesem Vormittag hier ein, aber auch Studenten und andere junge Kunden. Die Berufstätigen im mittleren Alter kommen ab dem Nachmittag, auch sie werden angelockt von Preisen, die bis zu achtzig Prozent unter den handelsüblichen liegen. Doch das gesparte Geld scheint nicht die wichtigste Motivation zu sein. „Nach unseren Umfragen kommen viele Besserverdiener, die mit ihrem Einkauf bei uns vor allem die Welt retten wollen.“

Weihnachtsmänner im Sommer

Auch sie müssen sich darauf einstellen, nicht immer alles bei Sirplus zu bekommen. Dafür wartet auf die Kunden ein buntes, oft überraschendes Sortiment: Craftbeer und Billigstoff, Salz und Pfeffer, Osterhasen und Weihnachtsmänner im Sommer, Hygiene- und Kosmetikartikel, Milchprodukte, vegane Bio-Fertiggerichte, Kokosnuss-Wasser, Mineralwasser, Amaranth Crunchy Müsli oder Curry-Ketchup. Es gibt eine Obst- und Gemüseabteilung mit etwas welker Ware aber auch mit Sonderlingen, wie handballgroßen Rote-Beete-Knollen oder für den Handel zu kleinen Äpfeln.

Warentest bei SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

Für zuverlässige Qualität trotz abgelaufenem MHD sorgen Timo Schmitt und vier weitere Mitarbeiter. „Wir kontrollieren Geruch, Geschmack, Konsistenz und Verpackung, wenn Zweifel auftreten, ziehen wir ein Labor hinzu“, erklärt der Ökotrophologe. Das allerdings käme nur einmal im Quartal vor. Orientierung geben zudem Parameter, wie lange einzelne Produktgruppen über das MHD hinaus genießbar sind. „Selbst bei einem Joghurt können das sechs bis acht Wochen sein, Softdrinks sind meistens noch Monate später genießbar.“ Der Handel hat diese Produkte dann schon längst aussortiert.

Timo Schmitt und seine Kollegen bekommen von einer Datenbank, in der alle Waren des tausend Quadratmeter großen Lagers von Sirplus sowie der vier Filialen gespeichert sind, Meldungen, wann welche zu überprüfen sind und welche Probleme bereiten könnten. Eine Hafermilch ohne Stabilisatoren kann bereits vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum ausflocken, was nicht heißen muss, dass sie ungenießbar ist. Farbstoffe können sich unter Hitzeeinwirkung zersetzen, Kohlensäure frühzeitig entweichen, die Bestandteile von Fertigsuppen sich im Glas trennen. „Dagegen hilft meist schon, sie gut durchzuschütteln.“ Damit es keine unzufriedenen Kunden gibt, texten Timo Schmitt und seine Kollegen so genannte Retterstories auf die Produktschilder, in denen sie auf so etwas hinweisen.

Warentest bei SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

Seit seiner Gründung hat Sirplus zweitausend Tonnen Lebensmittel gerettet. In diesem Jahr sollen noch einmal 1500 Tonnen dazu kommen. Angesichts der jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel, die nach Angaben der Verbraucherzentrale alleine in Deutschland auf dem Müll landen, ist das trotz allem Erfolg der vielbemühte Tropfen auf dem heißen Stein. Weltweit sieht es nicht besser aus. „Wäre die globale Lebensmittelverschwendung ein Land, wäre es nach China und den USA mit acht Prozent der weltweiten Emissionen der drittgrößte Verursacher von Treibhausgasen.“ Trotz dieser erdrückenden Zahlen ist sich Raphael Fellmer sicher, mit Sirplus die Verbraucher und die Branche bewegen zu können.

Überflüssig werden

Mittlerweile arbeitet das Unternehmen bundesweit mit sechshundert Partnern zusammen, mit Landwirten, Lebensmittelproduzenten wie Tartex oder mymuesli und mit Händlern wie Edeka oder der Metro. „Metro waren 2017 die ersten, die mitgemacht haben“, erklärt Fellmer. Mit zehn Prozent der umgesetzten Gesamtmenge sind die vier Berliner Großmärkte der Metro die wichtigsten Geber. Verschenken dürfen diese die Ware aus steuerrechtlichen Gründen nicht. Aber sie geben sie zu sehr günstigen Preisen ab. So reduzieren sie Abfallkosten und fördern ihren nachhaltigen Umgang mit Ressourcen.

Waren bei SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

„Unsere Zusammenarbeit ist eine Ergänzung zu der langjährigen Kooperation mit den Tafeln. Die Berliner Tafel holt aktuell rund fünfzig Prozent der Lebensmittel ab, die von unseren Märkten in der Hauptstadt aussortiert werden. Was übrig bleibt, wollen wir nicht achtlos entsorgen“, sagt Guido Mischok, Regional Manager Berlin bei Metro Deutschland. „Die Metro hat sich darüber hinaus das Ziel gesetzt, bis 2025 durch Optimierung interner Prozesse weltweit fünfzig Prozent weniger Food Waste zu produzieren.“ Erreicht werden soll das unter anderem durch bessere Warenbevorratung, gezielte Mitarbeiterschulungen oder den Verkauf zu Sonderpreisen von Produkten, die bald ablaufen.

 
Waren bei SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

Wird dann Sirplus am Ende überflüssig werden? „Das genau wollen wir, dass wir eines Tages überflüssig sind.“ Raphael Fellmer grinst. Bereits als der heute 36-jährige Familienvater European Studies in Den Haag studierte, hat ihn die Verschwendung von Lebensmitteln empört. Mit Gleichgesinnten fischte er Lebensmittel aus Containern zum Eigenverzehr. Wenig später gründete er die Plattform foodsharing, einer mittlerweile internationalen Organisation mit 200 000 registrierten Nutzern und 40 000 ehrenamtlichen Lebensmittelrettern.

 
Im SirPlus-Supermarkt
Foto: Martin Egbert

 Bevor aber Sirplus und die Rettermärkte überflüssig werden, gibt es noch einiges zu tun. Neben der Vergrößerung mithilfe des Online-Shops und zusätzlicher Filialen, plant Sirplus für das kommende Jahr ein Franchise-System, für das es bereits über hundert Bewerber gibt. Fellmer und sein Partner wollen so schnell wie möglich wachsen. Bereits jetzt bekommen sie große Mengen Lebensmittel angeboten, die sie nicht retten können. „Fünfzig Paletten Müsli oder eine Million Croissants sind einfach zu viel für die bisherigen Strukturen.“ Lebensmittelproduzenten wollen nicht nur abgelaufene Ware loswerden. Dafür genügt schon ein Druckfehler auf der Verpackung oder dass die Marmelade etwas zu flüssig ist. Am Anfang und Ende jeder maschinellen Produktion gibt es Ausschussware, die zwar nicht in den Handel geht, aber voll genießbar ist. Auch landen nach Veränderungen im Produktdesign häufig die veralteten Waren auf dem Müll.

Gastronomen gewinnen

Verstärkt will Sirplus Gastronomen als Kunden für diese großen Margen gewinnen. Auch sie dürfen abgelaufene Lebensmittel verarbeiten und verkaufen, vorausgesetzt die Qualität wird überprüft und der Verbraucher informiert.

Mehl im SirPlus-Markt
Foto: Martin Egbert

 Bereits jetzt nutzt Sirplus Lebensmittel für einen eigenen Catering-Service sowie für eine eigene Produktlinie. Fellmer zeigt auf Gläser mit Süßkirschen, die in der Filiale in Berlin Steglitz im Regal stehen. „Die Kirschen hatten ihre Bio-Zertifizierung verloren.“ Nun tragen sie den Markennamen Sirplus und ihr Retter ist sich sicher, diese Eigenprodukte bald auch in anderen Supermärkten außer den eigenen platzieren zu können. „Schließlich stellen wir eine attraktive Marke dar“, sagt er und reicht einer Kundin einen Einkaufskorb, die versucht, ein Bund Lauch, Paprika, eine Packung Müsli und einen Liter Milch in den Armen zu halten. „Ich kenne das“, sagt der Lebensmittelretter schmunzelnd. „Die Leute kaufen häufig mehr als sie eigentlich geplant hatten.“

 
Kostenlose Lebensmittel bei SirPlus
Foto: Martin Egbert

 

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