Fünf nach drei

Wie Kirche und Theologie über Klimapolitik streiten
Bekannte Aktivistinnen von „Fridays für Future“: Greta Thunberg und Luisa Neubauer (rechts).
Foto: dpa/ Oliver Berg
Bekannte Aktivistinnen von „Fridays für Future“: Greta Thunberg und Luisa Neubauer (rechts).

Auch in Theologie und Kirche wird heftig über die Einordnung und Bewertung des Klimawandels und der damit zusammenhängenden Klimapolitik gestritten. Ulrich Körtner, der Systematische Theologie an der Universität Wien lehrt, bezweifelt den Nutzen übertriebener apokalyptischer Weckrufe und rät angesichts eines zusehends moralisierenden Politikverständnisses zu Nüchternheit und Realismus.

Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realismus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Seine Prophezeiung scheint sich in den gegenwärtigen Debatten und politischen Auseinandersetzungen um den Klimawandel zu erfüllen. Gegenwärtig wird viel darüber geschrieben und gestritten, ob die neue Ökologiebewegung zum Schutz des Klimas eine Form von Ersatzreligion oder, theologisch-dogmatisch gesprochen, gar eine neue Häresie darstellt. Mit Karl Barth gesprochen: Unglaube in Gestalt des Glaubens.

Was die These vom Klimaschutz als Ersatzreligion genau besagen soll, verdient allerdings eine genauere Betrachtung, zumal ihre Vertreter theologisch wie politisch durchaus unterschiedliche Absichten verfolgen. Der evangelische Theologe Ralf Frisch zieht zwar mit scharfen Worten gegen die religiöse Überhöhung des Klimaschutzes zu Felde, hegt aber am Ausmaß der von Menschen verursachten Faktoren für die derzeitige Klimaerwärmung und an der Notwendigkeit klimapolitischer Maßnahmen grundsätzlich keinen Zweifel. Dagegen stellt die Thüringer Landtagsfraktion der AfD die von Klimaforschern diagnostizierten anthropogenen Faktoren des Klimawandels prinzipiell in Frage; nachzulesen in ihrem im Juli 2019 veröffentlichten Pamphlet „Unheilige Allianz. Der Pakt der evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen“. Das Engagement der evangelischen Kirche, mit der die AfD über Kreuz liegt, sei ein durchsichtiger, aber zum Scheitern verurteilter Versuch, den anhaltenden Mitgliederschwund mit Hilfe einer neuen apokalyptischen, großen Erzählung zu stoppen.

Zweifel an den wissenschaftlichen Ergebnissen des Mainstreams der Klimaforschung äußern auch konservative und evangelikale Christen. Die 2005 in den USA gegründete Cornwall Alliance übt an der Ökologiebewegung massive Kritik und setzt beim Umweltschutz auf die Kräfte des freien Marktes. Gott habe die Erde und ihr Ökosystem derart robust, selbstregulierend und selbstkorrigierend erschaffen, dass auch künftig wirtschaftliches Wachstum und allgemeiner Fortschritt im Sinne des Schöpfers sind. Für die Behauptung, der Mensch sei für die momentane Erderwärmung verantwortlich, gebe es hingegen keine seriösen wissenschaftlichen Beweise. Solche Stimmen finden auch in Deutschland Gehör.

Ideologischer Missbrauch

Kritiker weisen auf die engen Verbindungen hin, die zwischen der Cornwall Alliance und amerikanischen Ölfirmen wie Exxon-Mobil und Chevron bestehen. Die Absicht, die Klimaschutzbewegung aus ökonomischen und politischen Interessen als Ersatzreligion zu diskreditieren, geht im Fall der Cornwall Alliance mit dem ideologischen Missbrauch und der politischen Instrumentalisierung des auf fragwürdige Weise ausgelegten biblischen Schöpfungsglaubens einher.

Nun muss Kritik an der Klimaapokalyptik, die durch die Bewegung „Fridays for Future“ und ihre Galionsfigur Greta Thunberg neuen Schwung bekommen hat, nicht schon deshalb falsch sein, weil sie auch unter AfD-Anhängern oder evangelikalen Christen Beifall findet. Man kann das Ausmaß des Klimawandels und seine von Menschen zu verantwortenden Faktoren durchaus für eine ernstzunehmende Gefahr halten, ohne deshalb unbesehen apokalyptische Narrative zu bemühen, wie dies bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren geschehen ist. Schon damals stellte der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung zutreffend fest: „Die Bedrohung unserer Lebenswelt ist eine Sache, eine andere die Angst vor dem Weltuntergang und noch eine andere die Art und Weise, in der sich die Angst äußert, in der man über sie redet und sie zu bewältigen sucht.“ Die unkritische Bemühung apokalyptischer Narrative ist theologisch freilich nicht weniger problematisch wie die Abwehr jeder Form von Apokalyptik überhaupt. Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung mit der These vom Klimaschutz als Ersatzreligion kann nur zu ihrem Schaden ignorieren, dass die jüdische und frühchristliche Apokalyptik, mit dem Neutestamentler Ernst Käsemann gesprochen, die Mutter aller christlichen Theologien gewesen ist. So gesehen fällt die Religionskritik am klimapolitischen Engagement von Bewegungen wie „Fridays for Future“, die durchaus eine sachliche Berechtigung hat, in manchen Kreisen zu vordergründig aus.

Greta Thunberg wahlweise als humorlose Prophetin eines neuen Klimagottes oder als moderne Jeanne d’Arc zu etikettieren oder sie, wenn einem, wie Johannes Schneider (Die Zeit), Anleihen in der griechischen Mythologie lieber sind, mit dem unverwundbaren Prometheus zu vergleichen, mag nicht ganz aus der Luft gegriffen sein. Sie selbst beruft sich freilich nicht auf Religion, sondern auf die Wissenschaft.

Die positiv oder negativ gemünzte Gleichsetzung Thunbergs mit einer modernen Prophetin ist zu oberflächlich, muss man doch religionssoziologisch zwischen dem Typus des Heiligen und dem des Charismatikers unterscheiden, worauf der Soziologe Hans Joas hingewiesen hat. Inwiefern man im vorliegenden Fall dennoch von quasireligiöser Verehrung und von der Klimaschutzbewegung als moderner Religion sprechen kann, ist jedenfalls eine weit komplexere Frage als manche Beobachter meinen.

Feuerbach hat den Realismus zum Geist der Zeit und der Zukunft erklärt. Für den Chef der deutschen Grünen, Robert Habeck, ist Radikalität der neue Realismus im Zeichen des Klimawandels. Radikalität und kompromissloser Rigorismus, der religiöse Züge trägt, zeichnen nun allerdings Teile der Klimaschutzbewegung aus. Dabei gehört es doch zum Wesen des Politischen, im Bedingten und nicht im Unbedingten zu existieren, wie der österreichische Schriftsteller Franz Blei 1932 notiert hat. Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur die Sphäre des Politischen, sondern läuft im Ergebnis auf ihre Zerstörung hinaus.

Interessanterweise bleiben die konkreten politischen Vorschläge der Grünen, die deutschlandweit in den Umfragen hohe Zustimmungswerte erreichen, einigermaßen moderat und bisweilen auch unbestimmt. Die Grünen dienen als Projektionsfläche für gesellschaftliche Sehnsüchte nach Veränderung und Versöhnung mit der Natur, ohne dass die Realpolitik dem unbedingt folgen muss.

An der Bewegung „Fridays for Future“ fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf. Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien in Abrede stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr eine quasireligiöse Stellung ein, die an den Positivismus des 19. Jahrhunderts, aber auch an den Marxismus-Leninismus erinnert, der doch ebenfalls der Überzeugung war, auf streng wissenschaftlicher Basis zu agieren, und sein revolutionäres Programm für alternativlos hielt. Demokratiepolitisch und sozialpolitisch kann solche Wissenschaftsgläubigkeit, gepaart mit moralischem Rigorismus, Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft und ihren sozialen Zusammenhalt heraufbeschwören, auch weil die Kosten, die für rigorose umweltpolitische Maßnahmen zu zahlen sind, in der Gesellschaft möglicherweise sehr unterschiedlich verteilt werden.

Der Fortbestand der Kirchen war für Feuerbach übrigens kein Zeichen von verbliebenem echtem Glauben. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Daran muss ich denken bei der Lektüre des EKD-Textes 130 „‚Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben‘. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen“ (2018). Zwar sprechen die Autoren von Gott, ignorieren aber klassische Topoi der christlichen Gotteslehre und Schöpfungslehre. Schon die Metapher der Schöpfung als Leihgabe, die aus einer Liedzeile von Jochen Rieß übernommen wird, signalisiert die theologischen Defizite. Gott, so ist der Text zu verstehen, hat die Welt ursprünglich erschaffen, dann aber in die ausschließliche Verantwortung der Menschen übergeben, die ihrem Schöpfer zwar für den Umgang mit der Leihgabe umfassend und unbegrenzt verantwortlich sind, von diesem aber kein aktives Handeln und Eingreifen mehr erwarten dürfen. Das Bild der Leihgabe suggeriert auch die Vorstellung eines statischen Naturzustands, der als Schöpfung identifiziert und in seinem jetzigen Zustand geschützt werden soll. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution wird auf diese Weise völlig unterkomplex bestimmt. Zugleich gerät die Lehre von Gottes fortlaufendem Schöpfungshandeln und seiner Erhaltung der Welt – in der Sprache der theologischen Tradition: die creatio continua und die conservatio mundi – ganz aus dem Blick. Gott wirkt nur noch als Motivator für menschliches Handeln durch seine Verheißungen und durch seine in Jesus Christus bezeugte Liebe. Das Evangelium von dem, was allein Gott an der Welt und den Menschen getan hat und tut, wird zum ethischen Appell für den Klimaschutz umgedeutet.

Abwesender Gott verkündigt

Das halte ich keineswegs nur für ein ethisches, sondern auch für ein zutiefst dogmatisches Problem. Im Grunde wird ein abwesender Gott verkündigt. Die Politik als Religion der Zukunft: Werden lediglich Klimaschutzvorschläge, die man schon aus Strategiepapieren von UNO und sonstigen Organisationen kennt, in leicht erhöhtem religiösen Ton wiederholt, entsteht der fatale Eindruck, die Kirchen seien klimapolitische Trittbrettfahrer, auch wenn sie für sich in Anspruch nehmen können, schon vor Jahrzehnten den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung eingeleitet zu haben.

Ein Glaube, der nicht mehr mit dem Wirken Gottes in der Welt und in der Geschichte rechnet, ist im Grunde ein praktischer Atheismus, wie Feuerbach sagt. Allerdings darf der Glaube an Gott nicht mit einer Bestandsgarantie für diese Erde und die Menschheit verwechselt werden. Christlicher Glaube ist nicht gleichbedeutend mit Hoffnung auf den Fortbestand der Welt. Er besteht auch nicht in der apokalyptischen Hoffnung auf eine andere Welt jenseits der möglichen Katastrophe. Christlicher Glaube ist Mut zum fraglichen Sein, der selbst am Zerbrechen einer heilsgeschichtlich-utopischen Perspektive nicht irre wird. Weder starrt er ängstlich gebannt auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin, sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von ihm bejahte Welt durch seinen tätigen Einsatz für beide im Hier und Jetzt.

In seiner Daseinshaltung ähnelt er weniger Prometheus als Sisyphos, der sich bei Albert Camus dem Absurden stellt und gegen es revoltiert. Im Zeichen globaler Gefahren ist Camus als Gesprächspartner der Theologie wiederzuentdecken. Sein Mythos von Sisyphos beschreibt die Haltung des Mutes, sich angesichts des Absurden zu bejahen. Christlicher Glaube kommt dieser Haltung denkbar nahe. Im Unterschied zum Mut Camus’ ist der christliche Glaube, um mit Paul Tillich zu sprechen, der Mut sich und die Welt zu bejahen als bejaht.

Letztlich geht es darum, mit der Perspektive christlicher Eschatologie ernst zu machen. Wer die Welt so liebt, dass mit ihr alles verloren zu sein scheint, ohne sich verzweifelt an sie zu klammern, spricht ihr einen unbedingten Sinn zu, den sie nicht von sich aus hat und der auch nicht der heute bisweilen romantisch verklärten Natur eingeschrieben ist. Auch bleibt dieser Sinn menschlicher Verfügungsmacht entzogen. Er kann dem menschlichen Handeln nur adventlich zu-kommen. Christlicher Glaube produziert nicht, sondern proklamiert einen Sinn des Lebens und der Welt, der beiden einzig von Gott her zukommen kann und selbst noch angesichts der möglichen Selbstzerstörung der Menschheit Bestand haben wird.

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die ehrgeizigen Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Allein schon das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich hoffentlich einstellenden Erfolge beim Klimaschutz wieder aufzehren. Wer das Wohl künftiger Generationen im Blick hat, muss sich auch dieser Realität stellen.

Statt sich einseitig auf die Reduktion von CO2 zu fixieren, brauchen wir globale Strategien der Anpassung an den Klimawandel und seine langfristigen Folgen, die selbst unter größten klimapolitischen Anstrengungen nicht aufzuhalten sind und über Jahrhunderte die künftige Geschichte der Menschheit erheblich beeinflussen werden. Allerorten erschallt der apokalyptische Weckruf, es sei fünf vor zwölf. Dabei ist es vielleicht schon längst fünf nach drei.

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