Eine Friedensaktivistin

Katharina von Siena und ihr friedensethisches Wirken
Lo Spagna (1450–1528): Die Heilige Katharina von Siena, 1515.
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Lo Spagna (1450–1528): Die Heilige Katharina von Siena, 1515.

Sie war eine italienische Mystikerin und Kirchenlehrerin. Katharina von Siena (1347 – 1380) wurde 1461 heiliggesprochen und vor zwanzig Jahren zur Schutzpatronin Europas erklärt. Die Religionspädagogin Adelheid von Hauff erinnert an eine besondere Frau.

Ich möchte Sie bitten, Frieden zu gewähren unter jeder Bedingung, einzig mit Rücksicht auf Wahrung Ihres Gewissens. Sie müssen auf friedliebende Personen hören, nicht auf Kriegshetzer, selbst wenn man den Krieg nur aus Eifer für die Gerechtigkeit führen sollte.“

So schreibt Katharina von Siena 1377 nach einem fürchterlichen Blutbad in Cesena (ital. Region Emilia-Romagna, südlich von Ravena) an Papst Gregor XI. (Pontifikat 1370–1378). Früh nimmt die Mystikerin Einfluss auf Gesellschaft und Kirche. Kontemplation und Aktion bilden eine Einheit für die Frau, die als Prophetin, Diakonin und Friedensaktivistin in die Geschichte eingegangen ist. In politischer Hinsicht wurde ihr mehrfach Dilettantismus vorgeworfen. Mit Appellen an die Machthaber ihrer Zeit scheiterte sie oft, und doch darf ihr Leben nicht an den Erfolgen gemessen werden. Katharinas Leben und Wirken ist von der Liebe zu Gott und ihren Nächsten durchdrungen. Papst Paul VI. (Pontifikat 1963–1978) hat sie 1970 zur Kirchenlehrerin erklärt.

1347 wird Katharina Benincasa in Siena als Tochter des Färbermeisters Jacopo Benincasa und dessen Ehefrau Lapa als 23. Kind geboren. Mit sechs Jahren hat sie ihre erste Vision. Tief ergriffen will sie fortan Christus dienen und gelobt Jungfräulichkeit.

Dem Wunsch der Familie, Katharina frühzeitig zu verheiraten, widersetzt sie sich, indem sie ihre schönen Haare abschneidet und ein Kopftuch trägt. Künftig hält die Familie sie wie eine Magd. Katharina wendet die Schikane für sich zum Besten und schafft sich eine eigene Welt, ihre „innere Zelle“.

Seit frühester Kindheit verehrt Katharina die Predigerbrüder der Dominikaner; ihnen will sie als Mann verkleidet beitreten. Die im weiblichen Ordenszweig geübte Klausur lehnt Katharina für sich selbst ab. In einer Traumvision reicht Dominikus ihr das weiße Kleid und den schwarzen Mantel der dominikanischen Bußschwestern. Die Mantelatinnen (nach ihrer Kleidung benannt) sind fromme, gut situierte ältere Damen, meist Witwen, die sich zum gemeinsamen Gebet und zu Werken der Barmherzigkeit außerhalb eines Klosters vereinen. Ihnen will Katharina sich nach einer weiteren Traumvision anschließen. Aber nicht nur ihre Familie, auch die Kongregation erhebt Einwände. Katharinas Jugend und Schönheit stehen einem Beitritt entgegen. Daraufhin verfällt sie in eine schwere Krankheit, die ihr Äußeres entstellt und mit Sicherheit seelischer Natur ist. Zeitlebens ist ihr Gesicht von Narben gezeichnet. Dieser Zielstrebigkeit kann weder der Orden noch die Familie etwas entgegensetzen. 1364 wird Katharina Mantellatin. Statt jedoch den Dienst am Nächsten aufzunehmen, zieht sie sich drei Jahre zurück und verlässt ihre Kammer nur zum Stundengebet der Mantellatinnen.

Von Narben gezeichnet

Mit ihrem Rückzug gehen tiefe Gotteserfahrungen und schwere Anfechtungen einher. Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz schreibt dazu: „Caterina ist von der Anlage her sinnlich, auch geschlechtlich sinnlich – ihr Leib irritiert und quält sie immer wieder. Sie bändigt (nicht ohne Mühe) ihre Geschlechtlichkeit.“ 1367 erfolgt die geistliche Vermählung mit Christus. Damit endet Katharinas Einsiedlerinnendasein. Fortan kümmert sie sich um Notleidende und Arme, sie pflegt Kranke und scheut sich nicht, Aussätzige zu berühren und Verstorbene zu bestatten.

Ab 1368 bildet sich ein fester Freundeskreis um die junge Mantellatin, ihre geistliche Familie, „famiglia“. Theologen, Philosophen, Universitätsdozenten, Geistliche, Ordensleute, verheiratete und unverheiratete Frauen und Männer scharen sich um die Färberstochter. Obwohl Katharina die geistliche Leiterin ist, lernt sie zugleich von ihren zum Teil hoch gebildeten Begleitern.

Drei mystische Erfahrungen folgen, die heute eher befremden. In einer Vision erscheint ihr Christus und tauscht ihr altes Herz gegen ein neues. Die mittlerweile verstorbene Priorin des Dominikanerinnenklosters Niederviehbach Roswitha Schneider beschreibt diesen Herzenstausch als ganzheitliches Geschehen bei dem Leib, Seele und Geist erfasst werden.

Ihr durch Askese ausgezehrter Körper ist im August 1370 so schwach, dass sie nur noch liegen kann. Im Beisein einiger Mantellatinnen und Brüder durchlebt sie ihren mystischen Tod. Mit Nahtoderfahrungen vergleichbar, ist sie etwa vier Stunden ohne Herzschlag und Atem. 1375 empfängt sie als dritte mystische Erfahrung die fünf Wundmale Christi, die jedoch unsichtbar bleiben.

Drei mystische Erfahrungen

Das Wort „Frieden“ ist die meist gebrauchte Vokabel in Katharinas Briefen und Predigten. Sie spricht auch dann noch vom Frieden, wenn sie zum Kreuzzug aufruft. Mit ihren politischen Aktivitäten verfolgt sie verschiedene Ziele wie den Friedensschluss zwischen den italienischen Stadtstaaten und der Kirche, die Ausrufung eines Kreuzzugs und die Reform der Kirche und die Rückkehr des Papstes nach Rom.

Katharina greift aus religiösen Gründen in die Politik ein. In dem von ihr verfassten „Dialog“ schreibt sie: „Kein Amt kann weder nach weltlichem noch nach göttlichem Recht ohne die heilige Gerechtigkeit im Stande der Gnade ausgeübt werden.“ Sowohl das Geschehen in der Welt als auch das Geschehen in der Kirche bedarf der göttlichen Leitung. Katharina ist tief religiös, aber nicht unkritisch. In diesem Sinn hält sie auch den kirchlichen Machthabern, vor allem dem Papst, einen Spiegel vor.

Katharinas politische Tätigkeit beginnt in einer Zeit, in der sich Siena in einer schweren Krise befindet. Ihr Einsatz erstreckt sich aber nicht nur auf ihre Heimatstadt. 1375 folgt sie dem Ruf der Stadt Pisa und reist mit einigen Mitgliedern ihrer „famiglia“ dorthin. Unterwegs predigt sie mit glühenden Worten und nimmt Einfluss auf das religiöse Leben der Menschen. Zugleich hilft sie Notleidenden, spendet Trost, stiftet Frieden zwischen entzweiten Familien, betet und leitet die Menschen zum Beten an. Für das Volk, das sie „santa“ nennt, ist sie längst eine Heilige.

„Friede, Friede, Friede, damit der Krieg diesen herrlichen Augenblick nicht immer weiter hinausschiebt (...)“, so schreibt Katharina an den Papst und meint damit den Beginn eines Kreuzzugs. Friede und Kreuzzug sind mit den gegenwärtigen friedensethischen Vorstellungen nicht vereinbar. Anders war dies im Mittelalter. Auch Katharina ist von der Notwendigkeit des Kreuzzugs überzeugt. Dass auch Heilige sich irren und den eigenen Willen mit Willen Gottes verwechseln können, wird hier deutlich.

Ein Aufstand gegen den päpstlichen Legaten leitet die nahezu drei Jahre anhaltende Feindschaft zwischen den italienischen Republiken und dem sich in Avignon befindenden Papst ein. Katharina mischt sich in den Konflikt ein und beklagt zugleich den Zustand der Kirche. Über diese schreibt sie dem Papst in Avignon: „Zunächst sollen Sie im Garten der heiligen Kirche, dessen Hüter Sie sind, die stinkenden Blumen ausrotten (…). Das sind die schlechten Hirten und Hüter, die diesen Garten verpesten und ihn verfallen lassen. Um Gottes willen, gebrauchen Sie ihre Macht, reißen Sie diese Blumen aus und werfen Sie sie hinaus, damit sie nichts mehr zu regieren haben. (...) Pflanzen Sie wohlriechende Blumen hinein, Hirten und Regenten, die wahre Diener des Gekreuzigten sind, die nur die Ehre Gottes und das Heil der Seelen im Auge haben und wahre Väter der Armen sind.

Ach wie muss man sich schämen, wenn man jene, die ein Vorbild in freiwilliger Armut sein und das Kirchengut an die Armen verteilen sollten, in den Kostbarkeiten, im Pomp und in der Eitelkeit der Welt schwelgen sieht.“

Überzeugt, dass die Rückkehr des Papstes nach Rom für die Reform der Kirche unabdingbar ist, fordert sie ihn auf: „Kommen Sie, warten Sie nicht auf die Zeit! Denn die Zeit wartet nicht auf Sie. (...) Kommen Sie in Milde, nur mit den Waffen und in der Kraft der Liebe.“

Nachdem sie brieflich im Konflikt zwischen Papst und italienischen Stadt-Republiken nichts ausrichten kann, reist sie im Auftrag der Florentiner nach Avignon. Da keine der beiden Seiten kompromissbereit ist, kann sie in politischer Hinsicht auch vor Ort nichts bewegen. Nun nutzt sie die Zeit für ihr wichtigstes Anliegen: die Rückkehr des Papstes nach Rom. Der an ihrem Urteil interessierte Papst bittet in Avignon wiederholt um ihren Rat und Gebet. Tatsächlich kann sie Gregor XI. zur Verlegung seines Amtssitzes bewegen. Im September 1376 verlässt er Frankreich und zieht am 17. Januar 1377 feierlich in Rom ein. Katharina hat den Mann, der seit Beginn seines Pontifikats nach Rom zurückkehren wollte, aber immer wieder auf falsche Ratgeber hörte, in seiner Absicht bestärkt und den letzten Anstoß zur Rückkehr gegeben.

Begleitet von einigen Mantellatinnen und Dominikanern zieht Katharina nun als Predigerin durch die Dörfer. Ihre politische Mission verliert sie dabei nicht aus den Augen. 1377 richtet das päpstliche Söldnerheer in Cesena ein schreckliches Blutbad an. Entsetzt korrespondiert Katharina mit dem Papst und fordert ihn auf, sich auf den eigentlichen Schatz der Kirche zu konzentrieren. „Es ist also viel besser, das Gold des weltlichen Besitzes fahren zu lassen als das Gold des geistlichen Besitzes. Güte, Liebe, Friede! Das wird mehr helfen als Krieg (...). Der Krieg ist ein Hindernis für die Reform der Kirche.“

Im Auftrag des Papstes reist sie als Friedensbotschafterin nach Florenz. Chaotische Zustände dokumentieren die Unabhängigkeit von Rom. Bevor Katharina intervenieren kann, stirbt der Papst. Die Stadt feiert den Tod des Pontifex wie ein Freudenfest. Hoffnungsvolle Friedensverhandlungen finden damit ihr Ende.

Im Auftrag des Papstes

Katharina zieht sich nun für einige Zeit ins Kloster Vallombrosa zurück und schreibt dem mittlerweile gewählten neuen Papst Urban VI. (Pontifikat 1378–1389). Sie bittet um Nachsicht für Florenz. Tatsächlich kommt es 1378 zum Friedensvertrag zwischen den Verfeindeten. Katharinas politische Sendung ist damit beendet. In Siena diktiert sie in nahezu ständiger Ekstase ihren „Dialog“.

Mit Gregor XI. war der letzte französische Papst gestorben. Nach ihm soll wieder ein Römer die Tiara tragen. Das Konklave beginnt am 7. April 1378 mit dem gewaltsamen Einbruch bewaffneter Banden in die Sitzungsräume. Die Kardinäle können sich nur durch das Zumauern der Eingänge retten. Schließlich einigt man sich auf Urban VI. Der Konflikt ist vorprogrammiert. Im September 1378 kommt es in Fondi (ital. Region Latium, südöstlich von Rom) zur Wahl eines Gegenpapstes. Er nennt sich Clemens VII. (Pontifikat 1378–1394) und residiert ab 1379 wieder in Avignon. Damit beginnt das große abendländische Schisma, das erst mit dem Konstanzer Konzil (1414–1418) endet.

Katharina steht auf der Seite des römischen Papstes. In Briefen dokumentiert sie seine Rechtmäßigkeit. Ihren letzten Brief richtet sie an drei italienische Kardinäle. „Feige Mietlinge, feige erbärmliche Ritter und Toren“ heißt sie die Männer, die zum Gegenpapst übergewechselt waren. Als Motiv für den Seitenwechsel nennt sie die Angst der Kardinäle. Die Frau, die ihr eigenes Leben gering achtet und für die Kirche das Martyrium auf sich nehmen möchte, ist von der Feigheit der Kardinäle abgestoßen.

Ihr letzter Wunsch ist es, dem Papst in Rom beizustehen. Schwerkrank trifft sie dort im November 1378 mit einigen Mitgliedern ihrer „famiglia“ ein. Trotz Gebrechlichkeit beeindruckt Katharina den Papst. Er bittet sie, vor dem neu eingesetzten Kardinalskollegium zu sprechen. Noch einmal ringt Katharina um die Einheit der Kirche.

Eine Hirnblutung setzt ihrer Mission ein Ende. Trotzdem geht sie, von Freunden gestützt, jeden Morgen die zwei Kilometer zu Sankt Peter, um „ein wenig im Boot der heiligen Kirche zu arbeiten.“ In ihrer letzten Vision sieht sie sich betend vor einem Mosaik von Giotti stehen. Ein kleines Schiff symbolisiert die Kirche. Katharina spürt das Schiff auf ihren Schultern und bricht unter der Last zusammen. Sie stirbt am 29. April 1380.

Nahezu hundert Jahre vor Martin Luther ruft Katharina von Siena ihre Kirche zur Umkehr. Wie der exkommunizierte Reformator prangert sie Missstände des Klerus an. Nur in einem unterscheidet sie sich von Luther: Sie akzeptiert die kirchliche Hierarchie als eine von Gott gesetzte Ordnung. Für die römisch-katholische Kirche ist sie damit keine Häretikerin, sondern eine hochgeschätzte Kirchenlehrerin.

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Adelheid von Hauff

Adelheid von Hauff arbeitet als Lehrerin für Evangelische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg.


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