„Da berühren sich Himmel und Erde“

Städte als Orte göttlicher Gegenwart in der Bibel und ihrer Umwelt
Foto: akg-images
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Gustave Doré (1832–1883): „Der Engel zeigt Johannes Jerusalem“, 1865.

Jenseits der konkreten Orte wie Babylon oder Jerusalem bleibt die Stadt ein theologisches Thema, denn sie steht nicht nur am Anfang der christlichen Bibel, sondern beschließt sie auch. Die Theologin Judith Filitz gibt einen Überblick.

Bis heute gilt die Stadt als Hort von Modernität und Entwicklung, Politik und Verwaltung, Kultur und Wissenschaft, kurz: als Zentrum der Zivilisation. Das Leben in Städten steht zwar nicht ganz, aber doch relativ am Anfang der Menschheitsgeschichte und tritt als eine Folge der neolithischen Revolution (der Sesshaftwerdung) sowie der Arbeitsteilung auf. Größer werdende Siedlungen, hierarchisierte Sozialstrukturen, administrative Institutionen, breitgestreute Handelsbeziehungen, Kunststandards und ein entwickeltes Schrift- und Wissenschaftssystem sind nur einige Aspekte, die eine Stadt als solche definieren. Aus kleinen Siedlungen können so über Jahrhunderte Dörfer und Städte werden: Schon am Ende des vierten/Anfang des dritten Jahrtausends v. Chr. bot das südmesopotamische Uruk rund 40 000 Menschen eine Wohnstatt und gilt als eine der ersten Großstädte.

Auch das Alte Testament verbindet das Städteleben mit den Anfängen der Menschheit, zeigt dabei aber ein durchaus ambivalentes Bild: Der zweite Schöpfungsbericht (Genesis 2–3) verlagert die Geschichte des ersten Menschenpaares Adam und Eva nicht etwa in den wilden Raum einer unberührten Natur, sondern in die Abgeschlossenheit eines gepflegten Parks, wie er aus antiken Städten bekannt war. Als erster Städtegründer (und zugleich erster Straftäter) erscheint dann allerdings Kain: In Folge der Tötung Abels ist er dazu verdammt, flüchtig und unstet auf der Erde zu sein, unfähig, selbst Ackerbau zu betreiben. Mit der Gründung der ersten Stadt findet er einen Weg, mit diesen Konsequenzen umzugehen (Genesis 4,17). Das Leben in Städten ist damit – wie im Übrigen auch andere kulturelle Fähigkeiten (Genesis 4,20–22) – Resultat der Sündhaftigkeit der Menschen. Auch Genesis 11,1–9 hat mit dem so genannten Turmbau zu Babel einen eher kritischen Blick auf die Expansion von Städten und das Streben nach dem Höher, Schneller, Weiter.

Die Urgeschichte des Alten Testaments (Genesis 1–11) verdeutlicht, dass die Stadt nicht nur eine Gegebenheit menschlichen Lebens, sondern auch ein theologisches Thema ist. Eine theologische Dimension von Städten ist jedoch kein Alleinstellungsmerkmal der Bibel, sondern altorientalisches Gemeingut: Städte galten im antiken Mesopotamien wie auch im östlichen Mittelmeerraum (Levante) und in Ägypten als Zentrum der Ordnung und damit als Schutz vor Chaos und Gefahr, was ihnen ein positives Image verlieh. Dies lag in der Vorstellung begründet, dass der jeweilige Stadtgott – in Babylon war das beispielsweise Marduk, in Uruk hingegen Anu – in Form einer Kultstatue in seinem Tempel in der Mitte der Stadt wohnte. Diese Kultbilder galten als Körper der Gottheiten, sodass in ihnen die himmlische und die irdische Welt verbunden war. Im Tempel, wo das Bild stand, berührten sich somit Himmel und Erde. Es sind diese Statuen, gegen die sich das Verbot richtet, sich ein Bild von Gott zu machen (Exodus 20,4–5). Die Kultbilder wurden entsprechend verehrt, sie wurden gehegt und gepflegt. Die Ordnung, die ein sicheres Leben in der Stadt erlaubte, strahlte vom Tempel als Wohnstatt der Gottheit in den umgebenden Wohnraum aus, nahm aber an jeder Schwelle (zum Beispiel am Tempeltor) immer weiter ab. Außerhalb der Stadtmauern – in der Steppe – war diese Ordnung nicht mehr gegeben: Hier wohnten dämonische Wesen, von denen Chaos und Gefahr ausging. Solange der Kult der Gottheit ordnungsgemäß betrieben wurde, beschützte sie die Stadt vor Feinden und Katastrophen. Sollte die Stadt doch erobert werden, ließ sich dies damit erklären, dass die Gottheit vernachlässigt worden war und darüber zornig wurde oder gar ihre Stadt verlassen hatte. Der Tempel als Wohnort einer Gottheit ermöglichte gemäß dieser Vorstellung eine Form der Gottesgegenwart. Leben in der Stadt bedeutete demnach: Leben in Gottesnähe.

Die berühmteste Stadt des Alten Orients ist unbestritten Babylon. Bis heute ist sie bekannt, genießt jedoch dank vieler biblischer Belege einen eher zweifelhaften Ruf. Vom Turmbau zu Babel bis hin zur Hure Babylon (Offenbarung 17) gilt sie als Ursprung von Hochmut, Gotteslästerung und Unzucht. Diese negative Sicht täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Babylon eine glänzende und hochangesehene Metropole war. „Babylon, Macht der Himmel, (…) Babylon, Licht der Himmel, (…) Babylon, Band der Himmel, (…) Babylon, ins Leben gerufen von den Himmeln“ – so beschreibt ein mesopotamischer Text aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. die Stadt (TINTIR I,4–7).

Berühmtes Babylon

Die Mythosdichtung Enūma Eliš berichtet wiederum, wie der Gott Marduk erst das Chaos in Form eines Wasserwesens tötete und anschließend die Welt erschuf. Als ihr Zentrum gründete er Babylon und darin seinen eigenen Tempel, von dem aus er zu herrschen und die Stadt zu beschützen gedachte. Dass Marduk selbst in der Stadt wohnte, bedeutete auch, dass man ihm begegnen konnte. Für die Babylonierinnen und Babylonier war dies im akītu-Fest möglich: Zweimal im Jahr – jeweils zur Tag-Nacht-Gleiche – verließ Marduk im Körper seines Kultbildes den Tempel und zog in einer großen Prozession, begleitet von weiteren Kultbildern (und damit aus theologischer Sicht: begleitet von weiteren Gottheiten), dem Kultpersonal und dem König, durch die Stadt. Der Zug begab sich schließlich zu einem Festhaus außerhalb der Stadt, wo die Festgemeinde einige Tage verweilte. Im neuassyrischen Assur, wo das akītu-Fest mit dem dortigen Stadtgott gefeiert wurde, trug dieses Haus den Namen „akītu-Haus der Steppe“. Dies zeigt an, dass die Gottheiten sich außerhalb der Stadt im Gebiet des Chaos aufhielten und durch ihre Rückkehr in den sicheren Raum der Stadt die Ordnung wieder neu etablierten. In Babylon, wie auch an anderen Orten, konnte die Bevölkerung an dieser Prozession teilnehmen und damit ihrer Stadtgottheit direkt begegnen. Leben in der Stadt ermöglichte so Gottesgegenwart und Gottesbegegnung.

Im Gegenüber zu Babylon ist das antike Jerusalem nicht mehr als eine Provinzstadt gewesen. Die „Stadt auf dem Berg“ (Matthäus 5,14) war etwas abgelegen, was den Vorteil brachte, dass feindliche Heerzüge dort seltener Verwüstungen anrichteten, zugleich aber auch den Nachteil, dass weniger Händler mit ihren Kulturgütern den Ort aufsuchten. Das Zentrum bildete der Tempel auf dem Zion, wo der Stadtgott Jhwh residierte. Besonders in den Psalmen wird die Bedeutung Jerusalems besungen (beispielsweise Psalm 46,5–6; 78,68–69). Dass diese Stadt für manche nicht nur das Zentrum des Königsreiches Juda, sondern auch des ganzen Kosmos war, zeigt wiederum die zweite Schöpfungsgeschichte (Genesis 2,10–14): Im Garten Eden entspringt ein Fluss, der sich in vier Ströme teilt, neben Pischon, Tigris und Euphrat auch der Gihon, der die wichtigste Quelle Jerusalems war und die Stadt so mit dem Paradies verband. Die Stadttheologie geriet ins Wanken, als der neubabylonische König Nebukadnezar II. Jerusalem 587 v. Chr. zerstörte. Die biblischen Texte ringen mit der Frage, wie Gottes Gegenwart jetzt noch denkbar sein könne und geben recht unterschiedliche Antworten: So findet sich in den Texten, in denen die Theologie des biblischen Buches Deuteronomium zentral ist, die Idee, dass die Zerstörung eine Folge des Fehlverhaltens des Volkes sei und damit eine gerechte Strafe. Eine andere Vorstellung besagt, dass Gott eigentlich im Himmel und nicht auf der Erde throne (Psalm 113,6) oder dass auf der Erde nur der Name Gottes, jedoch nicht er selbst wohne (1 Könige 8,22–53). Texte, die den Propheten Jesaja und Ezechiel zugeschrieben werden, gehen davon aus, dass Gott seine Stadt verlassen habe und sie deswegen schutzlos den Feinden ausgeliefert gewesen sei. Doch geht die Hoffnung nicht verloren, denn Gott komme zurück nach Jerusalem und wolle dort wieder wohnen. Der Bau eines neuen Tempels solle Gott eine neue Wohnstatt schaffen. Die Vision des Ezechiel, die einen neuen Tempel beschreibt, nutzt das Bild einer Quelle (Ezechiel 47,1–12): Das Wasser des Tempelflusses fließt nach Osten und macht das Wasser des Toten Meeres lebendig. Die Verortung des neuen Tempels in der Geographie des judäischen Berglandes zeichnet so erneut Jerusalem als Ort der göttlichen Gegenwart.

Die Hoffnung, eines Tages nach Jerusalem zurückzukehren und einen neuen Tempel zu errichten, erfüllte sich mit dem Beginn der Perserherrschaft. Den exilierten Judäerinnen und Judäern wurde es nach 539 v. Chr. gestattet, nach Hause zurückzukehren. Diese Möglichkeit ergriffen jedoch längst nicht alle: Viele hatten in Babylonien Familien gegründet, Arbeit gefunden und wollten dort bleiben. Jene, die hingegen nach Jerusalem zurückgingen, bauten Stadt und Tempel wieder auf, und auch der Kult mit seinen Festen, Opfern und Gebeten wurde wieder aufgenommen. Der Tempel wurde so erneut das Zentrum der Stadt und überdauerte die Herrschaft der Perser und der Griechen. Umfassend umgestaltet wurde er noch einmal am Ende des ersten Jahrhunderts vor Chr. unter Herodes dem Großen. Auch für die Jesusüberlieferung ist der Tempel ein wichtiger Ort, denkt man zum Beispiel an die Geschichte vom zwölfjährigen Jesus (Lukas 2,41–52), an die Tempelreinigung (unter anderem Markus 11,15–19) oder ganz allgemein an sein Leiden und Sterben in Jerusalem. Zerstört wurde der Tempel schließlich im Jahr 70 durch die Römer im ersten Jüdischen Krieg.

Auch im Neuen Testament sind Stadt und Stadtleben von Bedeutung. So erscheint das Verhältnis von Jesus und der mit ihm verbundenen Bewegung zur Stadt ambivalent. Hier ist zu beachten, dass gerade Jerusalem auch ein literarischer Topos sein kann. So bewegt sich zum Beispiel das Markusevangelium zwischen den Räumen Galiläa und Jerusalem: Während Ersteres, und hier besonders die ländlichen Gebiete, den Beginn von Jesu Lehre und Wirken darstellen (unter anderem Markus 1,14–15 und 1,21–28), so wird Jerusalem wesentlich mit seinen Gegnern assoziiert und schließlich zum Ort seines Leidens. Am Ostermorgen wird dann wiederum den Frauen gesagt, dass sie Jesus nicht in der Stadt, sondern in Galiläa begegnen werden (Markus 16,7). Die Größen Galiläa und Jerusalem dienen hier dazu, die Bedeutung Jesu in der Narration aus verschiedenen Perspektiven zu entfalten.

Himmlisches Jerusalem

Auch die Apostelgeschichte des Lukas’, welche die Verbreitung der christlichen Botschaft narrativ ausgestaltet, zeichnet eine räumliche Bewegung: Den Ausgangspunkt bildet das religiöse Zentrum Jerusalem als Ort der Urgemeinde, den Endpunkt Rom als Zentrum der damaligen Welt (Apostelgeschichte 1,8). Auf diesem Weg verbreitet sich der Glaube in zahlreichen Städten und Regionen, angefangen in der Levante über Kleinasien und Griechenland bis nach Rom. Dadurch entsteht in der Erzählung ein Städtenetzwerk, über das die Verkündigung erfolgreich vermittelt wird. Die Bedeutung der Städte des Mittelmeerraumes für die frühchristliche Mission zeigen auch einige der Paulusbriefe: Der Apostel suchte gezielt Ballungszentren wie Thessalonich oder Korinth auf, um immer neue Gemeinden und damit Stützpunkte für die Verbreitung seines Verständnisses der christlichen Botschaft zu schaffen.

Doch auch jenseits der konkreten Orte bleibt die Stadt ein theologisches Thema, denn sie steht nicht nur am Anfang der christlichen Bibel, sondern beschließt sie auch. Dabei sind es die Traditionen rund um Jerusalem, welche die Bilder der Offenbarung des Johannes bestimmen und mit der eschatologischen Vorstellung eines himmlischen Jerusalems die Hoffnung auf umfassende Gottesgegenwart und -nähe wachhalten. Hier schimmert auch noch eine andere alttestamentliche Vorstellung durch: Am Ende der Zeiten werden die Völker zum Zion nach Jerusalem pilgern, um Gott zu verehren (zum Beispiel Jesaja 2,1–4). Die Beschreibung in der Offenbarung ist aber besonders vor dem Hintergrund der Zerstörung des Tempels durch die Römer zu verstehen, wodurch sich die Katastrophe von 587 v. Chr. mit aller Trauer und allen daraus entstehenden Anfragen an die Theologie gleichsam wiederholte. Im Gegenüber zum dämonischen Babylon, das als Chiffre für Rom zu lesen ist, ist es in der Offenbarung das himmlische Jerusalem, das am Ende der Zeiten einen Lebensraum für Gott und Mensch bereitstellt. Jerusalem erscheint dabei als Braut, der die Hure Babylon entgegengesetzt ist.

Die Beschreibung der himmlischen Stadt, in der auch Ezechiels Vision anklingt, erinnert an den Garten der Schöpfung, überbietet ihn aber (Offenbarung 22,1–4). Am Thron Gottes entspringt ein Fluss lebendigen Wassers, der sich nicht aufteilt, sondern in seiner Einheit bestehen bleibt. An seinen Ufern wachsen Bäume des Lebens, von denen es nicht verboten ist zu essen: Kein Fluch geht mehr von ihnen aus. Der Schöpfungsgarten, der selbst auf das irdische Jerusalem anzuspielen schien, erscheint nun als eine Art (Stadt-)Park in das himmlische Jerusalem integriert zu sein. Einen Tempel wird es nicht geben, und er ist auch nicht nötig, da der Kontakt zu Gott – wie einst im Garten Eden – ohne Grenzen oder (kultische) Vermittlung funktioniert. So wird die Stadt, die vom Himmel herabkommt, zum Ort der ultimativen Gottesnähe, zu dem Ort, wo sich Himmel und Erde berühren

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