Der glückliche Witwer

Wie lange muss man Trauer tragen?

Gehört es sich, wenn der Freund nicht lange nach dem Tod seiner Frau schon wieder glücklich ist? Was sagt das über ihn? Und was sagen diese Fragen über mich?

Mein Bekannter strahlt: „Ich habe eine Freundin und bin richtig glücklich.“ Vor einem halben Jahr ist seine Frau gestorben und ich hatte mich gerade mitfühlend erkundigt, wie es ihm geht. Unser letzter Kontakt war die Beileidskarte gewesen, die ich ihm auf die Todesnachricht hin aus dem Urlaub geschickt hatte. Es war ganz schön schwierig gewesen, dort eine Trauerkarte zu finden. Jetzt bin ich fast ein bisschen beleidigt. „Stundenlang fahre ich über die ganze Insel, um eine schwarzumrandete Karte zu finden, und jetzt ist der Kerl schon wieder im siebten Liebeshimmel…,“ denke ich, sage es aber nicht. „Herzlichen Glückwunsch, da freue ich mich für Dich,“ antworte ich stattdessen, allerdings etwas holprig. Er merkt es glücklicherweise nicht, denn er ist schon dabei, mir die Vorzüge seiner neuen Partnerin zu schildern, die wie er verwitwet ist, und die er über ein Partnersuchportal für verwitwete Menschen kennengelernt hat.

Da es mein Beruf ist, Seelsorge zu unterrichten, interessiert mich sowohl sein Schicksal als auch meine Reaktion. Denn einen kleinen, holprigen Augenblick lang hatte ich das Gefühl, dass sich dieses neue Liebesglück nicht gehört. Darf der das, sich so schnell über den Verlust seiner Frau trösten? Kann der nicht wenigstens ein Jahr warten, bevor er sich neu verliebt? Meine nicht gerade einfühlsame Reaktion zeigt, wie tiefsitzend gesellschaftliche Vorstellungen über angemessene Trauerzeiten sind. Sicherlich ist das klassische Trauerjahr auch ein Schutz für die Betroffenen. Das soziale Umfeld akzeptiert, dass ein Mensch Zeit braucht, um sich mit dem Verlust auseinanderzusetzen. Was aber, wenn der Mensch länger braucht für seine Trauer? Oder eben kürzer? Dann wird aus einer Hilfestellung ein Korsett, das Menschen einengt.

Die neue wissenschaftliche Forschung zum Thema Trauer weist darauf hin, dass Menschen ganz individuell trauern. Trauernde brauchen deshalb auf ihrem Weg keine Regeln und Vorurteile, sondern Verständnis und Unterstützung. Die westeuropäische Tradition ist im Übrigen nicht der einzige Weg. Bei den Jazz-Beerdigungen in New Orleans spielen sie schon auf dem Rückweg vom Friedhof fröhliche Musik. Im Übrigen könnte es ja sein, dass mein Bekannter beides gleichzeitig lebt: Die Trauer über seine verstorbene Frau und die Freude über eine neue Liebe. Vielleicht teilen seine neue Partnerin und er beides, Trauer und Freude, und gerade das macht ihre Liebe spannend. Theoretisch ist mir das alles klar, in der Praxis aber gibt es bei mir Luft nach oben, zumindest manchmal.

Erfreulicherweise ist mein Bekannter so souverän, sich über gesellschaftliche Konstruktionen hinwegzusetzen und zu seinem eigenen Trauerweg und seinem neuen Glück zu stehen, auch wenn es sicher außer mir noch einige Menschen gab und gibt, die darauf irritiert reagieren.

Interessant finde ich im Rückblick, dass ich in meiner ersten spontanen Reaktion etwas beleidigt war. Der Grund, das gestehe ich mir heute ein, ist sicher eine Übertragung und die Furcht vor einer handfesten narzisstischen Kränkung. Ich habe mir nämlich sofort vorgestellt, wie ich es fände, wenn sich mein Mann nach meinem Tod schnell mit einer anderen Frau trösten würde. Noch schlimmer: Wenn er dabei so freudig strahlen würde wie mein Bekannter. Klare Sache: Ich würde mich nicht nur gekränkt im Grab herumdrehen, ich würde: rotieren!

Ganz schön peinlich für eine professionelle Seelsorgerin. Aber glücklicherweise bekommt das dann ja keiner mit.

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Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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